Ein unterhaltsamer Blick in die Seele der deutschen Verwaltung, der nicht ganz ohne den politischen Spinn der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auskommt.

Was haben weltberühmte Kunstwerke, die Einführung ausländischer Zypressengewächse und ein BDSM-Kerker gemeinsam? Genau, eine Menge Bürokratie. Um das herauszufinden, muss man nicht selbst einen Sex-Dungeon eröffnen, es reicht der Besuch im brandneuen und nach eigener Aussage „deutschesten“ Museum Berlins. Nur wenige Meter vom Grimmzentrum, in der Georgenstraße 22, befindet sich das Bürokratiemuseum: Hier können Besucher*innen seit dem 22. April einen tiefen Einblick in die „deutsche Seele“ erlangen. In einer guten halben Stunde können die 350 Quadratmeter des Museums werktags von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr auf eigene Faust oder mit einer Führung kostenlos erkundet werden. Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bietet auf kreative Art und mit ordentlichem Augenzwinkern einen kurzen Einblick in die verschiedenen Absurditäten des deutschen Verwaltungsapparates -leider nicht ganz ohne ein politisches Statement.

Von Kunst, Kink und Konfetti

Schon vor dem Beginn der eigentlichen Ausstellung werden Bürokratiebegeisterte buchstäblich von einem Stapel Aktenordner erschlagen, der sich gleich hinter dem Eingang bis zur Decke auftürmt. Gleich daneben zeigt sich ein bekannter Anblick: Die Statue eines Mannes, den Kopf auf die Hand gestützt, guckt nachdenklich ins Leere, nur dass sich der Blick von Rodins “Der Denker” auf die Antiquitäten der Deutschen Verwaltungsbehörden richtet: Zu seinen Füßen türmen sich Faxgeräte.
Ein kurzer, aber nicht ganz unbürokratischer Check-in gewährt Zugang in den Herzteil der Ausstellung, hindurch durch einen ausgehöhlten Mammutbaum und dichtes Gestrüpp an von der Decke hängenden Paragrafen.
Hier präsentieren sich in drei weiteren Räumen die restlichen Exponate der eher kleinen Ausstellung. Viele der Museumsstücke versuchen auf lustige Weise verschiedene Aspekte der deutschen Bürokratie aufzugreifen und ins Lächerliche zu ziehen. Auch die kinky Besucherschaft kommt auf ihre Kosten: rosa Licht, Lederpeitschen und Handschellen lassen das Herz in der Brust höher schlagen, während die Stimmen von Daddy und Mommy Staat die Anwesenden über Lautsprecher zur “ juristischen Person” degradieren. Mit Safer-Space hat das jedoch wenig zu tun, stattdessen sollen Besucher*innen begreifen wie bestimmte Gesetze die Unternehmer*innen dieses Landes fesseln. Nicht zuletzt dem vor kurzem beschlossene Lieferkettengesetz, welches den Schutz von Umwelt- und Menschenrechten in der globalen Lieferkette verbessern soll, wird immer wieder unternehmerische Freiheitsbeschneidung vorgeworfen. Und wem die Fessel-Spielchen mit Daddy Staat dann noch nicht gereicht haben, der kann kurz darauf unliebsame Gesetze schreddern lassen und in Bürokrafetti verwandeln. Besonders beliebt seien hierbei, laut einer Mitarbeiterin, neben dem Lieferkettengesetz auch die Kassenbonpflicht und die Datenschutzgrundverordnung.  

Berechtigte Kritik oder doch nur Lobbyismus?

Das Museum hält was es verspricht: eine humoristische Aufarbeitung der deutschen Bürokratie, die in über 50 000 Einzelnormen versucht das Leben in Deutschland zu regeln. Die einzelnen Ausstellungsstücke machen diese Absurditäten auf kreative und  lustige Weise für die Besucher*innen erlebbar und entlockt nicht nur trauriges Kopfschütteln, sondern auch das ein oder andere herzliche Lachen. Wer also Lust hat sich einfach mal so richtig über die teils absurd scheinenden Normen oder die im Schneckentempo vorangehende Digitalisierung aufzuregen, ist hier genau richtig. .
Viel Inhalt oder eine tiefgreifende sozial-politische Analyse des Verwaltungsstaus bietet das Museum jedoch nicht. Bis auf ein paar wenige Definitionen des Bürokratiebegriffes zu Beginn der Ausstellung, beschränkt es sich im weiteren Verlauf auf ausgewählte Fakten, die das Ausmaß des vom Museum propagierten Problems aufzeigen sollen.
Zugegeben  – die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat einen Punkt. Nach eigenen Angaben verspüren 43 Prozent der Deutschen Wut beim Gedanken an die Bürokratie und mehr als die Hälfte der Unternehmen wollen deshalb nicht mehr in Deutschland investieren. Statt jedoch umfangreiche Lösungsvorschläge zu liefern oder zu benennen wo genau Normen vereinfacht oder Prozesse beschleunigt werden können, beschränkt sich die Kritik auf einige, der Arbeitgeber-Lobby unliebsamen, Gesetze, wie dem oben erwähnten Lieferkettengesetz.
Und so wundert es nicht, dass bei der Eröffnung am 22. April die Journalistin und Autorin Franka Lehfeldt (nebenbei auch noch die Ehefrau von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP)), sowie der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zugegen waren oder dass eines der Exponate beim diesjährigen CDU-Parteitag für Erheiterung sorgen soll.

Wer über diese klar platzierte politische Ausrichtung des Museums hinwegsehen kann und sich ein bisschen auf Kosten von Staat und Verwaltung amüsieren möchte, der kann noch bis zum 25. Juni durch die Büroräume der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft schlendern.


Foto: INSM 

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