Als Mitte Oktober eine Sexismus-Debatte durch den Hashtag #MeToo ausgelöst wurde, war eigentlich zu erwarten, dass dieser genauso schnell wieder verdrängt und vergessen werden würde, wie andere wichtige Debatten der letzten Jahre. Doch am 6. Dezember erklärte das amerikanische Time-Magazine die Frauen, die #MeToo ins rollen brachten, zur Person des Jahres 2017. Ist der Hashtag der Beginn einer Bewegung, die anhält?

 

Einer Frau wird die Tür zu einem Hotelzimmer geöffnet. Sie tritt ein und erwartet ein Bewerbungsgespräch, eine Art Vorstellung für das Casting zu einem neuen Film. Der Mann, der ihr die Tür öffnet, ist angesehener Filmproduzent und hatte ihr die Hauptrolle angeboten. Es ist eine große Sache, dass er sie persönlich sehen will. Doch jetzt steht er im Bademantel vor ihr und sie weiß, dass das, was gleich passieren wird, kein normales Vorstellungsgespräch wird. Der Mann fängt an, vor ihr zu masturbieren, und erinnert sie an seine hohe Position in der Filmwelt. Am nächsten Tag überweist er ihr eine hohe Summe Geld, damit sie mit niemanden darüber spricht. Die Hauptrolle bekommt sie nicht.

Was jener Frau passierte, ist kein Einzelfall und sehr vielen Menschen in Hollywood schon lange bekannt. Als Anfang Oktober dieses Jahres Anschuldigungen erhoben wurden, dass Filmproduzent Harvey Weinstein jahrzehntelang Frauen belästigt und missbraucht habe, waren nur wenige Menschen wirklich überrascht.

Going viral

Als Reaktion darauf, dass diese Vorfälle nun doch ans Licht kamen, trendete ein Hashtag auf Twitter und Facebook, der nicht nur sehr schnell sehr viel Aufmerksamkeit erlangte, sondern auch eine weitreichende und hitzige Debatte auslöste, die man den beiden kleinen Wörtern, um die es geht, zunächst vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

#MeToo – ich auch. Das ist erstmal eine sehr bescheidene Feststellung.

Es ist ein simples Zeichen der Zugehörigkeit, um darauf aufmerksam zu machen, wie Sexismus und Missbrauch das tägliche Leben vieler Menschen beeinflussen. Dass hinter jedem geposteten #MeToo ein Mensch steht, der sagt: „Auch ich habe Erfahrungen mit sexueller Belästigung machen müssen“, überraschte viele, die noch nie von solcher betroffen waren. Dies rief nicht nur Ungläubigkeit und Verwirrung hervor, sondern warf auch Fragen auf, von denen man eigentlich denken könnte, sie seien schon lange und oft öffentlich diskutiert worden. Denn #MeToo erinnert stark an vergangene Debatten, mit ähnlichem Verlauf.

Dass diese Geschichten überhaupt auf sozialen Netzwerken geteilt werden, begann in Deutschland im Januar 2013, als die Journalistin Laura Himmelreich einen Artikel über den damaligen FDP-Spitzenpolitiker Rainer Brüderle veröffentlichte, in dem sie ihm sexistisches Verhalten und unangemessene Kommentare ihr gegenüber vorwarf.

Der Artikel erlangte nicht nur große Aufmerksamkeit, es berichteten plötzlich auch andere Frauen über Sexismus und Diskriminierung.

Am 24. Januar 2013 wurde auf Twitter der Hashtag #aufschrei ins Leben gerufen, unter dem alle Schilderungen von derartigen Erlebnissen gesammelt wurden. #aufschrei erlangte so viel Aufmerksamkeit, dass es auch in Printmedien und Fernsehen einen Platz fand und plötzlich eine deutschlandweite Sexismus-Debatte lostrat. Ein halbes Jahr später folgte der Grimme Online Award, Gewinner seien „alle Hashtag-Nutzer, die die Problematik des existierenden Alltagssexismus konstruktiv diskutiert“ hätten. Der erste Grimme-Preis für eine Debatte, nicht für eine Person oder ein Projekt.

Doch auf den #aufschrei folgte Stille.

Laura Himmelreich ist heute Chefredakteurin der deutschen VICE, zu der seit einiger Zeit auch das digitale feministische Online-Magazin Broadly gehört. Die Artikel dieser Seite sind „für Frauen, die wissen, wo sie hingehören“ und drehen sich um Themen wie Sexualität, körperliche Selbstbestimmung, Body Positivity, Gesundheit, Beziehungen und Politik. Broadlys Chefredakteurin Lisa Ludwig meint, dass man natürlich einerseits das Gefühl hat, diese Debatte schon oft genauso geführt zu haben, glaubt aber trotzdem, dass sich in den letzten Jahren etwas entschieden verändert dass „viele feministische Positionen viel mehr Mainstream sind, als sie es noch zur #aufschrei-Zeit waren.

