Nach langanhaltenden Vorwürfen der Transfeindlichkeit ist die britische Philosophie-Professorin Kathleen Stock zurückgetreten. Während die öffentliche Debatte um vermeintliche Sprechverbote kreist, halten sich transfeindliche Strukturen leider weiterhin hartnäckig. Wer denkt, dass der Feminismus davon nicht betroffen ist, irrt: Das Skurrile an der Sache ist, dass sich Kathleen Stock als Feministin begreift. 

Feministin und Transfeindlichkeit? Auf dem ersten Blick scheint das ein Widerspruch zu sein. Doch tatsächlich gibt es eine sehr unangenehme Strömung, deren Anhänger*innen als TERFs bezeichnet werden. Dieses Akronym steht für trans-exclusionary radical feminist, also trans-exklusiveRadikalfeminist*in. TERFs verfolgen eine simple Argumentationslinie, die sich vor allem gegen trans Frauen richtet. Diese basiert auf der Annahme, dass es lediglich zwei biologische Geschlechter gebe: Mann und Frau. Das weibliche Geschlecht befinde sich in einer Position der Unterdrückung. Geschlechterrollen und patriarchale Strukturen würden nur existieren, um dieses Machtverhältnis zu stützen. Laut TERFs seien trans Frauen eine Gefahr für den Feminismus, da sie sich von der Seite der Unterdrückenden auf die Seite der Unterdrückten begeben und somit Geschlechterrollen aufrechterhalten würden. TERFs scheuen sich ebenso wenig, trans Männern oder nicht-binären Personen ihre Identität abzusprechen. Entscheidend für sie ist immer, welches biologische Geschlecht sie in einem Menschen sehen. Ist dieses weiblich, so würden diejenigen trans Personen lediglich vor dem Patriarchat flüchten. Falls es männlich ist, würden sich diese trans Personen nur auf die Seite der Unterdrückten begeben wollen.

Stocks Sympathien mit TERFs

Kathleen Stock sympathisierte mehrmals in ihrer Funktion als Wissenschaftlerin mit TERFs. Seit Mai 2021 engagiert sie sich bei der „LGB Alliance”. Dass das T in LGBT fehlt, ist Programm: Dieser Gruppe geht es um Belange von Homo- und Bisexuellen, aber auf Kosten der trans Community. So haben ihre Mitglieder keine Hemmungen, menschenfeindliche Aussagen wie „stop transing the gays away” (deutsch: „hört auf, Homsexuelle wegzutransen”) zu formulieren. Gerade in der queeren Community sind solche Aussagen beschämend, wenn wir uns vor Augen führen, dass viele Errungenschaften insbesondere auf das Engagement von trans Personen of Colour zurückzuführen sind.

In ihren wissenschaftlichen Arbeiten, wie beispielsweise in ihrem neuesten Buch Material Girls, bedient sich Stock dem klassischen Narrativ von TERFs: Egal wie du dich identifizieren magst, dein biologisches Geschlecht determiniere deine tatsächliche Identität. Es wird also wieder die wohlbekannte Kluft zwischen cis und trans bedient, nach der trans Personen ein stetiger Sonderstatus zugeschrieben wird. Exotisierungen und Pathologisierungen gehören da natürlich dazu.

Wirklich zwei biologische Geschlechter?

Für TERFs kommt es also darauf an, welches Geschlecht einem bei der Geburt zugewiesen wurde. Dieses Geschlecht gelte es anzunehmen. Dabei berufen sie sich in ihrer Argumentation gerne auf die Biologie, um ihr Weltbild der Zweigeschlechterordnung zu rechtfertigen. Leider machen es sich TERFs aber leichter als die Biologie selbst: Hinter dem, was wir als biologisches Geschlecht verstehen, birgt sich ein Komplex aus Geschlechtsteilen, Chromosomen und Hormonhaushalt. Viele Biolog*innen vertreten daher die Position, dass diese Zusammenhänge zu kompliziert seien, um sie auf zwei Kategorien herunter zu brechen.

