Home Kolumne Erasmus bei den Sch'tis Erasmus bei den Sch’tis: La Belgique à vélo

Erasmus bei den Sch’tis: La Belgique à vélo

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In den ersten Wochen meines Auslandssemesters in Lille kaufe ich mir ein klappriges Rad. Mit ihm erkunde ich als Fahrradflaneur meine neue Umgebung und radle mit einer Freundin sogar bis nach Belgien. Wie mir mein Vélo die Welt zugänglich macht und sogar dabei hilft, ein bisschen Italienisch zu lernen.

Alles Glück dieser Welt fährt auf zwei Rädern durch die nordfranzösische Provinz. In meinem Auslandssemester habe ich mir ein quietschendes, schwarzes Hollandrad angeschafft. Seitdem radle ich mit wehenden Haaren und hochgekrempelter Hose durch Lilles Straßen. Gefunden habe ich das gute Stück für 40 Euro im Internet auf Leboncoin*, dem französischen Pendant zu Kleinanzeigen. Bei der Abholung in einem abgelegenen Vorort fehlte den Reifen noch Luft, deshalb schob ich meinen Drahtesel behutsam über eine Stunde zum nächsten Fahrradladen zurück in die Stadt. Naja, kein Problem: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt!

Bei meinem ersten Ausflug zum Deûlekanal knipse ich ein Foto für meine Mutter. „Ach Tobi, das freut mich ja so, dass du in einer Fahrradstadt ein schickes Rad gefunden hast“, meint sie am Telefon, „die Kohle schicke ich dir gerne, dann kannst du das Rad als mein Geschenk betrachten.“ Danke Mama, diese milde Gabe empfange ich natürlich mit offenen Armen! Auch meine Berliner Mitbewohnerin ist entzückt: „Dein Fahrrad sieht perfekt aus, Tobi. Überlegst du vielleicht sogar, es mit nach Berlin zu nehmen?“ Gute Idee, bei so viel Begeisterung vergesse ich beinahe das nervige Quietschen des Sattels und den Gewaltmarsch bei der Abholung.

Als ich eines langweiligen Septemberabends nicht weiß, wohin mit mir, schwinge ich mich spontan auf meine Kiezpeitsche und fahre ohne Plan los. An einer Ampel am Park Jean-Baptiste Lebas steht ein Schwarm von Cyclisten im Feierabendverkehr – ein Bild für die Götter! Ich fahre vorbei am glänzenden Europaviertel mit seinen spiegelnden Hochhäusern, durch die prächtige Allee eines bürgerlichen Vororts. In Lille sprießen die roten, asphaltierten Radwege nur so aus dem Boden; überall wird emsig in die Pedale getreten. Stets fahre ich auf einem isolierten Radweg, bis ich irgendwann auf dem ausgestorbenen Marktplatz der Nachbarstadt Roubaix lande. Vielleicht ein guter Moment umzudrehen, denke ich als es schon dunkelt.

Meine alte Tretmühle macht mir die Welt zugänglich. In einer Stadt, in der ich mich zu Beginn manchmal einsam fühle, werde ich zum Fahrradflaneur: Ich erkunde die Stadtviertel Lille-Centre, Vieux-Lille, Moulins, Wazemmes, Euralille und den schönen Jardin des Plantes im Süden. Auf zwei Rädern gleite ich sanft durch die Straßen und lausche dem Französisch der Menschen auf den Gehwegen.

Amici in bici

Auch meine italienische Freundin Ludo hat sich ein Vélo angeschafft. Von ihrer Mitbewohnerin kaufte sie einen sportlichen, silbernen Flitzer mit tiefem Sattel und breiten Reifen. Meistens düst sie mit Sonnenbrille und einer lila Mütze durch die Gassen. Freihändig fährt sie aber nur in Moulins, wo sie wohnt und jede Straße kennt. Häufig fahren wir gemeinsam nach dem Bouldern oder aus einer Bar nach Hause. An einer Weggabelung vor dem Boulevard de la Liberté führen unsere Wege auseinander.

Ludo meint grinsend: „Immer, wenn wir uns dort verabschieden, fühle ich mich wie Paul Walker und Vin Diesel in der Schlussszene von Fast and Furious 7. It’s been a long day without you my friend. And I’ll tell you all about it, when I see you again.” Ich muss laut lachen. „Mais carrément, du hast recht!“, antworte ich. Nur gibt es bei uns keine brüllenden Motoren, sondern vier Beine, die still in die Pedale treten.

Mit dem Fahrrad nach Belgien

Eines Morgens, als ich meine schwere maronenbraune Tür öffne, steht da schon Ludo mit ihrem Rad. Heute wollen wir gemeinsam nach Belgien radeln – von Lille sind es nämlich nur etwas mehr als 20 Kilometer. Bei der Bäckerei meines Vertrauens gönnen wir uns noch ein stärkendes Pain au Chocolat, bevor wir uns auf den Sattel schwingen.

