„Also ich war ja gestern auf der Berlinale.“ Es sind Sätze wie diese, die jetzt durch die Hallen der Humboldt-Universität ihren unglaublichen Charme versprühen. In den Augen meiner Kommilitonen nehme ich ein leichtes Zucken wahr, denn jeder will der oder die Erste sein, um sagen zu können: „JA!“ Auch ich kulturinteressierter Student habe gestern Abend erfolglos vor der Abendkasse ausgeharrt. Im besten Fall habe man im Regen auf einem sturmgepeitschten Platz gestanden, stoisch, bereit für die Kultur Opfer zu bringen – und für einen dieser verdammt geilen Berlinale-Rücksäcke! Die baumeln dann meistens lose am Rücken, weil neben den Programmheften mit den fünf Millionen Veranstaltungen sonst nichts drin ist.

Die Berlinale ist nicht nur Film, sie ist quasi alles. So liest sich der Slogan auf der Website wie eine Verheißung: „Kunst, Glamour, Party und Geschäft sind bei der Berlinale untrennbar miteinander verbunden.“ Es ist eine Kunst, einen Überblick über das ausschweifende Programm zu behalten und man muss wirklich Glück haben, wenn der Film, für den man stundenlang im Regen auf ein Ticket wartete, dann auch noch gut ist. Schließlich wird es nicht der Film sein, den man sich ausgesucht hat, weil die Tickets online bereits nach einer Millisekunde vergriffen waren. Den Glamour kratzt man sich dann zusammen, marschiert erhobenen Hauptes und mit zerknitterten Hemd in die Vorhalle. Für Party ist gesorgt, weil man nach einem Glas Rotwein bereits seine gesamte Monatsmiete auf den Kopf gehauen hat.

Und das Geschäft? Nun, das ist der Trubel. Jedenfalls fühlt sich die Berlinale wie ein Audi-Fuhrpark mit bewegten Bildern an, untermauert von einem roten Teppich und ganz viel Illumination (und was soll eigentlich dieser Eisbär im Jacuzzi?!)! Die Strahlkraft dieses größten Filmfestivals ist so enorm, dass ich bereits seit einigen Tagen meine Sonnenbrille nicht mehr abnehmen kann. Und viel schlimmer noch: sämtliche Wettbewerbsfilme sind mir bisher verwehrt geblieben. Mein letztes Bisschen Restwürde überantworte ich da doch lieber meinem Netfix-Account.

 

Autor: Nils Katzur

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