Home Film “Priscilla”: Friede der Stille, Krieg den Montagen!

“Priscilla”: Friede der Stille, Krieg den Montagen!

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Sofia Coppola beleuchtet in ihrem neuesten Film Priscilla die Beziehung von Elvis und Priscilla Presley, vom Anfang, als der zehn Jahre ältere Rockstar die 14-jährige Priscilla trifft, bis zum Ende, in dem sie die Kraft findet, ihn zu verlassen.

Was es bedeutet, im Schatten eines großen Mannes zu stehen, sollte Sofia Coppola eigentlich nachvollziehen können. Nicht nur, weil sie die Tochter des Film-Giganten Francis Ford Coppola ist, sondern auch, da Priscilla Presley als Co-Produzentin ihr doch bestimmt einiges erzählt hat. Eigentlich müsste sie es wissen. Bereits in ihrem 2003 erschienenen Film Lost in Translation hat sie eine zurückgelassene, einsame und hochintelligente Frau klug und vielschichtig inszeniert. Hier mag ihr das jedoch nie so recht gelingen.

Und damit ist die Prämisse schon geklärt: Coppola erzählt hier die Geschichte Priscilla Presleys, die mit vierzehn Jahren den Rockstar Elvis Presley auf einer seiner Partys in Deutschland kennenlernt, als er dort seinen Wehrdienst absolviert. Auf der zweiten dieser Partys küsst er sie bereits. Er zu dem Zeitpunkt volle 24 Jahre alt, sie zarte 14. Der Film verfolgt Priscilla durch eine Achterbahn von Ehe bis sie Elvis schließlich fünf Jahre nach ihrer Heirat, mit der das Paar wartete bis Priscilla 21 ist, verlässt. Die Zeit, die sie zusammen verbringen, ist geprägt von Elvis‘ Auf und Abs, er wankt zwischen dem liebenden Ehemann und dem abweisenden bis gewalttätigen Fremdgeher. So soll das Genre des Rockstar-Biopics neu beleuchtet werden und mit Priscilla eine der Leidtragenden eine Stimme bekommen. So gut die Absichten.

Der erste Eindruck metaphorischer Eleganz verfliegt schnell

Der Film startet zunächst zumindest interessant: Über mehrere Sekunden werden ihre nackten Füße gezeigt, die über einen kitsch-pinken und plüschweichen Teppich gehen. Der Shot erinnert – wieder – an die legendäre Anfangsszene aus Lost in Translation, die Scarlet Johansson von hinten in einem durchsichtigen rosa Slip zeigt. Beide Szenen ziehen sich so lange, dass man beschämt wegschauen möchte. Ich horche also interessiert auf. Die Füße, zu denen Priscilla sich Elvis unterwirft? Die Beine, auf denen sie nie wirklich selber stehen wird?

Doch dieser Eindruck metaphorischer Eleganz verfliegt schnell. Viele Aspekte werden im Film selbst nie begründet und machen jeden Versuch der Immersion zunichte. An dieser Stelle eine ganz grundsätzliche Frage: Wieso möchte ein erwachsener Soldat mit einer (offenbar) glücklichen Ehe unbedingt eine Neuntklässlerin mit auf die Party eines Rockstars nehmen? Allein dadurch, dass diese Frage offengelassen wird, steht Coppolas Geschichte hier auf eher wackligen Füßen.

Doch nicht sie allein sorgt dafür, dass Zuschauende emotional immer eine Armlänge weg von dem Gezeigten bleiben. Während Cailee Spaeny, die die Figur der Priscilla verkörpert, zumindest als junges Mädchen eine passable Leistung vollbringt, etwa als stolzes Schulmädchen an Elvis‘ Hand und trotzige Teenagerin vor ihren Eltern, so findet man keinerlei Entwicklung mit fortschreitendem Film. Euphoria-Star Jacob Elordi als Elvis Presley tut leider auch nicht mehr, als einen uninteressierten, teilweise gewalttätigen und generell schrecklichen Ehemann zu spielen. Gut gewählt ist zumindest der Kunstgriff, eine sehr kleine Schauspielerin neben den 1,93 Meter großen Jacob Elordi zu stellen. Das Ungleichgewicht der Machtstruktur zwischen den beiden wird so eindrucksvoll visualisiert.

Es wird nicht komplexer als Elvis-böse und Priscilla-gut

Die anfangs erwähnte Beteiligung Priscilla Presleys an der Produktion dieser Coming-of-Age Geschichte ihrer selbst schlägt sich zu deutlich in ihr nieder: Leider wird sich nie getraut, einen neuen Weg zu gehen. Es wird nicht komplexer als Elvis-böse, Priscilla-gut. Man fragt sich, was überhaupt erzählt werden soll. Lieber wird die zweiundfünfzigste Montage mit gefühlsduseliger Musik und 60er/70er Jahre-Ästhetik ohne jegliche Plot-Relevanz gezeigt, als ruhige, emotional tiefe Momente für sich stehen zu lassen. Trotz toller Kostümarbeit und schönen (wenn auch etwas kalten) Szenenbildern verpasst Coppola hier einige vitale Chancen.

So fühlt sich auch das Ende abrupt und wenig erarbeitet an. Der interessante Punkt, an dem eine innere Veränderung in Priscilla vor sich geht, wird – mal wieder – in einer leidigen Montage gezeigt, in welcher Priscilla zwei Runden Krav Maga absolviert, mit ihrer Tochter spielt und dann an Elvis‘ Bett mit einem einfachen „I’m leaving“ tritt. Daraufhin eine – weitere – Montage, wie sie deren gemeinsames Anwesen verlässt. Im Hintergrund läuft Whitney Houstons’ „I Will Always Love You“ und sie fährt aus dem Tor. Ende. Ein schlecht gemachtes Musikvideo hat ähnlich viel Aussagekraft wie diese 110 Minuten.

Vielversprechende Prämisse

Bei jeglichem Respekt, den ich für Sophia Coppola finden kann, bei aller Verehrung für einen meiner liebsten Filme Lost in Translation, kann ich diesem Film doch leider nichts abgewinnen. Es ist, als wären ihm Leinen angelegt worden, als hätte man unbedingt Priscilla Presley zusagen wollen, dass das auch ja eine Geschichte wird, bei der sie gut wegkommt. Einer Geschichte, in der auch Elvis Presley nicht in jeder Konsequenz als der Straftäter dargestellt wird, der er (zumindest in Bezug auf Priscilla) zu sein scheint. Die beiden waren trotz allem bis zu seinem Lebensende befreundet.

Leider wird so verfehlt, die Geschichte der beiden echten Menschen zu erzählen. Beispielsweise zu zeigen, dass Priscilla Presley in ihrer Verzweiflung auch Elvis betrügt. Die Zuschauenden möchten doch mit einem unperfekten Menschen sympathisieren. Wir wollen sehen, wie dieser auf das ihm angetane Unrecht reagiert, sich wehrt oder verstehen, warum er dies nicht tut. Priscilla schaut man hier jedoch nur zu, wie sie sich der Abwärtsspirale hingibt, ab und zu traurig in die Kamera blickt und dann plötzlich ein geheilter Mensch ist. So zieht die Handlung einfach an einem vorbei, obwohl die Prämisse so vielversprechend zu sein schien.


Foto: Philippe Le Sourd ©mubi