Don’t worry, he won’t get far on foot – eine emotionale Rollstuhlfahrt

Über einen Gehsteig irgendwo in LA fährt ein Rollstuhlfahrer. Besser gesagt: er rast. Bäumen und Passanten weicht er geschickt aus, die Bordsteine nimmt er meist lässig mit. Sein Fahrstil hat etwas von Autoscooterfahren. Die Ausstrahlung des Mannes, der verschmitzt grinst, wenn er eine alte Dame mit Krückstock überholt, schwankt zwischen Lebensmüdigkeit und unaufhaltbarer Lebensfreude.

Don’t worry, he won’t get far on foot, der neue Film von Gus van Sant ist die wohl erfrischenste Produktion des diesjährigen Berlinale Wettbewerbs. Wer auch bei politisch unkorrektem Humor lachen kann und einen Film sehen möchte, der nachhaltig zum Denken und Hinterfragen anregt, ist bei Don’t worry, he won’t get far on foot genau richtig. Gus van Sant portraitiert nach wahrer Begebenheit das Leben des querschnittsgelähmten John Callahan (Joaquin Phoenix), dessen Pechsträhne nicht erst mit dem Autounfall beginnt, der ihm Gefühl und Bewegung seiner Beine kostet.

John Callahan ist von Anfang an ein Außenseiter. Doch dieser soll er nicht bleiben – so viel vorweg. John wird als Waisenkind kurz nach seiner Geburt von einer Adoptivfamilie aufgenommen, in der er vom ersten Tag an das schwarze Schaf ist. Früh verfällt er dem Alkohol und führt ein leichtsinniges Leben in Saus und Braus. In erster Linie interessieren ihn „Babes“, Drogen, Zigaretten und vor allem Alkohol. John steckt nach dem Aufwachen noch im Bett eine Zigarette an, die nächste unter der Dusche. Als ihm der Alkohol ausgeht, rennt er mit seinem zerzausten Haar und zerknitterten Hawaii-Hemd zittrig zum Laden. Dann kauert er hinter einer Telefonzelle und trinkt den Schnaps, als wäre er Apfelsaft. Seine Aussichten im Leben sind nicht gerade vielversprechend.

Einige Jahre später sitzt John auf einer Bühne. Er ist der Mann im Rollstuhl. „Drei Dinge weiß ich über meine Mutter: Sie war Britisch-Irisch, sie hatte rote Haare und sie war eine Lehrerin… Oh! Und sie wollte mich nicht. Also sind es doch vier Dinge, die ich über sie weiß“, scherzt John und der Witz, den er nicht zum ersten Mal erzählt, klingt dennoch so, als wäre er ihm gerade eingefallen. Mittlerweile ist er ein gefragter Cartoonzeichner und Karikaturist, vor allem aber ein Lebenskünstler. Das Publikum jubelt ihm zu. John wirkt wie ausgewechselt. Der Film begleitet den Mann in unchronologischen Sequenzen auf seiner Reise vom rücksichtslosen Trinker zum besonnenen Mann.

Wir sehen John, wie er betrunken auf dem Beifahrersitz neben seinem noch betrunkeneren Freund Dexter sitzt. Und wir sehen auch, wie Dexter am Steuer einschläft und das Fahrzeug mit 140 km/h von der Fahrspur abweicht. Wir begleiten den Mann dabei, wie er querschnittsgelähmt im Krankenhaus wieder aufwacht und wie er auf der Reha Annu (Rooney Mara), der Liebe seines Lebens begegnet. Bald ist er wieder gesund genug, um mit seinen nahezu gelähmten Armen eine Flasche an die Lippen zu befördern. Es ist nicht einfach für John zurück ins Leben zu finden, seinem neuen Leben im Rollstuhl einen Sinn zu geben. Doch dann begegnen wir dem Mann dabei, wie er sich einer Gruppe vorstellt: „Hey, ich bin John“, beginnt er. Es folgt der Joke über seine Mutter. Verhaltenes Gelächter im Raum, denn das hier ist keine Bühne für Stand-Up Comedy. Schließlich traut er sich die Worte zu sagen, wegen denen er hier ist: „Hey, ich bin John und ich bin Alkoholiker“, stottert der sonst so wortgewandte Mann. „Hey John“ ertönt es im Chor und mit diesen Worten beginnt seine Hundertachziggrad-Drehung. Auf der Verwandlungsreise begegnet John dem selbsternannten Guru Donny. Auch wenn er aussieht und predigt wie Jesus, betont er „Ich bin bin nicht Jesus!“. Ihm das zu glauben, fällt wirklich schwer. Auch Donny hat jahrelang nach dem Abendmahl zu tief in den Kelch geschaut. Jetzt, wo er trocken ist, hilft er anderen Alkoholikern aus der Sucht. „Vielleicht musstest du erstmal schwach sein, um deine Stärken zu entdecken“ säuselt Donny durch seinen Rauschebart und gibt sowohl John, als auch dem Publikum einige Weisheiten mit auf den Weg.

Don’t worry, he won’t get far on foot ist ein Film, der uns einen Mann vorstellt, der es im Leben nie leicht hatte. Doch John ist nicht der Typ Mann, dem Selbstmitleid gut steht. Seine Gefühle verarbeitet er mit einer ordentlichen Ladung schwarzem Humor in seinen Cartoons. Für den selbsternannten „Krüppel“ mit dem Hundeblick der beste Weg, um sich mit seinem Schicksal auseinanderzusetzen. Jedes Mal, wenn John eine seiner Zeichnungen in die Kamera hält, denkt man sich erst „Wie obszön, über sowas macht man keine Witze!“ Doch ich – und da scheine ich im Saal nicht die einzige gewesen zu sein – habe es geschafft, die Political Correctness für 113 Minuten beiseite zu legen. Wenn man sich darauf einlässt, wird Don’t worry, he won’t get far on foot zu einer emotionalen Achterbahn- oder besser gesagt Rollstuhlfahrt. Noch ein kleiner Ratschlag: Taschentücher mitbringen, denn die Tränen fließen nicht nur auf der Leinwand.

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