Der Geliebte ist immer ein Anderer. In seinem neuen Buch Philosophie der Liebe” erkundet der Philosoph Peter Trawny das größte aller Gefühle. Atemlos, staunend und ohne den Anspruch jemals anzukommen.

Für mich ist es vor allem warten. Abends etwa, auf den Geliebten, während man Essen warm- und Bier kalthält. Auf den Geliebten zu warten heißt immer: Da ist noch etwas, da ist noch jemand. Das ist einer dieser Liebessätze, mit denen manche Leute ganze Bücher füllen und einen Haufen Geld machen können (Wie hält man eigentlich eine Tiefkühlpizza warm?).

Viele dieser Leute und viele ihrer Bücher sind recht banal, es geht aber auch ganz anders: „Nur die Liebe macht wahrhaft freisinnig“, das ist Franz von Baader. Oder „amo: volo ut sis“, jene pseudoaugustinische Zauberformel, die der Philosoph Martin Heidegger offenbar allen möglichen Frauen und insbesondere Hannah Arendt ins Ohr gehaucht hat. „Ich liebe Dich – ich will, daß Du seist, was Du bist”. Das, und mehr nicht.

Auf der einen Seite steht die Freiheit der Liebe – keinesfalls die freie Liebe, sondern die Befreiung der Liebe als doppelter Genitiv – auf der anderen Seite die Unterwerfung unter das Sein des Geliebten. Das klingt ziemlich dramatisch, aber das ist es ja meistens auch.

Über Liebe zu reden, ist immer etwas komisch. Das was man sagen will, kann man sowieso nicht sagen, und wenn man es doch tut, versteht niemand, was man eigentlich meint. Was man eigentlich will, wen man liebt und warum. Dennoch gibt es Leute, die es versuchen. Diotima zum Beispiel, die lustige Priesterin aus Platons Symposion, erzählt vom Daimon Eros als Möglichkeit, das Höchste, das Schönste zu erblicken: „An diesem Punkt des Lebens, mein lieber Sokrates, wenn überhaupt irgendwo, ist das Leben für den Menschen lebenswert, in der Schau des Schönen selbst”. Ein Aufstieg: vom Körper, zur Seele, zur Idee. Und gleichsam eine Illusion im Sein der Liebe nur diese eine Bewegung zur Erkenntnis zu entdecken.

Aus Liebe über Liebe sprechen

Wie kommt man eigentlich zurück zu den Körpern? Bei jedem Versuch ihrer Bestimmung zerfällt die Liebe in unzählige Fragmente. Sechsundfünfzig Fragmente, um genau zu sein. So viele Anläufe unternimmt der Wuppertaler Phänomenologe Peter Trawny in seinem neuen Buch, um eine „Philosophie der Liebe“ zu entwerfen. Wieder so ein Doppelgenitiv übrigens, geht es doch nicht nur um das philosophische Gespräch mit der Liebe, sondern auch das liebevolle Gespräch mit der Philosophie – der „Liebe zur Liebe”, so Trawnys Übersetzung.

Eine Philosophie der Liebe hat nicht nur ein anderes Thema als, sagen wir, eine Philosophie der Erkenntnis, eine Philosophie des Schönen – sie hat auch eine andere Form. „Jeder, der über Liebe spricht und schreibt, spricht über sich. Anders gesagt: Ich spreche und schreibe aus Liebe über die Liebe“. Der Autor ist anwesend; es gibt ein Ich. Auch Trawny liebt. Ein gleichwohl prekäres Ich, das seinen Standort – aus Liebe über die Liebe – problematisiert, dem die Zügel immer schon zu entgleiten drohen.  „Einem Philosophen, der vollmundig behauptet, etwas über die Liebe zu wissen, müssen wir misstrauen”.

