Die Humboldt-Universität zu Berlin hat Partneruniversitäten in Israel. Studierende der HU haben einen Bericht zur „Komplizenschaft der HU Berlin” erarbeitet. Mit einer Kundgebung fordern sie nun das Ende der Kooperationen.
Am 06.07 um 17:00 Uhr versammelten sich knapp 100 Studierende auf dem Hegelplatz, laut einem der Veranstalter. Auf dem Rasen steht ein Pavillon, der mit zwei Lautsprechern stabilisiert wird. Die Seiten des Pavillons sind mit Bannern verschiedener Gruppen verziert. Unter anderem von den Veranstalter*innen PalestineSolidarityPlatform (PSP), Decolonise HU Berlin und dem Referent*innen Rat der HU. Vor der Dorotheenstraße 24 wurde ein Transparent aufgehängt: „Gegen jede faschistische Politik‟. An drei Ecken des Platzes stehen Mannschaftswagen und sieben Polizist*innen sind auf der Versammlung kurzzeitig präsent.
„Wir können heute keinen sicheren Raum schaffen,‟ erklärt ein Sprecher des PSP. Dabei verweist er auf den öffentlichen Raum und die Polizeipräsenz. Wenige Tage zuvor verkündeten sie, dass ihnen ein Raum in der HU indirekt verwehrt wurde. Der Grund waren erschwerte bürokratische Hürden, die es zuvor so nicht gab, erklärt der RefRat in einem abschließenden Statement. Der Bericht zur Komplizenschaft der HU wird zwischenzeitlich unter Nieselregen vorgetragen. Kurz vorher postet die @humboldt.uni auf Instagram: „Gleich geht das Sommerfest für alle Humboldtianer*innen los! Heute aufgrund des Wetters im Foyer.‟ Währenddessen schützen sich die Teilnehmenden der Kundgebung unter Regenschirmen, Kapuzen und Kufiyas.
Der Bericht
Der 73-seitige Bericht beleuchtet die Verbindungen der HU zwischen Forschung, Programmen und Strukturen, die internationales Recht brechen und den Genozid in Gaza legitimieren oder fördern. Dabei werden Mobilitätsprogramme, gemeinsame Forschungsprojekte und weitere Forschungs-Kollaborationen mit den Partnerunis der HU analysiert. Die häufigsten Quellen sind die Internetseiten der Universitäten in Israel und weiteren in Europa, sowie das Buch „Towers of Ivory and Steel‟ von Maya Wind. *Die Ergebnisse zeigen, dass israelische akademische Einrichtungen keine neutralen Institutionen seien, sondern tief verknüpft sind zu Militär, Sicherheit und Besatzung. Im letzten Kapitel macht der Bericht auf das IAI-BERLIN Aerospace & Defense Innovation Center aufmerksam. Kai Wegner kündigte am 11. Juni die Kooperation zwischen Berlin und IAI, einem zentralen Rüstungsproduzenten Israels, an. Die Kooperation würde sich im Technologiepark Adlershof, einem Kollaborations Ort für Start-Ups, Forschung und Unternehmen, einrichten. In dem Park sind mehrere Fakultäten der HU vertreten. Somit ist ein direkter Austausch zwischen Forschung der HU und israelischer Militärproduktion möglich. Dass die HU oft auf die Entwicklungen in Berlin und Israel nicht reagiere verwickle die HU immer aktiver in eine Komplizenschaft, argumentieren die Autor*innen des Berichts. Nun, am 09. Juli, stimmte das Studierendenparlament für die Forderung der Linken Liste an die HU, alle Kooperationen mit israelischen Universitäten einzustellen.
