Foto: (C) Jerome Prebois

Geschrieben von Sebastian Beug

Berlin, 15. Februar 2014

Volker Schlöndorffs „Diplomatie“ lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen:  Befehl, Disziplin, Pflicht, Verantwortung. Schlöndorffs  cineastische Inszenierung des gleichnamigen Theaterstücks von Cyril Gély ist mitreißend und schlüssig. Doch am Ende des Films erfolgen gleich zwei Befehlsverweigerungen.

Paris, Nacht des 24. zum 25. August 1944: Die Alliierten nahen, auf Befehl Hitlers soll General Dietrich von Choltitz, Wehrmachtsbefehlshaber für Groß-Paris, die Stadt zerstören. Gesprengte Brücken sollen die Seine stauen und ganze Quartiere fluten. Den Rest inklusive Louvre und Notre Dame würden Sprengladungen pulverisieren. Einige Mann und der französische Ingenieur und Kollaborateur Jaques Lanvin installieren die Ladungen, von Choltitz kommandiert vom Hotelzimmer aus.

Das Zimmer wird Schauplatz eines beeindruckenden Kammerspiels, als der schwedische Konsul Raoul Nordling eintritt. Sein Ziel: von Choltitz von der Zerstörung abzubringen. „Diplomatie“ wird dabei zu einer Lehrstunde für Rhetorik. Von Choltitz beharrt auf seinem Befehl. Nordling appelliert an von Choltitz‘ Gewissen, fragt nach dessen Kindern. Moral, Pflicht, Verantwortung – einige Prisen trockenen Humors erleichtern die Annäherung an diese großen Themen.

Auch Kameraführung und Szenenbild leiten den Zuschauer durch von Choltitz‘ und Nordlings Verhandlung. Beide Figuren verdanken ihre Leibhaftigkeit ihren grandiosen Schauspielern: André Dussollier als Konsul Nordling und Niels Arestrup als General von Choltitz. Herren mit Haltung.

„Heil Hitler!“ – nach etwa einer Stunde gellen die ersten und einzigen Nazi-Rufe. Gesandte Himmlers kommen aus Berlin, um Kunst aus dem Louvre zu stehlen. Himmler will die Mona Lisa – NS-Raubkunst ist das bestimmende filmische und gesellschaftliche NS-Thema 2014.

In „Diplomatie“ aber haben Himmlers Kunstjäger eine wichtigere Aufgabe: Sie erinnern von Choltitz an die drohende Sippenhaft, falls er den Befehl verweigere. „Vous savez, qu’est-ce que c’est, le Sippenhaft?“ Ein Exempel für die Stärke des zweisprachigen Films. In dieser Sprache der Diplomatie gibt es kein Äquivalent des deutschen Begriffs für die perfide Strafe, Angehörige von Befehlsverweigern zu deportieren. Der bis dahin reservierte General ist erregt, zerstört Teller und Tassen und erklärt Nordling die Sippenhaft und dem Zuschauer sein Dilemma.

Da neigt man zu Empathie. