
Die Archäologie vermittelt einzigartige Fähigkeiten, die nun durch die Schließung des Winckelmann-Instituts drohen, verloren zu gehen: Es werden Grundbausteine freigelegt, um vergangene Kulturen zu verstehen, und damit auch die Gesellschaft der Gegenwart.
Das Fach der Archäologie ist so alt wie die Humboldt-Universität selbst. Seit der Gründung der Berliner Universität 1810 wird das Fach an der späteren HU unterrichtet, hier entstand der deutschlandweit erste Lehrstuhl für Ägyptologie. Nun wurde nach mehr als 200 erfolgreichen Jahren die Schließung des Instituts verkündet. Das bedeutet einen Verlust von Spezialisierungen, Forschungsprojekten, Karrierechancen und einem ganzen Netzwerk. Wenn die Archäologie nicht gefördert wird, wird ein großer Teil der Geschichte nicht mehr umfangreich nahbar sein.
„Die Grundlage, wie man sich mit außereuropäischen Kulturen auseinandersetzt, wurde durch die Beschäftigung mit der Antike gelegt. Es wäre falsch, diese Wurzeln abzuschneiden und zu denken, der Baum bleibt trotzdem stehen.“ (Gabriel Zuchtriegel, Direktor von Pompeji, FAZ 24.02)
Zusammenlegung mit der Freien Universität
Seit den Kürzungen leiden viele Bereiche. Doch wieso soll nun genau dieser Studiengang komplett gestrichen werden? Insgesamt müssen 1.5 Millionen Euro in der Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftlichen Fakultät gespart werden. Davon soll die Archäologie alleine 900.000 Euro tragen. Dass es kein fester Beschluss sei und Gegenvorschläge entworfen werden können, wurde nur kurzfristig kommuniziert, was einer möglichen Alternative wenig Chancen bereitet.
Damit die Archäologie noch irgendwie an der Humboldt lebendig bleibt, wurde die Zusammenlegung mit der FU angekündigt. Fragen darüber, wie dies genau ablaufen soll und welche Spezialisierungen dabei beibehalten werden, bleiben unbeantwortet. Sicher ist – Die fachliche Ausrichtung der einzelnen archäologischen Disziplinen rückt damit in den Hintergrund. Beispielsweise würde an der FU das Lernen von Hieroglyphen oder die Sudanarchäologie, nicht bedient werden. Diese seltenen Spezialisierungen sind an wenigen Universitäten vertreten. Auch die örtliche Nähe zur Museumsinsel macht die HU zu einem Hotspot der Forschung und des Austauschs. Erst letztes Wintersemester unterrichtete der Direktor der Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin in den Museen und Archiven als Klassenzimmer.
Bei der Ratssitzung zur Kürzung der Archäologie Anfang des Semesters behauptet die Präsidentin der HU, dass sie kleine Fächer schützen wolle. Trotzdem kann ihrer Meinung nach nicht mehr bei Wirtschaft oder Jura gekürzt werden – wegen des Verlusts an Wissensnischen. Ihre Aussage sorgte für Unruhe, da für alle Teilnehmenden klar war: die angekündigte Zusammenlegung mit der FU ist der Fall, in dem wirkliche Nischen verloren gehen würden.
Arbeiten des Winckelmann-Instituts
Die Projekte des Winckelmann-Instituts sind in der Archäologie gut vernetzt und produzieren relevante Grundlagen. Beispielsweise machen die Digitalisierungsprojekte der Agora in Athen und dem Forum Romanum in Rom Geschichte digital erlebbar und haltbar. Das „SIRIS-Projekt“ der Humboldt-Universität untersucht Siedlungen in Süditalien und fand die erste Spur der gesuchten, aus der griechischen Dichtung bekannten Stadt Siris. Auch im weltbekannten Pompeji ist das Institut durch digitale Dokumentation und Rekonstruktion im Rahmen des Projekts „Pompeji Reset“ eine treibende Kraft. Das „Berlin Idalion Project“ betreibt Forschungen zu einem Heiligtum in Zypern und stellt seit dem 4. Mai am Campus aus. Die Ausstellung beinhaltet 3D-Drucke der Funde und verdeutlicht, wie moderne digitale Methoden am Institut in die Forschung eingebunden werden. Wie man an dieser Auswahl von Beispielen sehen kann, bindet das Winckelmann-Institut digitale Entwicklungen in die traditionsreiche Forschung ein. Hier werden neue Schwerpunkte für die Archäologie entwickelt und zudem auch weibliche Personen in Leitpositionen gestützt.
Das Fach entwickelt sich mit der Zeit, wie auch das Verständnis über die Funde. Mit mangelnder Förderung geht der Zugang zu den vergangenen Kulturen verloren. Und das wo doch gerade in heutigen Zeiten die Lücken der Geschichte unablässig ausgebessert werden müssen.
„Postkolonialismus und Dekolonialisierung sind derzeit zentrale Themen innerhalb der Disziplin, und eine fundierte Ausbildung in diesen Bereichen ist essenziell, damit Politik, Gesellschaft und Institutionen bei Fragen zu Restitution und Reparationen auf Expertise aus dem Fach zurückgreifen können.“ (Jana K., B.A., Klassische Archäologie.)