Zurück zum Programm
Während der Kundgebung wurde ein vierseitiger Flyer verteilt. Dort sind europäische Universitäten aufgelistet, die die Kooperationen beendeten. Auf der Rückseite stehen die sechs Forderungen der Veranstalter*innen. *Eine davon ist der Boykott aller israelischen akademischen Institutionen nach Richtlinien der „Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel‟ (PACBI). *Die PACBI-Richtlinien sind Teil der BDS-Kampagne, die in Deutschland aufgrund umstrittener Forderungen als extremistischer Verdachtsfall gilt. Der Bericht orientiert sich an den Vorgaben der BDS-Bewegung und bezieht sich explizit auf die PACBI-Richtlinien. Diese richten sich an kulturelle und akademische Institutionen und Organisationen.
*Die PACBI-Richtlinien besagen, dass der Boykott auf die akademischen Institute und nicht auf individuelle Forscher*innen zielt. Ausgenommen sind Individuen, die in direkter Komplizenschaft stehen oder internationales Recht verletzen. Ebenso werden Autoritätspersonen der Institutionen in den Boykott inkludiert. Weitere Forderungen sind die Verabschiedung einer Zivilklausel an der HU, eine demokratische studentische Beteiligung in der Uni-Regierung, die Kooperation mit palästinensischen Bildungsinstitutionen, das Ende der Repression gegenüber palästina-solidarischen Studierenden und die Anerkennung des Genozids in Gaza und Deutschlands Komplizenschaft. Wie der Boykott individuelle Wissenschaftler*innen in israelischen akademischen Institutionen nicht betreffen soll, bleibt unklar. *Für Kritiker*innen stehen die PACBI-Richtlinien auch im Konflikt mit der Wissenschaftsfreiheit.
Neben der Berichtsvorstellung wird in weiteren Redebeiträgen die vermeintlich neutrale Haltung der HU zur Komplizenschaft kritisiert. Jacqueline von Arbeiter:innenmacht sieht die Entscheidung über akademische Kooperationen in den Händen der Studierenden und Mitarbeitenden. „Wir wollen nicht in der Mensa sitzen und uns die ganze Zeit fragen, ob unsere Uni gegen Menschenrechte verstößt.‟ In der folgenden Rede erklärt ein Hertie-Student, dass mit der Komplizenschaft die institutionellen Werte der Unis in den Müll geschmissen würden. Auch er habe einen Bericht zur Komplizenschaft der Hertie-School und dem Genozid erarbeitet. Eine Sprecherin des Jewish Solidarity Collective adressiert Frau von Blumenthal direkt: „There is no reason to be ashamed to learn from your mistakes. It’s a great time of humility and to cut the ties.‟
Mehr als nur ein Raum
Kurz nach Mitternacht am 04. Juli 2026 sendete der RefRat eine E-Mail an alle Studierenden der HU. Sie betonten, dass das Präsidium ihnen einen Raum verweigere, um eine studentische Forschung vorzustellen. In einer Mail, die von allen Präsidiumsmitglieder*innen unterzeichnet wurde, wiesen sie die Darstellung des RefRats von sich. Das Präsidium schreibt, die Raumvergabe sei nicht aufgrund der Inhalte verweigert worden, sondern aufgrund einer fehlenden Liste der Rednerinnen und Redner. Zum Bericht, den Inhalten und Forderungen äußerte sich das Präsidium bisher nicht. Laut einer Pressemitteilung vom 11. September 2025, entschied sich das Präsidium für die weitere Zusammenarbeit mit akademischen Einrichtungen in Israel und den Boykott abzulehnen. In der Mitteilung heißt es, dass viele israelische Universitäten die Regierung kritisieren, trotz der Repression, die von der Regierung ausgeht. *Offen bleibt dabei, wie das Präsidium die Ergebnisse des Berichts bewertet, Universitäten könnten als Institutionen und durch ihre Forschungskooperationen zu Apartheid und dem Genozid beitragen.
