Die Textil-Triennale in Riga findet dieses Jahr zum siebten Mal statt. Zur Frage „Quo vadis” haben 79 internationale Künstler*innen Antworten gefunden. Die Kuratorin Velta Raudzepa hat jede dieser Ausgaben begleitet – mit einem eindeutigen Fazit. 

Dieses Jahr ist alles anders. Statt der üblichen drei Jahre zwischen den einzelnen Ausstellungen sind nun fünf Jahre seit der letzten Ausgabe der Textil Triennale vergangen. Die Verzögerung ist durch die Corona-Pandemie entstanden, eine digitale Version kam für das Kurationsteam nicht infrage. Lieber behandeln sie die prägende Zeit mit weiteren Werken unter dem Themenschirm “Captured in reality” als integraler Bestandteil der Triennale.

Zum Thema „Quo vadis” wurden Anfang 2023 von einer Jury in Riga 79 Künstler*innen ausgewählt, die sich mit textilen Exponaten im Rahmen einer offenen Ausschreibung beworben hatten. Die Anzahl der Bewerber*innen, so Velta, steige mit jeder Triennale weiter. In diesem Jahr sind es 273 gewesen. Die finalisierten Exponate befinden sich  in der Georg-Kirche in der Rigaer Altstadt. Es ist das älteste Gebäude Rigas und, wie Velta findet, ein durchaus geeigneter Ort für die Triennale. Weitere Exponate sind in der Bourse von Riga, nur ein paar hundert Meter weiter, ausgestellt. 

Pandemiezeit

Der polnische Künstler Jonathans E. Jurkovskis verarbeitet seinem komplett schwarzen, von der Decke hängenden Netz die erlittenen Verluste in der Pandemie und das Schwinden. Die gestrickte Kunst ist vier, Jurkovski nahestehenden Menschen gewidmet, die während der Covid-19-Pandemie gestorben sind. Dennoch ist der Titel hoffnungsvoll. „Mandorla for Heaven” impliziert, dass der Tod nicht nur ein Ende, sondern gleichzeitig auch ein Anfang bedeutet, erklärt uns Velta Raudzepa.

Seit der Gründung ist sie leitende Kuratorin. Jede Ausgabe der Triennale, so erzählt sie, habe dabei eine spezielle Wirkung. Die letzte, zum Thema Identität, habe sie tief bewegt. Dieses Jahr, in dem die Künstler*innen sich mit der Frage unserer Zukunft beschäftigen, sei dieser Effekt noch größer. Und besorgniserregender.

Die derzeitige Triennale hat den 79 ausgewählten Künstler*innen die Frage gestellt, wohin es gehen soll. Die Antworten darauf sind vielschichtig, teilen aber die Erkenntnis, dass einschneidende gesellschaftliche Ereignisse wie Krieg niemanden unberührt lassen. Velta Raudzepa sieht in der Triennale vor allem den politischen Gehalt der Kunst, wie sie hier präsentiert wird: „Diese Triennale zeigt, dass sich Kunst in vielerlei Hinsicht verändert hat.” Die Textilien erzählen Geschichten und Wahrheiten, berichten von Narben und Hoffnungen.  Eigentlich könnten Künstler*innen auch als Journalist*innen verstanden werden, meint Velta, „so wie ihr”, sagt sie und schmunzelt.

Das aktivistische Potential von Kunst erkennt auch Silvia Piza-Tandlich aus Costa Rica. 

„All dressed up with nowhere to go” ist ein Textilbild aus organischen und synthetischen Materialien. Gewebt, appliziert und bestickt zeigt es eine farbenfroh-festliche Figur im Camp Style. Doch die fröhlich wirkende Textilallegorie trügt. Das Objekt ist viel eher eine Bestandsaufnahme mit ernster Essenz. Neben dramatischen Folgen der Pandemie für Mensch und Natur, sieht die Künstlerin die Autonomie und Einzigartigkeit des Textilgenres an sich gefährdet. Diese außergewöhnliche Reflexion gegenwärtiger gesellschaftlicher Herausforderungen, ob  Diskriminierung, Klimawandel oder Krieg,  ist ein Aufruf zur Kreativität beim Umgang mit dem Ernst der Realität. Piza-Tandlich schreibt zu ihrem Werk: „Wenn es niedlich aussieht, wird es vielleicht niemanden vor den Kopf stoßen? Doch die Realität ist für mich und für uns alle grausam, und es ist eine Mahnung, innezuhalten und zu überlegen, wohin gehst du wirklich?”