Spürbarkeit der Kürzungen
In Retrospektive leuchten die bisherigen Kürzungen in Angesicht der nun angekündigten Schließung des Instituts ein. Die Zweigbibliothek wird seit einigen Jahren umgebaut, weshalb die Bücher der Archäologie ins Grimm Zentrum umgezogen sind. Die Bibliothek diente nicht nur der Aufbewahrung der Bücher sowie im Rahmen der „Digithek“ zur Digitalisierung von Schriftwerken, sondern auch als Gemeinschaftsraum, als Ort des Austauschs und des Zusammenkommens. Der Beginn des Umbaus und damit die Schließung der Bibliothek war ein spürbarer Eingriff in die Infrastruktur des Instituts. Ohne die Bibliothek direkt über dem Uni-Café bleibt nur noch die Sammlung, die sich ein Stockwerk weiter oben befindet. Die Digitalisierungsarbeiten der „Digithek“ wurden in einen kleinen Büroraum verlegt. Das Übriggebliebene steht in keinem Vergleich zum ehemaligen zentralen Treffpunkt von Literatur, Fotografie und Gipsabgüssen. Ob die Bibliothek nun nach dem Umbau wiedereröffnet werden soll, scheint unklar.
Seit 2025 haben Studierende der Archäologie darüber hinaus kein wirkliches Sekretariat mehr. Es kommt zum Personalmangel in der Verwaltung und dadurch zu massiven Verzögerungen, die auf nahezu jeder Ebene spürbar sind. Auch eine Zunahme an Unsicherheit unter den Studierenden ist vermerkbar, die sogar so weitreichend ist, dass die Abbruchquote steigt. Der Fachschaftsrat bietet Beratung für Studierende an, was jedoch kein Ersatz für die aufwändige Arbeit eines Sekretariats ist.
Im Fach Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas (AKNOA) führte eine aufgegebene Professur zum direkten Verlust des Lehrangebots und zum Verlust fachlicher Expertise.
Das Studium wird aufwändiger, die Organisation chaotischer, die Ressourcen mangelhaft und der Ausblick für die Archäologie düster.
In der Zukunft werden Projektplanungen erschwert und Möglichkeiten für Feldforschung dadurch eingeschränkt. Denn für funktionierende Projekte braucht es ausgebildete Mitarbeitende. Die Aussicht auf Promotion und damit Nachwuchs in der Archäologie schwindet an der Humboldt dagegen komplett. Die Möglichkeiten, eine Karriere in der Archäologie weiterzuführen, werden merkbar eingeschränkt.
„Das Winckelmann-Institut ist ein zentraler Ort für die Antikenforschung und damit auch für europäische Bildung.“ (Gabriel Zuchtriegel, FAZ 24.02)
Verrat der Universität
Die soziale und politische Relevanz von Tonkrügen und Mauersteinen mag für die Politik erstmal nicht direkt beachtenswert erscheinen. Doch aus Scherben wird Geschichte rekonstruiert, aus deren Entwicklung, Ursprüngen und Fehlern gelernt werden kann. Diese Rückschlüsse erwähnt auch die Politik selbst immer wieder. Archäologischen Fortschritt zu kürzen – damit stellt sich die Politik selbst ein Bein.
„Geschichte wurde von rechten bis faschistischen Personen und Regierungen schon immer instrumentalisiert, um die eigene Agenda und die eigenen Ideologien zu unterfüttern. Moderne archäologische Forschung kann helfen, das zu verhindern.“ (M.A. klassische Archäologie, Anonym)
Alle kritisieren die USA für die von Trump veranlassten drastischen Kürzungen an den Universitäten, dabei macht Deutschland nun das Gleiche. Was soll die Zukunft der Bildung und Forschung in Deutschland sein, wenn selbst die staatliche Universität der Hauptstadt sich nicht gegen die Politik stellt, und ein Zeichen setzt im Namen der Bildung, des Verstands und Progressivität? Den Schritt wagt, in Richtung gesamtgesellschaftlicher Mündigkeit und Wachheit, für deren Entwicklung Bildung den essentiellen Grundpfeiler darstellt.
Ist denn nicht die wichtigste Rolle des Universitätspräsidiums, als gesellschaftliches Rückgrat für Forschung, Bildung und Kultur zu agieren?
Was wird aus der Zukunft, wenn diese doch lieber den offensichtlichen Rückschritt geht und wortwörtlich: Bildung kürzt? Sich als Präsidium einen Namen macht, indem man ein ein seit 216 Jahren bestehendes Bildungsinsitut schließt – ganz bewusst und absichtlich?
Vielleicht bräuchte es für eine solch nachhaltig wichtige und fundamentale Entscheidung eine einsichtigere Entscheidungsinstanz der Universität.
Demonstration “Archäologie bleibt! Gemeinsam gegen die Schließung des Institut für Archäologie an der HU!” am 04.Juni 10:00 Uhr, Unter den Linden 6, Haupteingang organisiert vom FSI AKNOA und dem FSR klassische Archäologie des Winckelmann Institut.
Foto: Digithek des Winkelmann Instituts


