„Where Did All The Love Go?“

                                 -Kasabian

Ende Oktober saß ich in dem Zug der U8, der am Kottbusser Tor einen Mann überfahren hat. Die Bahn hielt an und die Türen blieben für zehn Minuten geschlossen. Diejenigen, die schon mal in einer Berliner U-Bahn saßen, können sich vorstellen, wie sich das auf die Stimmung der Fahrgäste auswirkt. Die Leute wollten raus bzw. weiter. Es war spät, so gegen 24 Uhr und unter der Woche.

Draußen auf dem Bahnsteig fingen Leute an mit Flaschen zu werfen und zu schreien, plötzlich war es ganz okay, dass die Türen festverschlossen blieben. Kurz darauf wies der Fahrer per Lautsprecherdurchsage an, den Bahnhof so schnell wie möglich zu verlassen. Auf dem Weg raus aus der Station kam mir eine Hundertschaft der Polizei entgegengerannt. Ich habe erst am nächsten Tag gelesen, dass ein Mann auf das Gleis gestoßen worden war. 

Es mag sein, dass durch die mediale Globalisierung der Eindruck bestärkt wird, dass immer öfter solche Dinge passieren. Kann schon sein, dass man früher vielleicht einfach nichts davon mitbekommen hätte. Was man aber mit Sicherheit sagen kann ist, dass zumindest die Zahl politisch motivierter Angriffe auf Minderheiten in den letzten Jahren besorgniserregend gestiegen ist, besonders antisemitische Fremdenfeindlichkeit aus dem rechten Spektrum hat zugenommen (Bundesministerium des Innern – politisch motivierte Kriminalität, Stand: 14.05.19). Sie sind Ausdruck einer Zeit, in der Vorsitzende einer etablierten Partei bei Pegida Demonstrationen Parolen grölen. Wie aber mit rechtem Gedankengut, und denen die es verbreiten, umgehen?

Ich war vor kurzem im „EL-DE Haus“ in Köln. Von 1933 bis 1945 der Hauptsitz der Gestapo. Die NSDAP hatte es unter anderem deswegen so leicht, weil die KPD und die SPD so damit beschäftigt waren, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Also quasi so, wie wenn bei Landtagswahlen die CDU sich gegen die Linke stellt, während aufgrund der Stimmen der AfD ein Ministerpräsident gewählt wird. Es gibt wirklich genug Negativbeispiele, warum lernen wir nicht aus ihnen? Kasabian prangern in ihrem Song die soziale Kälte an. Tom Meighan singt: „In the social chaos there’s violence in the air. Gotta keep your wits about you, be careful not to stare“ 

Aber Wegschauen ist absolut keine Lösung, ganz im Gegenteil. Es reicht nicht, einfach nur für eine offene und gerechte Gesellschaft zu sein. Man muss auch aktiv für sie einstehen, sie fordern und selbst Teil davon werden. Denn diejenigen, die sich aus Angst vor Ungewohntem und Fremden entschließen, nationalistische und demokratiefeindliche Parteien zu wählen, gehen auf die Straße. Sie sind laut, viel zu laut.

Die AfD wird nicht mehr aus Protest gewählt, falls dem jemals so war, sondern weil die Leute zunehmend diese Haltung vertreten. Die Folgen dürften allen geläufig sein und mir ist nicht ganz klar, wie bei der permanenten Thematisierung und dem Versuch die Geschehnisse des dritten Reichs aufzuarbeiten, wieder eine rechte Partei im Bundestag sitzen kann. Wenn ein Björn Höcke in einem ZDF Interview einem Journalisten droht, dann kann mir der Aufschrei gar nicht groß genug sein. Rassismus ist keine Alternative, genauso wenig wie Hass eine Meinung ist.

Der tödlich verunglückte Mann war kein Opfer von rechter Gewalt, sondern wahrscheinlich in einen Drogendeal involviert, der im Streit endete. Leider keine große Überraschung an dieser Haltestelle. Berlin ist für seinen rauen Umgangston bekannt. Und wahrscheinlich ist es normal, dass die Anonymität einer Großstadt dafür sorgt, dass man sich weniger um seine Mitmenschen kümmert und sei es nur aus Selbstschutz. Ich selbst war genervt, weil ich zehn Minuten länger in der U-Bahn stehen musste, während fünfzig Meter weiter jemand starb. Auch wenn ich es nicht besser wusste, waren meine Gedanken ganz schön egozentrisch und rückblickend beschämend.

Ohne zu pathetisch klingen zu wollen: Wir müssen mehr aufeinander Acht geben, mehr für einander einstehen. Nicht nur im Extremfall durch Zivilcourage, sondern durch mehr Freundlichkeit und Verständnis im Alltag. Wir sollten uns bemühen, ein einigermaßen harmonisches Miteinander zu pflegen. Das wäre schließlich in unser aller Interesse. Berlin macht es einem manchmal schwer, ich weiß und ich nehme mich da gar nicht aus. Ich laufe mitnichten immer freudestrahlend durch die Gegend. Aber ein Versuch ist es wert.

Where did all the love go?

Sie ist noch da. Lasst sie raus und zwar laut.


Illustration: Jens Jeworutzki (Anm. d. Red.)

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