Der Vater: Tyrann, Beschützer, Mäzen, Lonesome Cowboy, Schläger, Freund? Große Verwirrungen über Männlichkeit konstatiert der Regisseur und Dramatiker Falk Richter und beobachtet das Wiedererstarken autoritärer Männlichkeiten. Deshalb macht er sich in seinem neuen Stück “In my room” auf die Suche nach den Spuren und Prägungen, die Väter in ihren Söhnen hinterlassen und ein Leben lang nachhallen.

Es ist ein sehr persönliches, ja gefühliges Stück, das Richter am Gorki-Theater inszeniert. Der intensiv spielende Jonas Dassler steht am Halbrund der Bühne und erzählt in einem fast halbstündigen Monolog die Geschichte von Richters Vater. Ende der zwanziger Jahre geboren, als 18-Jähriger in die Hölle des Zweiten Weltkriegs gezwungen, ist er der weiße Fleck im Leben des Regisseurs. 

Wer war dieser stille, autoritäre Mann, der in seinem Leben nichts weiter als die Arbeit kannte und sich mehr Gedanken um die Meinung der Nachbarn machte, als um die Gefühle des Sohnes? Erst an seinem Lebensende bricht er sein Schweigen über das gestohlene Leben, zu spät. Die Chance auf ein Gespräch zwischen Vater und Sohn ist längst vertan.

Rückschau ist das Schlüsselwort dieses Abends. Reihum berichten die Schauspieler von ihren Vätern und legen Konstellationen frei, die eine intersubjektive Gültigkeit beanspruchen. Aus den Charakterstudien der Väter lassen sich leicht einzelne Fragmente herausbrechen, die an den eigenen Vater gemahnen. 

Reigen der enttäuschten Hoffnungen

Das ist manchmal komisch, etwa wenn Taner Şahintürk den durch die “Maloche” gebeugten Körper seines Vaters imitiert, manchmal schonungslos, wenn Benny Claessens gesteht, seinen Vater nicht geliebt zu haben, sowie immer eine Spur mitleidig und zugleich zärtlich.

Jonas Dasslers Vater wollte einst Kunst studieren, ging dann aber ins familieneigene Unternehmen. Jetzt spielt er immerhin in einer Band und kann mit dem Sohnemann nachts um die Häuser ziehen. Claessens Vater, ein flämischer LKW-Fahrer, war fast nie Zuhause und starb schlussendlich bei einem Verkehrsunfall. Die Väter von Şahintürk und Aksizoğlu erlebten die Ausgrenzung und extensive Ausbeutung der sogenannten Gastarbeiter. Bis heute schlägt sich das nieder in einer Überkompensation vermeintlich deutscher Tugenden, was auch an den Sohn weitergegeben werden sollte. Denn ein fauler, türkischstämmiger Mensch, wird immer ein fauler Türke sein, nie ein fauler Mensch. 

Knut Bergers Vater hingegen, der sechste der Runde, konnte nie, im Gegensatz zu seinem homosexuellen Sohn, trotz einer kurzen Affäre, seine Zuneigung zu Männern ausleben. Die Familie ging vor.

Schweigsame Einzelkämpfer

Geredet über all das, ihre Verletzungen und Hoffnungen, haben die Väter freilich selten bis nie. Das stellt die Frage der Projektion des Sohnes auf den Vater. Spielten die Fragen der Nachgeborenen für sie überhaupt eine Rolle? Empfanden sie die gegebenen Verhältnisse als zu eng oder akzeptierten sie diese schlicht als gegeben? Man erfährt es nicht. Die Väter kommen nur über den Rückblick und die Interpretation ihrer Söhne zu Wort. Sie selbst nicht. Im Tausch gegen die Authentizität faktionalen Erzählens beschränkt In my room die Perspektiven.

Anrührend sind diese jedoch allemal. Im Hintergrund der Bühne (Wolfgang Menardi) flimmern alte Fotos der Kinder und Väter über ein Triptychon, eine lebensgroße Kinderfigur hält einen Luftballon, Kerzen werden aufgestellt, Szenen aus John Wayne-Filmen projiziert. Denn Richters Vater war ein großer Fan des prototypischen Einzelgängers, der lieber Fäuste als Worte sprechen ließ.

Auch ein eigener Song, und diese gehören zu den Highlights der Vorstellung, ist jedem der Väter gewidmet. Das Ensemble gibt u.a. Peter Gabriel, Lana del Rey oder The Cures Boys don’t cry zum Besten (Musik: Nils Ostendorf). Hier trumpfen die hervorragenden Schauspieler (und Musiker) groß auf. 

Plumpe Politische Verweise

Doch Falk Richter bleibt bei diesen privaten Geschichten nicht stehen und schlägt den Bogen in die politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart. Das tut dem Stück nicht gut. Eine Analyse des rechten Backlash in Deutschland und weltweit mit einem auf Beherrschung beruhenden, toxischen Männlichkeitsbildes ist gewiss lohnenswert. Die atemlos vorgetragene gegen die AfD samt ihrer konservativen Steigbügelhalter erinnert aber doch zu sehr an die plumpe Effekthascherei des Zentrums für politische Schönheit. Diese Kritik gelang Richter 2015 in Fear an der Schaubühne besser.

Der Eindruck, dass Richter noch unbedingt seine vielen Gedanken über Männlichkeit  loswerden wollte, gilt auch für einen Dialog zwischen Knut und Jonas Dassler über homosexuelles Begehren. Oder für eine fingierte Familienaufstellung, die Benny Claessen als therapeutischer Schamane leitet. Das ist zwar höchst unterhaltsam anzusehen, wirkt aber bloß in die Rahmenhandlung der Vater-Sohn Monologe eingeschoben.

Irgendwie hängt zwar alles mit allen zusammen, das ist klar. Es liegen nur zu viele Karten auf dem Tisch, um ein kohärentes Bild zu schaffen. Und bei all dem Kreisen um Männer bleibt die Frau unsichtbar. Welche Rollen die Mutter für den Vater spielte und wie die Vaterfigur den eigenen Umgang mit Frauen in sexuellen und partnerschaftlichen Beziehungen spielt, bleibt leider im Dunkeln.

Insgesamt macht In my room vor allem wegen eines gut aufgelegten Ensembles und toller musikalischer Einlagen großen Spaß. Das Stück regt dazu an, über die Eltern und das Verhältnis zu ihnen zu reflektieren. 

In my Room am Gorki Theater

Von Falk Richter & Ensemble
Regie: Falk Richter
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Andy Besuch; Musik: Nils Ostendorf
Video: Sébastien Dupouey; Choreografie: Denis »Kooné« Kuhnert
Dramaturgie: Jens Hillje, Daniel Richter, Christopher-Fares Köhler
Licht: Marco Vitale; Ton: Hannes Zieger

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