Im Hamburger Bahnhof läuft seit dem 13. Juni diesen Jahres eine opulente Ausstellung zu Ehren des 100. Geburtstag von Joseph Beuys. Dabei wird hierorts besonders die Sprache des großen Künstlers in den Blick genommen.

Auf dem Boden ein Rechteck aus Kupfer, zusammengesetzt mit weiteren kleinen und großen Filzquadraten, alles fixiert mit Bienenwachs. Dazu klingt aus Lautsprechern jene Stimme, die man an ihrer eigentümlichen niederrheinischen Färbung unter hunderten erkennen würde. “JaJaJaJaJaJa…NeNeNeNeNe‘‘, wiederholt die Hauptperson der Ausstellung in einer Endlosschleife. Spätestens aber als man weiter voranschreitet und einen Saal voll grober Basaltsteelen und noch einen Saal weiter riesige Blöcke aus Talg vor sich sieht, weiß man um wessen Werk es sich handelt. Es ist Joseph Beuys, dessen 100. Geburtstag hier gefeiert wird.

Doch fangen wir vorne an: die Ausstellung selbst nimmt die Aussage Beuys‘ auf, er habe seine Werke “von der Sprache aus” entwickelt. Als Teil der plastischen Theorie sah er die Sprache als eine Kraft, durch die jeder Einzelne zur Neuordnung der Gesellschaft beitragen könne. 

Gleich zu Beginn der Ausstellung wird zuerst der Gegenpol zum Sprechen thematisiert: das Schweigen. Auch – und gerade – der extrovertierte und sendungsbewusste Beuys nutzte das berechnete Schweigen um Kritik zu üben. Eindrücklich ist in diesem Teil der Ausstellung besonders das Werk ohne Titel aus dem Jahre 1985, welches aus sieben dicken Filzrollen besteht, in deren dritte ein gelber Aluminiumspeer gespießt wurde. Man mahnt sich selber nicht in bester Oberlehrer*innen-Manier zu fragen: “Was will der Künstler mir damit sagen?” und bleibt betroffen (und schweigend) zurück. Dergleichen sind in dem Raum voller Basaltsteelen, die Teil des 221-teiligen Konvoluts mit dem Titel Ende des 20. Jahrhunderts sind. Wie sie da liegen auf Holzpaletten, ein wenig wie bestellt und nicht abgeholt, haben diese Steine etwas melancholisches, etwas anklagendes, etwas aufforderndes. Und wieder: Schweigen. Schweigen um das Schweigen zu kritisieren – ist das kein Widerspruch in sich? Womöglich.

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Volker Krämer, Archiv Volker Krämer, Hamburg

Der Laut als erste Veröffentlichung des Denkens

Und doch ist die Stille die Grundlage für ihre eigene Durchbrechung. Diese Durchbrechung erfolgt durch Laute – noch völlig ungeformt, fast animalisch, oft verletzlich wirkend und doch, die erste Äußerung, die erste Veröffentlichung des Denkens. Sprache als Zusammensetzung der Laute, als Fortentwicklung der Stille – diesen Gedanken findet man in den Aktionen wie dem ö ö-Programm aus dem Jahre 1967 wieder, die in der Ausstellung mal auf kleinen Fernsehgeräten, mal durch Lautsprecher wiedergegeben werden. Hier geht es ganz besonders um die Grundsätzlichkeit und die plastische Kraft der Sprache. Als Ur-Laut hat der Schrei eine wichtige Bedeutung, der in vielen Fällen das Erste ist, was ein Neugeborenes von sich gibt und in Form eines schreienden Kopfes in der Rauminstallation Straßenbahnhaltestelle. A Monument to the Future aus dem Jahr 1976 zum Ausdruck kommt. Hier sehen wir verrostete Straßenbahnschienen, scharfkantige Rohre, lange Stangen, vier Metalltonnen sowie eben jenen schreienden Kopf als Haupt einer Metallsäule. Inspiriert von der Erinnerung an das kreischenden Herannahen der Straßenbahn im Kleve seiner Kindheit hat ein ganz alltäglicher Laut hier neben dem Schrei seinen Eingang in das Beuys’sche Werk gefunden. In der Evolution hin zur Sprache folgt auf den Laut das gesprochene Wort, der Begriff. 

