Foto: MWFK Brandenburg

 

Ab Mai wird Prof. Sabine Kunst, aktuell noch Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Präsidentin der Humboldt-Universität sein. Mit der UnAuf sprach sie über ihre Ziele für die HU, über Kommunikation, das Studieren und natürlich auch über Kunst.

Was sind Ihre Ideen und Ziele für die HU?

Ich habe noch keinen konkreten Handlungsplan, aber es wird darum gehen, den besonderen Ruf der HU zu erhalten und zu mehren. Mir ist wichtig, dass der Inhalt auch das Programm ist. Qualitätssicherung in der Lehre ist ein ganz wichtiger Punkt. Wie lässt sich die Identifikation mit der Institution breiter aufstellen? Ich weiß aus meinen unterschiedlichen Arbeitsfeldern, dass es wichtig ist, jetzt auch Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Um ein Wir-Gefühl der Studierenden zu erreichen, ist Kommunikation mit ihnen ein wichtiges Ziel.

Wie könnte der Kontakt zu den Studierenden verbessert werden?

Neben festen Gesprächsrunden mit dem Präsidium könnte es für die Interessenvertreter Zutritt zu Präsidiumssitzungen geben. Ich will mir die Fachschaften genauer ansehen und auch auf die Ebene der Fakultäten schauen. Um die Universität in ihrer Vielfalt tiefer kennenzulernen, muss ich also, mit anderen Worten, erst mal Klinken putzen gehen. Das ist es, was ich mir für meine ersten 100 Tage vorgenommen habe.

Die HU hat ja den Ruf, unregierbar zu sein…

Das halte ich tatsächlich für einen medial gepushten Schnack. Mein Eindruck ist ein sehr positiver. Es herrscht eine hohe Identifikation und eine hohe Bereitschaft, sich für diese Uni wirklich einzusetzen. Bei so einem Job, als Präsidentin einer solchen Universität, ist das Kommunizieren mehr als die halbe Miete. Ich bin eine, die zuhört, bevor sie etwas tut. Diese Bereitschaft muss aber genauso auch auf der anderen Seite da sein.

Wie genau kann man sich denn überhaupt das Regieren einer Uni vorstellen?

Regieren gibt es ja an einer Uni nicht. Leadership passt besser. Es geht ja eigentlich auch darum, einen Diskurs zu führen, in den man mit einer begründeten Idee hinein geht. Man hat zum Beispiel eine Vorstellung davon, wie die Struktur der HU in zehn Jahren aussehen könnte. Ich sehe mich in der Pflicht, eine Anregung, eine Grundidee zu haben. In Teamarbeit wird weiter daran gearbeitet und dann wandert die Idee durch die Tiefen einer Universität, also durch die Fakultäten und Verwaltungsleitungen. Es folgen Kritik und Einwände, wie in einer Art Gegenstrom. Nach weiterem Feilen wird in den Gremien abgestimmt und versucht, Mehrheiten zu finden.

Uni-assist, die Arbeits- und Servicestelle für internationale Studienbewerber in Deutschland, wird von vielen Studierenden als diskriminierend kritisiert. Wie könnte diese Debatte angegangen werden?

Stimmt, es wird heiß diskutiert, wie man mit uni-assist umgeht. Darüber muss es einen Meinungsaustausch geben und im gemeinsamen Arbeitsprozess eine Lösung gefunden werden. Dazu gehört es, bereit zu sein, die eigene Position zu überdenken, die Vor- und Nachteile abzuwägen und auf eine gemeinsame Linie zu kommen. Wenn dann die demokratisch agierenden Gremien eine Entscheidung treffen, muss diese aber akzeptiert werden. Wird nach drei Jahren festgestellt, dass das nicht der richtige Weg war, muss revidiert werden. Man muss mit den jetzigen Anbietern ins Gespräch kommen, aber auch gegenüber möglichen Alternativen offen sein.

Welche Probleme und Herausforderungen an der HU wollen Sie zuerst angehen?

Ein wichtiger Schritt ist das Weiterarbeiten an der Strukturplanung. Die Entwicklung in der Lehrerausbildung steht vor der Tür. Zusammen mit dem Senat muss eine Balance gefunden werden, zwischen Anstrengung für die HU und der Herausforderung, dass es mehr Lehrer geben muss. Schließlich bringt es nichts, mehr Studierende in die Fächer reinzustopfen. Sie müssen ihr Studium auch erfolgreich bestehen können und damit auch glücklich werden. Das ist eine wichtige Zielstellung einer solchen Lebensphase.

Wie kann die HU mit den steigenden Studierendenzahlen umgehen?

Es kommt auf die Ressourcen und auf die Auslastung der Fächer an. Auch die Raumfrage muss beachtet werden, denn man kann ja nicht immer nur auf der Treppe sitzen.

Mit steigenden Studierendenzahlen müssen sich deutsche Universitäten ganz allgemein auseinandersetzen. Zum Beispiel gibt es Vorstufen von Universität, womit sich zum Beispiel das Zentrum für beruflich Qualifizierte beschäftigt. Dort werden erste Orientierungsphasen durchlaufen und nach einem Jahr wird dann entschieden, ob ein Studium überhaupt der richtige Weg ist.