Außerdem transportiert eine solche Argumentation auch das Bild einer Wissenschaft, die Tatsachen jenseits menschlichen Einflusses aufzudecken scheint. Doch es ist irreführend zu glauben, dass Wissenschaft unabhängig von kulturellen Systemen entstehen würde. Stattdessen wird Wissen produziert, um bestehende gesellschaftliche Ordnungen aufrechtzuerhalten. Es gibt durchaus vielfältige Möglichkeiten, die Geschlechtlichkeit von Menschen zu kategorisieren: Zahlreiche ethnographische Forschungen aus der ganzen Welt belegen, wie Gesellschaften ihr Leben mit einem fluideren Verständnis von Geschlechtern gestalteten. Doch diese wurden zum Großteil Opfer der Brutalität europäischer Kolonialisierungen, die sich diesen alternativen Modellen widersetzte.

Die Definition von Geschlecht ist flexibel

Abgesehen von der Frage nach dem biologischen Geschlecht verkennen TERFs die Tatsache, dass Identitäten historisch produziert werden. Das, was wir mit Männlich- oder Weiblichkeit verbinden, ist im stetigen Wandel und wird tagtäglich neu errungen. Der Glaube an eine feststehende Kategorie, von der wir uns nicht trennen können, verneint den menschlichen Einfluss auf die Formierung von Identitäten.

Wie ich eine Person hinsichtlich ihres Geschlechts wahrnehme, hängt lediglich von einer Sache ab: meiner Wahrnehmung. Die Art und Weise, wie wir in unserer Gesellschaft sozialisiert werden, formuliert verschiedene Kriterien, die erfüllt werden müssen, um unsere Mitmenschen geschlechtlich zu verordnen. Es ist wichtig, sich genau diesen Sozialisierungsprozess vor Augen zu führen. Denn dieser Schritt ermöglicht es uns, verinnerlichte Verhaltensmuster zu verlernen, und Menschen, die unter diesen Verhaltensmustern leiden, zu inkludieren. Die Entwicklung einer solchen Erweiterung von Kategorien ist keinesfalls künstlich, sondern findet in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens statt: Das, was früher als nicht deutsch bezeichnet wurde, kann mit aller Selbstverständlichkeit heute deutsch sein. In unserer heutigen Gesellschaft kann ich meine Sexualität anders definieren als vor 50 Jahren, weil es die dafür notwendigen Begriffe damals noch nicht gab.

Die Flexibilität der Kategorien gilt auch für das Geschlecht. TERFs machen den Fehler, dass sie auf die Konservierung von Geschlechtervorstellungen aus dem letzten Jahrhundert pochen. Wie kann dann ein progressiver, gesellschaftlicher Wandel entstehen?

Für einen trans-inklusiven Feminismus

Es gilt endlich anzuerkennen, wie trans Personen unter diesem System strukturell leiden. Gesamtgesellschaftlich sind vor allem trans Jugendliche einem enormen Druck ausgesetzt: Mit einer fast sechsfach höheren Suizidrate als cis-heterosexuelle Jugendliche sind sie die am stärksten betroffene Gruppe. Diese Zahl zeigt, wie tief verankert transfeindliche Strukturen in unserer Gesellschaft sind.

Wenn wir uns auf die Ursprünge der feministischen Bewegung besinnen, so gilt es, alle Formen der geschlechtlichen Unterdrückung zu bekämpfen. Die Menschen, die unter der patriarchalen Weltordnung leiden, sind vielseitig und eben nicht nur cis-weiblich. Ein Feminismus, der sich lediglich um die Anliegen von cis Frauen kümmert, ist regressiv und nicht daran interessiert, eurozentristische, patriarchale Strukturen tatsächlich zu überwinden.


Illustration: Laura Haselmann

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