Montag, 4 März 2024
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Victoria

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Victoria, Sonne und Boxer  |  © Senator Film Verleih

Das blinzelnde Auge hat sich noch nicht richtig an das Lichtgeflimmer gewöhnt, als die Ohren schon das Schlagen schwerer Beats vernehmen. Wir bewegen uns nicht ohne zu taumeln auf der Tanzfläche weiter, sind auf der Suche, ja, wonach eigentlich? Keine Ahnung.

Da, ein Nacken, ein weißes Top, ein süßes Gesicht. Sie geht zum Tresen und wir schauen zu, wie sie sich lächelnd die Haare hochsteckt. Sie ist wirklich süß – und alleine hier. Sie kippt einen Shot und dreht sich zu uns um. Erst jetzt sehen wir die Augenringe, die ihren verlorenen Blick noch naiver und noch neugieriger erscheinen lassen. Wir wollen bei ihr bleiben und begleiten sie in die Nacht.

Victoria (Laia Costa) ist eine junge Spanierin die sich durch einen Berliner Club tanzt, bis sie, als sie gerade gehen möchte, vier Jungs kennen lernt. Berliner Jungs mit dümmlicher Ausstrahlung, verkümmerten Englischkenntnissen und nur allzu offensichtlichen kriminellen Absichten. Es wird gelabert, gebaggert und es wird gelacht. Auf ehrlich plumpe Weise. Doch je langsamer Victoria ihr Fahrrad neben sich her schiebt, desto sicherer werden die Jungs, vor allem der mit dem knautschigen Gesicht, der sich Sonne (Frederick Lau) nennt und sich sofort zu ihr hingezogen fühlt. Nach Hause will hier keiner.

Als Sonne noch nach englischen Worten ringend, vor einem Laden stehend, nur ein „It is a Spätkauf“ hervorbringt und schelmisch grinst, hat Victoria sich schon längst entschieden. Sie geht mit. Sie wirkt sogar froh darüber, die lustige Gang getroffen zu haben. Sonne, Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yiğit) und Fuß (Max Mauff) quatschen auf sie ein, sie hat nichts dagegen, lässt sich verquatschen. Auf ein Bier. Erstmal. Dass sie das Bier dann im Späti klauen, verängstigt und begeistert Victoria zugleich.

Doch was ist so aufregend an diesem Film von Sebastian Schipper? Eine junge Spanierin, dümmliche Berliner Jungs, Verständigungsprobleme? Das kennt man in der Hauptstadt. Das wäre auch nicht sehr originell. Nicht originell, aber sensationell ist das Wagnis oder der Wahnsinn, den der Regisseur in der Form des Erzählens wählt.

One Take. Es gibt eine Einstellung. Ohne Schnitt. Für die 140 Filmminuten bedeutet das eine einzige rastlose Bewegung, für die Schauspieler ein einziges Reagieren und Improvisieren und für den norwegischen Kameramann Sturla Brandth Grøvlen einen Silbernen Bären auf der Berlinale 2015.

Für den Zuschauer bedeutet das erstmal nichts, denn der hat gar keine Zeit nachzudenken. Als Sonne zu Victoria sagt: „Ich zeig dir unsere Welt“, sagt er das auch zu uns, die wir mit großem Staunen immer einen Schritt hinter oder vor dem Geschehen herwackeln. Uns wird nichts erspart, wir werden nicht getäuscht, weil wir nicht getäuscht werden können, denn was wir sehen, muss wahr sein. Wir sind ja dabei. Wir sind im Fahrstuhl, in dem, wie Sonne erklärt, in Deutschland nicht geredet wird. Wir sind auch noch da, als Victoria entgegnet, dass es ihr egal sei, ein „I’m gonna break the rule“ anfügt und dabei so bezaubernd vielsagend lächelt.

Wir, das ist die Kamera, aber das fällt uns erst nach dem Film ein.

Als Victoria dann auf dem Dach eines Hochhauses sagt, dass sie eigentlich um 07.00 Uhr einen Kaffeeladen öffnen muss, in dem sie arbeitet, möchte der Zuschauer von einem in seiner Vorstellung existierenden Rederecht Gebrauch machen und „Geh in den Laden!“ an die Leinwand schreien. Denn wir ahnen bereits, dass die Dramaturgie der Handlung nur einen möglichen Schluss zulässt.

Hat sie das gehört? Leicht angezählt und in dem Glauben, dass es das gewesen ist, schwanken wir erneut mit unscharfem Blick und Victoria durch Berlin. Sonne kommt mit. Es ist ein ruhiger Moment. Nach dem Tempo und der Lautstärke fällt die Langsamkeit und Stille auf, mit der wir uns bewegen und schließlich tatsächlich im Laden landen. Victoria könnte sich dort ein paar Stunden schlafen legen, sich erholen und bittet Sonne, doch noch bei ihr zu bleiben. Der nimmt das Angebot natürlich an und entdeckt prompt ein Klavier, auf dem er dann nach großer Ankündigung spielt, wie er Englisch spricht. Was er (und wir) nicht wissen können ist, dass Victoria als gescheiterte und doch höchst talentierte Klavierspielerin, einen Mephisto-Walzer von Franz Liszt folgen lässt, der Sonne (und uns) gleichermaßen entwaffnet zurücklässt.

Der Film könnte so enden. Mit dem wie magisch ungeschnittenen und in Nuancen fehlerhaften Moment am Klavier im Kaffeladen, in dem sich beide zu verlieben scheinen. Aber die Unabwendbarkeit einer sich heimlich und unaufhaltsam heranpirschenden Katastrophe in der schlafenden Metropole, die wir vor kurzem schon erspürt haben, wird zur Gewissheit.

Boxer muss einer Knastbekannschaft eine Schuld, die er noch aus seiner Zeit im Gefägnis mit sich herumträgt, begleichen – und braucht dafür Victoria.

Obwohl sie die Jungs genauso lange kennt wie wir, nämlich exakt eine Stunde, und sie in etwa das befürchten kann, was wir befürchten, nämlich nichts Gutes, lässt sie sich darauf ein.

Victoria ist kein Film über Berlin, auch wenn viele Kritiker und manch ein Zuschauer das gerne so hätten. Der Club, der Späti, die Straßen, das Hochhausdach, der Kaffeeladen, später die Tiefgarage und wieder die Straßen. Wie ein Puzzle fügt sich ein Ort zum anderen und lässt ein Gefühlsbild der Sehnsucht nach Freiheit entstehen. Berlin ist ein Stück davon und trägt dazu bei, dass es so echt wirkt. Aber es geht um dieses Gefühl. Einer Freiheit im Jetzt, die Victoria sucht und in den Jungs findet.

Der Thriller Victoria ist ein berauschendes Kinoerlebnis. Da steckt eine ganze Generation, mit ihren Wünschen und Ängsten, mit Gefühlen und Gefahren in einer Plansequenz, in diesem einem Take. Eine deutsche Kinorevolution. Der Film ist, mit einigen Längen, die uns kurz betäuben, die Spannung in dieser uns präsentierten Realität lähmen, um uns dann mit einer ungeheuerlichen Energie in eine ebenso vertraute Traumwelt zurückschleudern, einfach überwältigend. Einer Kraft, die im Unperfekten dieses irrsinnig-atemberaumbenden Films liegt und mit Abstand das Beste ist, was das deutsche Kino seit langem hervorgebracht hat.

Victoria – ganz so, als wären wir dabei gewesen.

 

Victoria

Länge: 139 Minuten

Regie: Sebastian Schipper

Mit: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski

Kamera: Sturla Brandth Grøvlen

Premiera bei der Berlinale 2015