Im Jahr 2014 gab es deutschlandweit 2,7 Mio. Studierende. 2000 waren es nur 1,8 Mio. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es heute so viele Menschen an die Universität zieht?

Die jetzige Entwicklung erkläre ich mir aus dem weltweiten Phänomen, dass die Bildungserwartung der Elterngeneration an ihre Kinder steigt. Die Nachfolgegeneration soll es besser haben. Es ist nach wie vor eine Tatsache, dass Sie mit einem abgeschlossenen Studium mehr verdienen in Ihrem Berufsleben. Die Handwerker-Ausbildungen sind leider gesellschaftlich nicht mehr so anerkannt. Noch haben wir in Deutschland das Privileg, dass viele hochqualifizierte Jobs zu vergeben sind. Außerdem haben wir hier ein ausdifferenziertes Angebot mit zum Beispiel Fachhochschulen, in denen der Teil des Anwendungsbezuges viel stärker ausgeprägt ist.

Der Tagesspiegel berichtete am 17. November letzten Jahres, dass die Technische Universität rund 65 Mio. und die Freie Universität rund 80 Mio. Euro mehr vom Berliner Senat bekommt als die HU, ohne genaue Begründung weshalb das ist so. Sollten wir uns darüber aufregen und was können wir überhaupt tun?

Aufregen sollten wir uns darüber auf jeden Fall, Geld kann man ja nie genug haben. (lacht) Es ist tatsächlich so, dass beim Vergleich der Anzahl der Studierenden die HU strukturell weniger Geld bekommt. Die neuen Hochschulvertragsverhandlungen stehen an und ich werde mein bestes versuchen, dass sich das zum Positiven wendet. Andererseits, wenn man sich die Ergebnisse in der Exzellenzinitiative ansieht, so gibt es bezüglich der Erfolge der Berliner Universitäten keine Differenz, sondern sind wir gleich auf.

Apropos Exzellenzinitiative: Sollten wir uns weiterhin um eine Teilnahme bemühen?

Ja, ich glaube, es gibt keinen anderen Weg. Sie werden als Absolventen der HU in der Welt auch was Positives davon haben, an einer solchen Universität einen Abschluss gemacht zu haben. Das gehört ja mit zu dem komplexen Ruf einer Universität. Doch sollen nicht nur einzelne Bereiche in der Forschung exzellent sein, sondern möglichst alle etwas davon haben. Einige Formate, wie das Bologna Lab und die Q-Tutorien, stehen auch Studierenden zur Verfügung. Doch solche Dinge sollen kein Tropfen auf dem heißen Stein sein, sondern wirklich was bewirken, damit letztendlich auch alle an der HU etwas davon haben.

Sie kennen den Universitätsbetrieb von vor 30 Jahren und heute. Was hat sich verändert?

Meine Studiensituation war ja in einer Zeit, in der die direkte Leistungskontrolle über die Semester nicht in diesem Maße vorhanden gewesen ist. Das bedeutet nicht, dass man weniger gearbeitet hat, aber man war freier, weil man nicht an so viele im Semester liegende Überprüfungen gebunden war. Im Bereich des Ingenieurwesens ist das Gegenteil der Fall. Da gibt es heute mehr Entspannung, weil die Stoffdichte nicht mehr so hoch ist. In den anderen Fächern hat man mehr Verlaufskontrollen. Allerdings war die Zahl der Studienabbrecher damals viel höher. In Philosophie haben 90% keinen Abschluss gemacht. Der Prozentanteil von denen, die ein Studium zu Ende bringen, ist deutlich angestiegen. Auf der anderen Seite ist natürlich der Leistungsdruck sehr hoch. Berlin-Brandenburg ist aber sozusagen eine Insel der Glückseligen, weil man nicht gleich nach zwei nicht bestandenen Prüfungen exmatrikuliert wird, wie es in anderen Bundesländern der Fall sein kann.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie in Verbindung mit der HU an Kunst denken?

Es gibt überall tolle Exemplare von Kunst, auch im Sinne von bildender Kunst. Ich habe tatsächlich ein persönliches Interesse daran. Bei aller Freude an die Humboldt zu kommen, bin ich etwas wehmütig, dass die berufliche Beschäftigung mit dem gesamten künstlerischen Bereich nicht mehr so kontinuierlich gegeben ist.

Das Humboldt Forum zum Beispiel hat eine Schaufensterfunktion für die HU und dient zur Kulturvermittlung, also auch eine Form von Kunst. Ich finde, das ist eine tolle Möglichkeit und öffnet die Frage, wie eigentlich die Übergänge zwischen Wissenschaft und Kunst sind. Wo sind die Grenzbereiche? Welche Methoden und Sichtweisen aus dem Feld des künstlerischen Wirkens kann man ergänzend und bereichernd auch in Erkenntnisbildung und Wissenschaft mitnehmen? Wie forscht man eigentlich unter Nutzung künstlerischer Arbeitsmethoden?

Wie ist Ihre Definition von Kunst?

Es stellt sich die Frage, wie viel Unabhängigkeit und Undefinierbares muss Kunst haben um wirklich Kunst zu sein? Letztendlich ist Kunst eine ganz eigenständige Spiegelung unserer Mitwelt, die unter Zugangsformen aus einem emotional und gestalterischen Bereich neue Sichtweisen ermöglicht auf etwas, das alle irgendwie kennen.

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