„Als öffentliche Institution des Landes Berlin sind wir dem Grundgesetz und der Verfassung des Landes Berlin verpflichtet‟, schreibt das Präsidium. *Partner der HU wie die Hebrew University of Jerusalem errichteten ihre Studierendenunterkünfte auf besetztem Land, was gegen geltendes internationales Recht spricht. Am Ende der Veranstaltung spricht der RefRat von bürokratischer Schikane und Knebelauflagen. *Sie würden eine vermehrte Kriminalisierung studentischer Aktionen beobachten und sprechen von Strafanzeigen gegen Studierende und der Normalisierung von Polizeipräsenz auf dem Campus. „Wissenschaft, Kritik und Solidarität verschwinden nicht, wenn man sie auf die Straße schickt. Im Gegenteil, sie werden lauter.‟ Der RefRat führt aus, es gehe nicht nur um einen Raum, sondern wer wir als Universität seien.
Foto: Andreas Stein
Änderung am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „Die Ergebnisse zeigen, dass israelische akademische Einrichtungen keine neutralen Institutionen sind, sondern tief verknüpft sind zu Militär, Sicherheit und Besatzung‟ wurde ersetzt durch „*Die Ergebnisse zeigen, dass israelische akademische Einrichtungen keine neutralen Institutionen seien, sondern tief verknüpft sind zu Militär, Sicherheit und Besatzung‟.
Änderung am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „Boykott aller israelischen akademischen Institutionen nach PACBI Richtlinien‟ wurde ersetzt durch „*Eine davon ist der Boykott aller israelischen akademischen Institutionen nach Richtlinien der „Palestinian Campaign for the Academic and Cultural Boycott of Israel‟ (PACBI)‟.
Hinzugefügt am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „*Die PACBI-Richtlinien sind Teil der BDS-Kampagne, die in Deutschland aufgrund umstrittener Forderungen als extremistischer Verdachtsfall gilt. Der Bericht orientiert sich an den Vorgaben der BDS-Bewegung und bezieht sich explizit auf die PACBI-Richtlinien. Diese richten sich an kulturelle und akademische Institutionen und Organisationen.‟
Änderung am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „Diese besagen, dass der Boykott auf die akademischen Institute und nicht auf individuelle Forscher*innen zielt‟ wurde ersetzt durch „*Die PACBI-Richtlinien besagen, dass der Boykott auf die akademischen Institute und nicht auf individuelle Forscher*innen zielt‟.
Hinzugefügt am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „*Für Kritiker*innen stehen die PACBI-Richtlinien auch im Konflikt mit der Wissenschaftsfreiheit.‟
Änderung am 13.07.2026, 23:15 Uhr: „Wie Universitäten als Institutionen, in ihren Strukturen und Forschungen zum Genozid beitragen scheint durch die Kritik israelischer Wissenschaftler*innen an der Regierung aufgewogen zu sein‟ wurde geändert zu „*Offen bleibt dabei, wie das Präsidium die Ergebnisse des Berichts bewertet, Universitäten könnten als Institutionen und durch ihre Forschungskooperationen zu Apartheid und dem Genozid beitragen‟.
Änderung am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „Dass Partner der HU wie die Hebrew University of Jerusalem ihre Studierendenunterkünfte auf besetztem Land errichteten, was gegen geltendes internationales Recht spricht, scheint der HU weniger relevant in ihren rechtlichen Verpflichtungen‟ wurde geändert zu „*Partner der HU wie die Hebrew University of Jerusalem errichteten ihre Studierendenunterkünfte auf besetztem Land, was gegen geltendes internationales Recht spricht‟.
Änderung am 13.07.2026, 22:53 Uhr: „Sie beobachten eine vermehrte Kriminalisierung studentischer Aktionen und sprechen von Strafanzeigen gegen Studierende und der Normalisierung von Polizeipräsenz auf dem Campus.‟ wurde geändert zu „*Sie würden eine vermehrte Kriminalisierung studentischer Aktionen beobachten und sprechen von Strafanzeigen gegen Studierende und der Normalisierung von Polizeipräsenz auf dem Campus‟.