Mutterschaft

Velta betreut den Teil der Triennale, der zum Museum für dekorative Kunst in Riga gehört. Sie kennt die Biografien aller ausstellenden Künstler*innen. Einige davon, erzählt sie, seien ihr besonders ans Herz gewachsen. Lieblingsexponate hat sie natürlich, doch verrät sie nicht, um welche es sich handelt. Stattdessen führt sie mit geübtem Blick durch den Raum und verharrt am Objekt von Helena Vadsleja, eine kanadische Künstlerin, die sich mit „Cradle to Grave… (In Sorrow Thou Shalt Bring Forth Children)” der Frage nach Mutterschaft widmet. Von der Decke hängen Socken, bestickt mit jeweils XX, dem weiblichen, oder XY, dem männlichen Chromosomen. Die Strümpfe  gehen auf eine britische Tradition zurück. Sie werden ein Leben lang gestrickt, um sie schließlich zu Grabe zu tragen. Vadsleja entschied sich, diesen Akt des Strickens mit der Frage nach Mutterschaft zu verbinden. Denn die meisten der Eizellen, mit denen Frauen geboren werden, sterben vor Beginn der Pubertät ab. Während durch das Stricken kontinuierlich ein Objekt entsteht, verschwinden Eizellen sukzessiv im Verlauf des Lebens. Die beiden Strümpfe, bildlich einem Uterus angenähert, bilden einen Teil der Ausstellung aus, in dem es dezidiert um Frauen geht. 

Die Künstler*innen selbst, erklärt Velta, sind divers zusammengesetzt. Der Bewerbungsprozess zur TextilTriennale ist anonym konzipiert, sodass weder Alter noch Geschlecht der Bewerber*innen die Entscheidungen der Kuration beeinflussen. 

Vogelperspektive

Das Exponat von Dzintra Vilks trägt den Titel „Before the Road”. Zu sehen sind eingeschnürte Vögel auf Ästen, vertikal übereinander gestapelt. Sie schauen in unterschiedliche Richtungen, aber halten sich eng aneinander gedrängt. Sie bestehen aus Leinen, Baumwolle, synthetischen Fasern, Glas und Plastik. 

Die 1948 geborene lettische Künstlerin hat mit diesem Kunstwerk einen exemplarischen Beitrag dafür geliefert, welchen drastischen Einfluss der Krieg auf die Kunst hat. Denn was als künstlerischer Beitrag zum Thema Migration geplant war, lässt sich seit der russischen Invasion der Ukraine nur noch als Beitrag über die Flucht vor dem Krieg lesen. Erst im vergangenen Jahr war ihre Solo-Ausstellung „Still Life with a Migratory Bird” im Lettischen Nationalmuseum der Kunst zu sehen. Ihre Perspektive hat sich von Vögeln zu Menschen verschoben.

Vögel sind ein beliebtes Motiv der diesjährigen Triennale. Sie symbolisieren nicht nur Migration, sondern können auch Folgen des Klimawandels aufzeigen. Darauf weist die amerikanische Künstlerin Carol Eckert hin. Mit ihrem Ausstellungsobjekt „Ghost Flock”, das aus einzelnen, von der Decke hängenden Vögeln besteht, lenkt sie die Aufmerksamkeit auf eine aussterbende Vogelart, den Pfuhlschnepfen. Diese leben bevorzugt in Feuchtgebieten – die aber aufgrund des Klimawandels immer rarer werden. Eckert häkelt die gefährdeten Pfuhlschnepfen nach – aus Baumwolle und Leinen. Die Technik ist nicht beliebig, sondern in den Kunstprozess eingebunden. Die Verbindung von Mensch und Natur wird durch den Vorgang des Häkelns betont, wirft aber gleichzeitig Fragen über die Zukunft von einerseits Handwerk und andererseits Lebensraum auf.

Velta schließt unseren Besuch und die Ausstellung mit „Shit Happens”. Ein schwarzer, handgeknüpfter Teppich übersät mit weißen, imitierten Vogelfäkalien. Krista Lesis Inspiration waren Vögel in Tallinn, die überall ihren Kot hinterlassen. Der Teppich, unter anderem auch Zeichen für die natürliche Umwelt und Biodiversität, ist gleichzeitig ein metaphorischer Spiegel für die gegenwärtig wortwörtlich beschissene Realität. Pandemien, Krieg und Klimawandel entziehen sich mehr oder weniger unserer Kontrolle. Das Objekt ist ein Aufruf zur Hinnahme und Akzeptanz dieser unumgänglichen Tatsache, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Es sind eben Rug Times.

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Illustration: Elīna Brasliņa