Der Typ mit der Fettecke

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / 1995 erworben durch das Land Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jan Windszus

An dieser Stelle kommt es nun endlich zum Auftritt von Lieblingswerkstoff: Fett. Eine Leidenschaft, die Beuys mit seiner angeblichen Rettung durch Tataren im Zweiten Weltkrieg nach dem Abschuss seines Kampffliegers über der Krim erklärte – jene Tataren sollen ihn in Fett und Filz eingewickelt haben und so sein Leben gerettet haben. Heute weiß man, dass diese Anekdote (jedenfalls in Teilen) schlichtweg gelogen war und doch ein Mythos bleibt. Beuys wird für Unwissende immer “der Typ mit der Fettecke” sein. Jetzt, in der aktuellen Ausstellung ist das 20-Tonnen-Werk Unschlitt/Tallow fettiger Repräsentant von Beuys Leidenschaft sowie seiner nüchternen Arbeit mit Begrifflichkeiten, die unseren Blick auf die eigentliche metaphorische Dimension der Dinge lenken soll. Womöglich als Zitat seiner Aktion im Moor ist diese Skulptur auch Reminiszenz an die dauerhafte Arbeit, die ständige Bewegung, die Sprache, die genauso wie das Material Talg prägt.

“Wer nicht denkt fliegt raus”

Doch nicht allein durch Fettklötze wurde Beuys bekannt, er war auch ein Meister der Schrift, die er als eine Mischung aus dem Vorkriegs-Sütterlin und der lateinischen Ausgangsschrift gestaltete. Überall kritzelte er hin, verewigte sich auf Postkarten (etwa mit dem denkwürdigen Satz “Wer nicht denkt fliegt raus”), unterschrieb Plakate und dokumentierte seine Vorträge auf großen Schiefertafeln. Wie ein Schulmeister schrieb er Überlegungen, die Ausfluss seiner großen Diskussionen vor und mit dem Publikum waren, auf jene Tafeln, warf sie zu Boden und stapelte so die Skulptur Richtkräfte einer neuen Gesellschaft (1974-77) auf. Kommunikative und deliberative Aushandlungsprozesse waren für Beauys Grundlage einer neuen Gesellschaftsordnung und sicherlich Ausdruck seiner politischen Bestrebungen. Nebenbei: Im Rahmen des Ausstellungsabschnitts Schrift gilt es auch den Ausstellungskatalog zu loben, der im Museumsladen zu erwerben ist und in der Privatbibliothek keines Kunstliebhabers fehlen darf. 

© VG Bild-Kunst, Bonn 2021 / Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek / Dietmar Katz

Geht man dem Rundgang folgend ins erste Stockwerk des Hamburger Bahnhofs, erlebt man eine eher unbekannte Facette Beuys. Ein fragender Beuys, der unzählige Werktitel mit Fragezeichen enden lässt und sich ins Geheimnis flüchtet, wenn er sein Werk The secret block for a secret person in Ireland (1945-1976s) nennt. Vielleicht gewidmet der keltischen Geschichte Irlands, die auf Beuys große Anziehungskraft hatte? Oder schlichtweg Legendenbildung?

Ein Werklauf, der mit Grimms Märchen mehr gemein hatte, als mit Beuys Leben

Jene Legendenbildung wird schließlich als vorletzter Abschnitt dieser Ausstellung thematisiert – hier ganz exemplarisch anhand seines Werklaufes, der mit Grimms Märchen mehr gemein hatte als mit Beuys wahrhaftigen Leben. Und dabei geht es nicht nur um die Tatsache, dass Beuys zeitlebens seine Geburtsstadt Krefeld verleugnete, sondern um angebliche Ausstellungen in seinem Geburtsjahr, etwa Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogenen Wunde und anderen Kuriositäten. Diese Ausstellungen hätten wir gern gesehen – nur haben sie nie stattgefunden. Jedenfalls ohne Medienecho. Es handelt sich hier um eine Erzählung, ein Narrativ, ein Programm: Der erweiterte Kunstbegriff, nachdem jedes menschliche Schaffen Kunst ist und sogar schon der Gedanke (“Denken ist Plastik”) als Teil der Kunst fungiert.

“Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus!”

Schließlich gelangt man zum letzten Teil dieser tour de raison durch das Beuys’sche Werk und kommt zur Vollendung des Evolutionsprozesses vom Gedanken zur Sprache. Hier strahlt besonders die Podiumsdiskussion Ende offen: Kunst und Antikunst hervor, die 1970 im Rahmen des Wochenendforums des WDRs produziert wurde. In feinstem 1970er Jahre-Flair wird Beuys hier von kritischen Geistern seiner Zeit in die Zange genommen, muss sich rechtfertigen, kommt ins Schwadronieren und aus dem qualmenden Publikum heizen kecke Zurufe die Atmosphäre noch zusätzlich an. Vermutlich würde Beuys seine Werke, die hier zur Ausstellung kommen allesamt zerstören um auf den Trümmern zur Diskussion zu laden, fordert er doch in jenem Gespräch lautstark: “Schmeißen wir doch meine Werke mal zum Fenster raus!” Man staunt – und ist bald traurig, dass die Ausstellung schon vorüber ist, als auch der letzte Saal durchwandert ist.

Und so verlässt der*die Besucher*in die Ausstellung, während im Kopf all die markigen Sprüche, die verschlüsselten Zeilen, die vielen Fragezeichen und Ausrufezeichen herumgeistern und wie man auf den Hof des Hamburger Bahnhofs tritt hört man Beuys noch fragen: “Wollen Sie etwa eine Revolution ohne Lachen?”

In vielerlei Hinsicht lobenswert

Am Ende ist diese Ausstellung in vielerlei Hinsicht lobenswert. Schon der Grundgedanke Beuys‘ Sprache in den Blick zu nehmen fällt auf und trifft die Notwendigkeit einer grundsätzlichen und tiefgehenden Befassung mit dem Werk des großen Niederrheiners. Dabei überzeugt besonders die Gegenüberstellung der divergierenden Spielarten, die Beuys hier pflegte: vom Schweigen bis zur stundenlangen Diskussion, vom wilden Schwadronieren bis zur gestochen scharfen Erklärung, von leisen Zwischentönen bis zum Auftritt auf großer Bühne – alles findet seinen Platz. So gelingt, woran viele Beuys-Ausstellungen in Vergangenheit kläglich scheiterten: Die Kunst Beuys, die sehr von letzterem selbst geprägt war und insbesondere von seinen Live-Aktionen, den Happenings lebte, wirkt nicht fern und unverständlich, nein – man fühlt sich dem Kunstwerk nah und versteht die Beuys’schen Gedankengänge besser und dreidimensionaler. Doch auch ganz abseits des Ausstellungsinhalts kommt ein weiteres Mal zu Tage, wie reich an Beuys-Werken der Fundus der Staatlichen Museen ist. Über 170 Werke aus Nationalgalerie, der Sammlung Marx, dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek sind stolze Visitenkarte des Berliner Kulturbetrieb und es ist zu hoffen, dass in dem gegenwärtig entstehenden Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturfoum all das dauerhaft zur Ausstellung kommt.

Kurzum: Der*die geneigte Besucher*in verlässt das Museum mit einem weiteren Horizont als vorher oder mindestens mit einem guten Thema für abendfüllende Diskussionen. Ist auch das Kunst?


Für Beuys-Freund*innen ist dieses Jahr ein Hochfest: In ganz Deutschland (und in einigen anderen europäischen Nachbarländern) zeigen die Museen Exponate von und über Joseph Beuys. Informationen hierzu gibt es unter www.beuys2021.de nachzulesen.

In Berlin läuft die Ausstellung im Hamburger Bahnhof noch bis zum 19. September 2021. Zudem wird in der St. Matthäus-Kirche am Kulturforum bis zum 12. September 2021 die Ausstellung der erfinder der elektrizität. joseph beuys und der christusimpuls gezeigt. 

Sehenswerte Ausstellungen finden zudem in Beuys Geburtsort Krefeld (Kunstmuseen Krefeld – www.kunstmuseenkrefeld.de ) sowie in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (hier in Kombination mit einer gelungenen Schlingensief-Ausstellung www.kunstsammlung.de ) statt.

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