Es geht zwar nicht sehr schnell, aber deshalb ja trotzdem voran und jedes weitere Medium, das das aufgreift und weiterträgt, trägt dazu bei, dass wir einen kleinen Schritt nach vorne machen.“

Für Hilfe ist es nie zu spät

In der #MeToo-Debatte fällt auf, dass diese zwar mit Vergewaltigungsvorwürfen gegen Weinstein anfing, sich aber schnell zu einer Debatte über Alltagssexismus und sexuelle Belästigung entwickelte. Beide Themen sind eng verknüpft und unfassbar wichtig, müssen aber verschiedenen angegangen werden.

Im Umgang mit dem Thema Vergewaltigung ist klar, dass es sich um eine Straftat handelt. In Berlin gibt es einige Anlaufstellen zur Hilfe und Beratung, wenn es um Rechtsfragen, psychologische Betreuung oder Krisenintervention bezüglich sexuellen Übergriffe und Belästigung geht, so beispielsweise die LARA Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt an Frauen.

LARA bietet anonyme psychologische bzw. therapeutische Hilfe und Rechtsberatung für Frauen ab 14 Jahren. Standardmäßig werden zehn Sitzungen angeboten und danach für die Vermittlung an Therapeutinnen oder Anwältinnen gesorgt, sofern die Betroffenen das möchten.

Außerdem gibt es eine psychosoziale Prozessbegleitung , wenn es zu einer Anzeige kommen sollte.

Auch wenn Hashtags Debatten zu Sexismus und Diskriminierung entfachen können, ermutigen sie nach Ansicht von Carola Klein von LARA, Frauen nicht direkt, Beratung zu suchen. Dennoch können sie etwas verändern, vor allem auf gesellschaftlicher Ebene sei in den vergangenen Jahren viel passiert.

Tatsächlich gibt es in Deutschland viele Krisentelefone und Beratungsstellen wie LARA. Obwohl die Entwicklung sehr langsam voranschreitet, scheint sich im Bereich der Hilfe für Opfer von sexualisierter Gewalt einiges zu tun, zum Beispiel existiert mittlerweile die Möglichkeit einer anonymen Spurensicherung in der Gewaltschutzambulanz der Charité Berlin. Für Klein ist dies es Schritt in die richtige Richtung: „Die institutionelle Hilfslandschaft wurde angepasst. Deswegen finde ich nicht, dass es jetzt so ist wie noch vor zehn bis 15 Jahren. Es ist echt besser geworden.“

Neben sexualisierten Übergriffen ist ein weiteres Problem von besonderer Bedeutung die Belästigung am Arbeitsplatz. Denn Frauen und Männer, die von Alltagssexismus betroffen sind, werden gesellschaftlich immer noch oft als hysterisch dargestellt.

Dass Frauen, die missbraucht oder vergewaltigt wurden, Hilfe erfahren, ist großartig. Aber wie geht man auf der anderen Seite mit all den Geschichten um, die auf sozialen Netzwerken veröffentlicht wurden und sich um die große Frage nach dem Alltagssexismus drehen?

Das Ende der Tabuisierung?

Neben #MeToo und #aufschrei gab es international auch andere Hashtags, die sich mit diesem Thema beschäftigten. Einer davon war der 2016 trendende #CanHeSayThat, ausgelöst durch die Australierin Jodie Fox, die bei einem Businessmeeting von einem männlichen Kollegen mit „Du siehst wundervoll aus“ begrüßt wurde und die Frage ans Internet richtete: Darf er das überhaupt sagen?

Es folgten Berichte über Sexismus von Frauen aus der ganzen Welt – und von Männern kam die große Frage: Wo hört denn überhaupt ein Kompliment auf und wo beginnt subtiler Sexismus? Hierbei liegt der Fokus eindeutig auf Belästigung am Arbeitsplatz und Frauen, die Opfer von Machtmissbrauch im Berufsleben wurden, teilen ihre Erfahrungen.

Auch wenn in den letzten Jahren immer wieder Sexismus-Debatten geführt wurden, scheint mit #MeToo alles von vorne anzufangen. Erfahrungen von sexueller Belästigung und Diskriminierung im Alltag werden geschildert, von Hollywood bis zum Bundestag kommen Vorfälle ans Licht und alle alten und neuen Medien greifen das Thema erneut auf.

