Auch Gespenster wollen geliebt werden. Mit der Pfingstrosenlaterne des japanischen Erzählers Sanyutei Encho (1839-1900) bringt Die Andere Bibliothek eine unheimliche Liebesgeschichte heraus, deren Stoff bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Es geht um Rache, wandelnde Skelette und Schicksale, die noch den Tod überdauern.

Nun bin ich vielleicht nicht besonders geeignet, von diesem Buch zu sprechen. Nach der Lektüre des Nachwortes, das die Erlanger Japanologin Martina Schönbein dieser Ausgabe beistellt, bin ich davon umso mehr überzeugt. Die Geschichte der Pfingstrosenlaterne, in der Fassung, in der sie Die Andere Bibliothek präsentiert, spielt mit einem ausgesprochen komplizierten Netz aus Referenzen und Traditionen, die mir vollkommen unbekannt sind. Der Text – überhaupt “der Text“: Das, was hier als Text erscheint, ist eine Ruine, ein verlassenes Haus, in dem ganz eigene Gespenster wohnen.

Die Erzählung zweier Menschen, die sich nicht lieben dürfen, deren Liebe sich ins Schauerliche verkehrt, als O-Tsuyu in Gestalt eines Gespenstes ihren Liebhaber Shinzaburo heimsucht, hat ihr Vorbild in einer chinesischen Gruselgeschichte des 14. Jahrhunderts.

Im 17. Jahrhundert überbeitet die Geschichte der buddhistische Priester und Schriftsteller Asai Ryōi und verbreitet sie in Japan. Sanyutei Encho wiederum, der hier auf dem Buchrücken als Autor steht, ein Geschichtenerzähler im Übergang von der Edo- zur Meiji-Zeit, erweitert die Erzählung.

Vor allem aber ist es eine Erzählung: Die Pfingstrosenlaterne wird von Sanyutei Encho an mehreren aufeinander folgenden Abenden vor einem Publikum erzählt, oder besser: inszeniert, denn Mimik und Gestik, schließlich auch die spärlichen Requisiten des Erzählers – ein Papierfächer und ein Handtuch – waren für die Unterhaltung des Publikums und die Dynamik der Erzählung entscheidend.

Gespenstische Atmosphäre

Wenn man also dieses Buch aufschlägt, ein Buch übrigens, das die Schönheit seiner Form der Leipziger Grafikerin Franziska Neubert verdankt, dann ist da schon etwas, das fehlt. Das nicht sichtbar, aber dennoch irgendwie da ist. Eine Stimme, zum Beispiel, die Stimme eines Erzählers, eines Autors, das Klappern von Holzsandalen in der Nacht, wenn sich die Gespenster nähern, das leise Geräusch, mit dem eine papierne Tür aufgeschoben wird.

Der Ausdruck auf Shinzaburos Gesicht, als er den Schein der mit Pfingstrosen geschmückten Laterne, die O-Tsuyu und ihre Dienerin tragen, vor seinem Haus aufleuchten sieht. Vielleicht die erstickten Stimmen der Nachbarn, die am nächsten Morgen in das Haus eindringen und ein grausiges Bild vorfinden. Das alles ist verloren, und doch lässt sich spüren, dass es da war. Ziemlich gespenstisch.

Wie so viele Schauergeschichten beginnt auch die Pfingstrosenlaterne mit einer Gewalttat, einem ersten Konflikt, der nach Auflösung verlangt und die verschiedenen Bewegungen von Heimsuchung und Wiederkehr innerhalb der Erzählung ordnet. Am elften April 1743 erschlägt der Samurai Ijima Heizaemon auf einer Straße in Edo den Ronin Kurokawa Kozo, der betrunken Ijimas Diener beleidigt und den Samurai öffentlich demütigte.

Obwohl der Vorfall sogleich gemeldet und für rechtens befunden wird, stellt er doch den Ausgangspunkt für mindestens zwei, kompliziert miteinander verwobene Erzählstränge dar, die annähernd alle beteiligten Personen in mindestens zeitweiliges, meistens aber endgültiges Unglück stürzen.

Endgültiges Unglück

Weil es sich um die Mitschrift einer mehrtägigen Inszenierung handelt, gewinnt die Pfingstrosenlaterne eine Struktur, die dem europäischen Fortsetzungsroman nicht unähnlich ist. In den 22 Kapiteln, die mit einer kurzen Zusammenfassung der bisherigen Handlung beginnen und mit einem Cliffhanger enden, werden die verschiedenen Erzählungen abwechselnd gesponnen:

Eine Rachegeschichte um Ijima und seinen neuen Schüler Kosuke, der seinen Herrn vor der hintertriebenen Dienerschaft beschützt und schließlich erkennt, dass er selbst ohne es zu wissen bereits Teil einer wahrscheinlich kosmischen Vergeltungskonstellation ist – und die unglückliche Liebesgeschichte, die Gespenstergeschichte um Ijimas verstoßene Tocher O-Tsuyu und den Ronin Hagiwara Shinzaburo.

Als Shinzaburo erkennt, dass er ein Gespenst liebt, sucht er Hilfe bei Osho Ryoseki, einem buddhistischen Priester. Ryoseki schließlich eröffnet ihm die ganzen Ausmaße seines Unglücks: „‘Dein Schicksal wird von tief verborgenen Ursachen bestimmt‘, sagte Ryoseki. ‚Auch wenn ich dies sage, wirst du es kaum begreifen können.

Gleichwohl verfolgt dich der Geist nicht aus Bosheit, sondern aus großer Liebe. Schon seit drei oder vier Wiedergeburten verfolgt dich, wechselnd zwischen Leben und Tod und ihre Gestalt verändernd, eine Frau, die dich liebt. Diesem Schicksal kannst du nicht entrinnen. Wie du es auch anstellen magst, du wirst ihm nicht entgehen.”

Die Unbedingtheit des Schicksals

Im Verlauf der Geschichte, so kann man aus dem Nachwort von Martina Schönbein lernen, enthüllen sich die Karmabeziehungen der einzelnen Personen. Und tatsächlich scheint das buddhistische Kausalitätsprinzip der eigentliche Grund des Textes zu sein, gerade so, dass sich alle Handlungsstränge als miteinander verwoben zeigen: Alle Schicksale sind miteinander verbunden, und wenn noch jede Ursache ihre Wirkung finden muss, dann können auch die Toten nicht lang in ihren Gräbern verweilen.

Die Pfingstrosenlaterne von Sanyutei Encho ist ein Buch über diese gespenstische Unbedingtheit des einzelnen Schicksals, aber es ist auch eine Liebesgeschichte, eine Gesellschaftssatire und vielleicht sogar magischer Realismus. Wenn diese Geschichte, so heißt es am Ende des Buches, „nur ein wenig das Böse mindert und das Gute fördert, war das schon der Mühe des Erzählens wert.“

 

Sanyutai Encho: Die Pfingstrosenlaterne. Übertragen aus dem Japanischen von Ingo Böhm. Mit Holzschnitten von Franziska Neubert und mit einem Nachwort versehen von Martina Schönbein. Die Andere Bibliothek: Berlin 2019. 336 Seiten, 44,00 €.

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