Unser Weg führt immer entlang des schönen Deûlekanals. Der Kiesweg außerhalb der nordfranzösischen Metropole fühlt sich wie eine Reise in die Vergangenheit an. In Wambrechies fahren wir an einem alten, stillgelegten Industriehafen vorbei, rostige Kräne ragen in den Himmel. Für eine Trinkpause lassen wir uns auf einer schönen Bank nieder und plaudern über das Leben. Als es zu tröpfeln beginnt, steigen wir wieder auf unsere Räder und rollen gemütlich weiter.

Schon wenige Kilometer außerhalb der Metropole fühlt sich der Norden wie ein dichter Flickenteppich aus Feldern an. Die flache Szenerie erinnert Ludo an die Region Pianura Padana in Italien. Mit einem Videocall rufen wir unsere Freundin Alice an, die in der Stadt Ferrara, in dieser Gegend aufgewachsen ist. „Belgiiiien, gleich habt ihr es geschafft!“, jubelt sie uns zu.

Italienisch für Anfänger

Endlich angekommen, sitzen wir auf einem kleinen Kirchvorplatz und essen Reis und Rosinenbrot. Ein Kranz liegt vor einem alten Kriegerdenkmal, das an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkriegs erinnert. Er wirkt noch frisch. Zwei Tage zuvor, am elften November, war l’armistice – der Tag des Waffenstillstands im Ersten Weltkrieg. Mich überkommt ein unheimliches Gefühl: Vor etwa hundert Jahren lagen sich hier junge Menschen in unserem Alter in den Schützengräben gegenüber. Heute fahren wir in unserem Erasmussemester unbedarft mit dem Fahrrad über die Grenze – und bemerken sie kaum.

In unserer Pause beginnen wir ein Experiment: Ab jetzt kein Englisch mehr! Weil ich italienisch lernen möchte, spricht Ludo nur noch in ihrer Muttersprache und ich antworte auf Französisch – wir sind ja schließlich auch hier, um etwas zu lernen. Sie beginnt vorsichtig und langsam. „No vabbè, es ist so komisch italienisch mit dir zu sprechen“, meint sie grinsend. Aufmerksam hänge ich an ihren Lippen, und wie durch ein Wunder verstehe ich sie und sie versteht mich.

Wir sind beide begeistert davon, dass unser Sprachexperiment funktioniert. Bisher war es mir nur gelungen, einzelne Wortfetzen zu verstehen. Nun zahlt sich meine langjährige Obsession für die eng verwandte französische Sprache aus. Während ich eifrig die neu gelernten Vokabeln in mein Handy tippe, versuche ich ihr die französischen Entsprechungen zu erklären. Gemütlich rollen wir kurz darauf wieder durch die himmlische Einöde zurück nach Lille.

Fahrlässigkeit zollt ihren Tribut

Wochen später verbringe ich einen Abend mit italienischen Freunden in einer Bar. Als wir irgendwann gehen wollen, stehe ich auf einmal vor einem leeren Fahrradständer. Mein geliebtes Fahrrad ist weg! Gestohlen in einer dunklen, verregneten Liller Nacht. Ich bin baff. Dummerweise hatte ich es nur mit dem Felgenschloss und nicht mit dem großen Kettenschloss abgesperrt – meine Fahrlässigkeit zollt jetzt ihren Tribut. Meine Freunde trösten mich und streicheln meine Seele. Auf dem Nachhauseweg fühle ich mich nicht betröppelt. Stattdessen bin ich noch von der gemütlichen, netten Runde zuvor erfüllt.

„Das ist einfach nicht fair! Für die übrige Zeit in Lille können wir uns mein Fahrrad teilen“, meint Ludo am nächsten Tag großherzig. Ich bedanke mich für ihren Aufmunterungsversuch. „Bist du sehr traurig?“, fragt sie. „Nein, es hat mir ja treue Dienste geleistet und war sehr günstig“, antworte ich. „Und ich bin froh, dass wir unseren Ausflug nach Belgien schon unternommen haben, die schönen Erinnerungen werden bleiben“, schiebe ich hinterher. Wer solche Freunde hat, der ist auch ohne quietschendes, schwarzes Hollandrad glücklich, denke ich.

 

Anm. der Redaktion: Dieses Fahrrad wird gesucht. Bei Hinweisen, melden Sie sich bei uns chefred@unauf.de

 

 

 

 

*le bon coin bedeutet auf deutsch etwa „der richtige Ort“


Illustration: Lucia Maluga