Prof. Dr. Marie Guthmüller leitet das Institut für Romanistik der sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät und setzt sich für den Erhalt der italienischen Studiengänge an der HU ein. Ein Gespräch über Möglichkeiten des kollektiven und studentischen Protestes, die HU als historisch bedeutende Universität und Italien.

 

UnAuf: Kürzlich wurden die neuen Hochschulgesetze verabschiedet, die über Gelder und ihre Kürzungen entscheiden. Die Studiengänge Italienisch an der HU sollen auslaufen, die beiden Professuren gestrichen werden. Wie wurde dieser dramatische Beschluss begründet?

Marie Guthmüller: Zum einen wurde auf die Zahlen der Studierenden verwiesen, die in der Italianistik seit Jahren zurückgehen. Eigentlich nicht nur da, auch in anderen Sprachen und Fächern geht es bergab, generell sind die Studierendenzahlen in den Geisteswissenschaften seit der Pandemie stark zurückgegangen.

UnAuf: Warum ist das so?

MG: Das abnehmende Interesse an romanischen Sprachen wie Italienisch oder auch Französisch hängt, denke ich, auch mit dem allgemeinen Streben nach Internationalisierung über Europa hinaus zusammen. Asiatische Sprachen und Kulturen werden interessanter, die Spanischstudiengänge etwa sind nicht so stark von dem Schwund betroffen, weil Spanisch global gesehen wichtiger ist. Aus deutschen Schulen verschwinden Französisch und Italienisch schließlich auch immer mehr. Aber das ist nicht der einzige Grund. Insgesamt sind die Geisteswissenschaften für Abiturienten offensichtlich weniger attraktiv als sie es noch vor 15 Jahren waren. Vielleicht studieren Leute, die die Welt verstehen und verändern wollen, lieber Umwelttechnik. Oder Weltveränderung ist nicht mehr so hoch im Kurs heute.

UnAuf: In der offiziellen Begründung wurde ebenfalls damit argumentiert, dass Italienisch auch an der Freien Uni angeboten wird. Wenn die Nachfrage sowieso sinkt: Warum reicht ein Standort in Berlin nicht aus?

MG: Abgesehen von den Stellen, die damit an unserem Institut für Romanistik verloren gehen würden, sind die romanistischen Studiengänge an der FU einfach nicht dieselben. Die Schwerpunkte liegen anders. Gerade mit unseren neu eingeführten Masterstudiengängen Euromaster Französische/Frankophone Studien und dem Master Romanische Kulturen sowie mit dem institutsübergreifenden Master Europäische Literaturen bieten wir ein anderes Profil, das komparatistischer und kulturwissenschaftlicher ausgelegt ist als das der FU. Die arbeiten eher klassisch-philologisch. Die Streichung von Italienisch an unserer Uni würde also einen wirklichen Verlust bedeuten, ein Verlust von etwas Eigenem. Außerdem ist die Humboldt-Universität international renommiert und bekannt für ihr geisteswissenschaftliches Profil, in Rankings sind die Geisteswissenschaften immer weiter oben als die Naturwissenschaften. Ursprünglich, also nach der Wende, war die Romanistik auch noch viel breiter aufgestellt, es gab zwölf Professuren, die nach und nach gestrichen wurden. Es ist aus wissenschaftlicher Sicht vollkommen absurd, an der Universität und an der Fakultät so stark mit anderen Fächern (wie Geschichte, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft) vernetzte Traditionsfächer wie Italienisch nicht weiter zu fördern, das schadet der Forschung an unserer Universität und auch ihrem internationalen Ruf. Also, die Humboldt als geisteswissenschaftliche Uni zu schwächen, das halte ich für sehr gefährlich.

UnAuf: Noch ist die Entscheidung abwendbar, bis Herbst bleibt Zeit, zu protestieren. Kam die Entscheidung überraschend? Und wie lautet jetzt der Plan?

MG: Allgemein hat es die sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät besonders hart getroffen, auch in der Slawistik und Skandinavistik sollen Professuren gestrichen werden. Ich glaube, Italienisch ist jetzt besonders ins Visier geraten, weil unsere beiden Professuren – eine für die Sprach- und eine für die Literaturwissenschaft – aktuell unbesetzt sind. Das Ungerechte ist, dass wir erst im Februar in der Auswertung eines Akkreditierungsprozesses sehr gut abgeschnitten haben.Speziell unser Konzept für die Italianistik wurde ausdrücklich gelobt und als sehr interessant hervorgehoben – und dann kommt diese Nachricht. Wir setzen uns jetzt dafür ein, dass wenigstens eine der beiden Professuren erhalten bleibt. Auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dieser Vorschlag für einen Sparbeitrag, den wir bis Herbst machen sollen, ist nur eine Beschäftigungsmaßnahme, und die Entscheidung seitens Senats ist schon längst gefallen. Dabei könnte man ja auch an den Gebäuden sparen oder an der Verwaltung, anstatt ganze Studienfächer zu streichen.

UnAuf: Was können wir als Studierende tun?

MG: Unbedingt die Maximalforderung stellen und mit allen Mitteln zeigen, warum der Erhalt von Italienisch an der Humboldt so wichtig ist. Es wird einen sogenannten dies italicus geben, bei dem sich gerade Studierende gerne engagieren können. Ob eine Präsentation der Ergebnisse einer Bachelor- oder Masterarbeit im Fach Italienisch oder ein kleines Theaterstück, eine musikalische Einlage oder eine Rede, auch in Gruppenform – jede Form von Protest ist willkommen. Wir sind auf den studentischen Einsatz angewiesen.

UnAuf: Warum ist es für Sie persönlich und als Italianistin wichtig, dass die italienische Sprache, Literatur und Kultur weiterhin an der HU vermittelt wird?

MG: Ich denke, Italien ist wahnsinnig wichtig, einmal natürlich als ein traditioneller Kooperationspartner für Deutschland – die altbekannte Liebesgeschichte zwischen Deutschland und Italien, spätestens seit den 1950er Jahren. Aber natürlich auch schon früher: Das war und ist eine intensive Beziehung, spätestens seit der Renaissance. Dann Italien als die prekäre Grenze Europas und als Fokuspunkt für alles, was Migration angeht – wir müssen unbedingt mit dem Land im Dialog bleiben. Gerade jetzt, mit dieser protofaschistischen Regierung in Italien und den Radikalisierungstendenzen in ganz Europa finde ich es wichtig, dass sich einzelne Länder nicht isoliert fühlen. Den Dialog nicht abbrechen, reden reden reden und nach gemeinsamen Lösungen suchen. Wir müssen die Italiener im Boot behalten. Und einen akademischen Beitrag dazu leisten wir, indem wir an der HU weiter über dieses Land, seine Kulturen und Literaturen lehren.

Das Gespräch führte Anna Raab.


Foto: privat

Anmerkung der Redaktion: Der Aktionstag „dies italicus“ wird am 26.06.2024 (10-18 Uhr) im Lichthof des HU-Hauptgebäudes stattfinden. Wer sich für den Erhalt von Italienisch an unserer Universität engagieren will, ist dazu herzlich eingeladen. Bei Ideen oder Fragen gerne an Lehrende oder die Fachschaft Romanistik wenden. Weitere Infos findet ihr hier: https://www.romanistik.hu-berlin.de/de/aktuelles/dies-italicus-am-xxx .

 

 

 

 

 

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