Eventuell scheint das aber eben auch nur so. Carola Klein von LARA merkt an, dass das Thema mehr im Gespräch und nicht mehr so tabuisiert sei. Frauen in Führungs-positionen würden sich nicht mehr komplett abgrenzen, was man beispielsweise an der schwedischen Außenministerin Margot Wallström sehen könne, die von sexueller Belästigung in der Politik berichtete und öffentlich sagte: „Me Too“. Carola Klein erklärt: „Das wäre früher gar nicht denkbar gewesen. Da gab es dann die Opfer und die Frauen in hohen Positionen, die nicht betroffen waren oder das jedenfalls niemals gesagt hätten. Vielleicht sagt Angela Merkel ja auch noch irgendwann mal ‚Me Too‘. Das wäre doch mal ein Fortschritt.“

Doch auch bei #MeToo scheint das Entsetzen, der Protest und der Aufruf zur Veränderung nicht lange anzuhalten. Schnell wandeln sich die Fragen von „Wie kann so etwas passieren?“ zu „Aber war das denn überhaupt Missbrauch?“ Man erwartet eigentlich, dass dazu die immer wieder-kehrende Unsicherheit über die Grenzen zwischen Kompliment und Belästigung auftritt, bis niemand mehr Fragen stellt und das Ereignis schnell vergessen wird.

Die Debatte wird erfahrungsgemäß noch eine Weile von weinerlichen Artikeln weißer Männer bestimmt, die betonen, sie seien keine Sexisten, oder gelegentlich auch von welchen, die unbedingt ansprechen müssen, dass Komplimente keine Belästigung seien und falls doch, Belästigung ja keine Vergewaltigung. Zuletzt kommen feministische Artikel, die sich über weiße privilegierte Männer aufregen und eventuell bekommt noch irgendwer den Grimme-Preis.

Oder eben die Auszeichnung „Person oft he Year“. Ist das eventuell der entscheidende Unterschied? Eine so große Auszeichnung kann unmöglich das Ende der Bewegung sein.

Auf die Frage woran es liegen könnte, dass solche wichtigen Themen normalerweise so schnell wieder verdrängt werden, erklärt Lisa Ludwig, dass es natürlich sehr anstrengend sei, ein Thema konstant für sich präsent zu halten, vor allem in unserem Zeitalter der kurzlebigen Nachrichten.

Einerseits der Debatte immer weiter zu folgen, und zum anderen als engagierter Mensch weiterhin so laut zu bleiben, könne anstrengend werden. Sie könne jede Person verstehen, die davon bisweilen Abstand nehmen müsse — gerade Aktivistinnen, die dafür viel Hass abbekämen. Aber: „Das Wichtige ist, dass man weiterhin versucht, Ungerechtig-keiten aufzudecken und Frauen, die Geschichten haben, eine Plattform zu geben. Man muss immer wieder sagen, wenn was nicht richtig ist.“

Respekt für Alle

Damit die Sexismus-Debatte rund um #MeToo nicht abbricht, ist es wichtig, weiter über Themen wie sexualisierte Gewalt und Alltagssexismus zu reden, die beide verschiedene Problematiken mit sich bringen, aber trotzdem zusammen gehören. Obwohl es so scheint, als würden durch Hashtags ausgelöste Sexismus-Debatten genauso schnell wieder verdrängt werden, wie es neue Meldungen in den Medien gibt, lässt sich eine positive Entwicklung beobachten. Das Thema Sexismus wird ernster genommen und Veränderungen sind sichtbar.

Wichtig ist, den Frauen die ihre Geschichten veröffentlichen, zu glauben und sie nicht anzufeinden. Ein Standpunkt, den auch Lisa Ludwig betont: „Man muss immer im Hinterkopf haben, dass es etwas sehr Mutiges ist, so was öffentlich zu machen. Es ist ja nicht so, dass man davon unmittelbar profitiert. Deshalb sollte man diese Personen auch so behandeln: als mutige Menschen, die eine traumatische Erfahrung gemacht haben und die das jetzt mit der Öffentlichkeit teilen, weil sie die Hoffnung haben, anderen damit zu helfen und dafür zu sorgen, dass die diese traumatische Erfahrung zukünftig nicht auch machen müssen.“

Das Entscheidende für eine erfolgreiche Debatte, die so sensibel ist wie die momentan geführte, ist demnach der richtige Umgang miteinander. Nur so kann sich etwas verändern. Nur so wird dieses wichtige Thema nicht sofort wieder verdrängt. Mit ein wenig Glück trägt #MeToo, genauso wie vorher #aufschrei, dazu bei, dass die Problematik immer stärker in Medien und Gesellschaft besprochen wird und man in absehbarer Zeit niemandem mehr erklären muss, wie man Sexismus definiert oder was ein Kompliment ist. Die Auszeichnung des „Time-Magazine“ zeigt nicht nur, dass die Debatte Menschen bewegt und vereint, sondern auch, dass man mit Offenheit über die Thematik die ganze Welt zum Diskutieren und hoffentlich auch Nachdenken bewegen kann.

 

 

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