Vielleicht lässt sich die Struktur dieser Liebesphilosophie als Deutung des Diotima-Dialogs verstehen: Jedes Fragment, in das die Liebe zerfallen ist, trägt gleichermaßen Anteil an der Liebe selbst; die ihrerseits aber mehr als die Summe ihrer Teile ist. Dann sind die kleinen, manchmal nur zwei Seiten langen Notizen, aus denen Trawnys Buch besteht, Miniaturen – keine Fragmente. Sie betreffen fast alles und ihre Anordnung ist chaotisch. Aus ihnen lassen sich Sequenzen bilden wie: Precht-Tinder-Lolita und Mowgli-Jesus-Porno. Ihre Titel sind „Björk und Spinoza”, „Mutter” oder „Zur Präriewühlmaus”. Nebenbei bemerkt, ich hätte dieses Buch schon allein wegen seines Inhaltsverzeichnisses gekauft.

Liebe im Spätkapitalismus

Wenngleich es Trawnys Ich um Alles geht, gibt es doch einige Gedanken, auf die er immer wieder zurückkommt, die er umkreist: Platon, natürlich, dann die Mutter im allgemeinen und ihren Schoß im Besonderen, schließlich das Problem von Freiheit und Technik, dem sich der Autor auch schon an anderer Stelle gewidmet hat. Denn wie Eva Illouz und Byung-Chul Han nimmt auch Peter Trawny eine kulturkritische Position zur Liebe der Heutigen ein:

„Überhaupt fordert der Liberalismus seinen Tribut: Alle bestehen darauf, unabhängig zu sein – für den Anderen da zu sein gilt als Schwäche”. Liebe aber sei überhaupt nur möglich, wenn der Andere in seiner Andersheit ernstgenommen wird – wenn nicht schon versucht wird, ihn als bloße Leinwand narzisstischer Projektionen zu nutzen: „Liebe ist hart, ich bin der oder dem Anderen in seiner Anderseits ausgesetzt, dieses Anderseits wird mein Begehren nicht bestätigen, sie wird es kränken, verletzen”. Freiheit, im seltsam gefühllosen aber geläufigen Sinne der Freiheit-von-den-anderen spielt hier keine Rolle, kann gar keine Rolle spielen.

Unter den Bedingungen des Spätkapitalismus sind indes auch Liebe und Begehren der Rationalisierung unterworfen, gerade dort, wo die Freiheit am größten zu sein scheint. „Freie Liebe“, schreibt Trawny (wieder so ein Satz!), „gehorcht der nekrophilen Tendenz des Kapitalismus, indem sie den Körper vor allem als ‘fuckable‘ versteht”. Konsequenterweise sind denn auch Masturbation und Pornographie die hegemoniale Begehrensweise dieser Zeit, Formen erotischer Verdinglichung: „Die Körper, die sich dort im Imaginären in Genussmaschinen verwandeln, stehen für nichts anderes als für die Autos, die Häuser und sonstigen Luxus, den wir begehren”.

Ethik des no-strings-attached

Ich würde Trawny gerne zustimmen und es wäre auch gar nicht schwer. Aber ich wundere mich manchmal über einen neuerdings erhobenen apokalyptischen Ton in der Liebesphilosophie: Sind Tinder und Grindr wirklich das Ende? Sind wir, wie Trawny sagt, dem „Realismus des flüchtigen Begehrens” verfallen? Vielleicht könnte man auch in One-Night-Stands eine Selbsttechnik neben anderen sehen, eine Weise sich zum eigenen Begehren zu verhalten – es vielleicht erst zu entwickeln. Auch hier kann mir der Andere begegnen. Auch hier kann ich diese Begegnung geschehen lassen, ihn sein-lassen. Die eigentliche Herausforderung scheint mir darin zu bestehen, dass es uns noch nicht gelungen ist, eine Ethik des no-strings-attached auszubilden, die mit den technologischen Möglichkeiten mitzuhalten versteht.

Wie könnte so eine Ethik aussehen? Keine Antwort, weder hier noch irgendwo. Etwa in der Mitte seines Buches schreibt Trawny einen zentralen Satz: „Indem ich den Versuch einer Philosophie der Liebe wage, weiß ich, dass ich scheitern werde. Und? Es geht ums Wagnis”. Für das romantische Wagnis, das dieses Buch darstellt – und den wunderbaren Seitenhieb auf Precht in Fußnote 23 – empfehle ich die „Philosophie der Liebe“.

Peter Trawny: Philosophie der Liebe.
S.Fischer: Frankfurt am Main 2019.
272 Seiten, gebunden. 22,00€.

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