Zeitgeschehen, Großstadtleben, Liebeskummer – Autorin Katharina Kern antwortet in ihrer Kolumne auf die großen Fragen der Musikgeschichte.

„Why Does It Hurt When I Pee?“

                               -Frank Zappa

Zugegebenermaßen das ist schon eine sehr explizite Frage für den Anfang. Schließlich kann die Musikwelt durchaus mit tiefsinnigeren Fragen aufwarten. Da wären zum Beispiel The Smiths mit How soon is now? oder Where Is My Mind? von den Pixies. Mal abgesehen von all den Songs, die sich an den großen Fragen der Liebe abarbeiten. Doch ein bisschen hat das Folgende auch mit Liebe zu tun.

Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit anzumerken, dass Zappas Frage nichts mit meinem aktuellen Gesundheitszustand zu tun hat. Auf jeden Fall nicht direkt. Die Möglichkeit wäre nämlich durchaus gegeben. Berlin ist die Hauptstadt der Geschlechtskrankheiten: von Chlamydien, über Gonorrhö (Tripper) bis Syphilis oder natürlich HIV ist alles dabei. Glorreiche Titel die sich Berlin da einheimst. Frank Zappa singt: „got it from the toilet seat“; möglich aber auch die einfachen Tatsache, dass beim Sex gerne mal das Hirn aussetzt.

Es scheint nämlich so, als würde bei all der freien und ungebundenen Liebe gerne mal vergessen, auf grundlegenden Schutz zurück zu greifen. Bei vielen Infektionen hätte Zappa übrigens nichts zu beklagen, zumindest erst mal. Bei Chlamydien, HIV oder Syphilis bleiben eindeutige Symptome nämlich auch gerne mal aus.

Wenn ich also den Satz „keine Sorge ich habe ja nichts“ entgegnet bekomme und die Grundlage dafür kein offizieller Test ist, dann dient mir das nur noch als endgültiges Ausschlusskriterium für jegliche weitere Interaktion.

Bei Frauen sieht das natürlich alles schon wieder ganz anders aus. Zum einen, weil viel eher und schneller Beschwerden auftreten und zum anderen, weil die Vorsorgeroutine oft eine ganz andere ist. Wer sich jetzt denkt: Was will die eigentlich? Das weiß ich doch alles, ich bin ja nicht bescheuert, denen kann ich rein theoretisch nur zustimmen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Leute um die Risiken von Geschlechtskrankheiten und den Übertragungsweg Bescheid wissen, zumindest in meiner kleinen Bubble. Trotzdem können fast alle die ich kenne, mehrheitlich Frauen, mit irgendeiner Geschichte dienen, bei der die Verwendung von Kondomen keine Rolle gespielt hätte, wenn nicht von ihnen interveniert worden wäre. Es wäre natürlich optimal, wenn beide Beteiligten vorbereitet sind. 

Wenn es also nicht am Wissen liegt, dann ja vielleicht an der gedankenlosen Haltung „na wird schon schiefgehen“. Wo auch immer das Problem liegt, es gibt auf jeden Fall eins: In den letzten Jahren sind die Infektionen um ein Vielfaches gestiegen. Tripper, HIV und vor allem Syphilis sind auf dem Vormarsch. Allein zwischen 2016 und 2017 stiegen nach Erhebungen des Robert Kochs Instituts die Fälle von Syphilis um 6,7% pro hunderttausend Einwohner in Berlin.

Übrigens kann man sich anonym und umsonst in vielen Gesundheitsämtern testen lassen. Da wir uns ohnehin in einer Zeit der Achtsamkeit befinden, wäre es doch wirklich sinnvoll, das vielleicht auch auf das Sexualleben auszuweiten. Wer offen und frei mit seiner Sexualität umgehen kann, der kann sich genauso ohne Scham zum STI (Sexually Transmitted Infections) und HIV Test begeben. Das hat nämlich nichts mit Stigmatisierung zu tun, sondern nur mit Verantwortungsbewusstsein. 

Why does it hurt when I pee?

Schon mal an Tripper gedacht?

 


Illustration: Jens Jeworutzki (Anm. d. Red.)

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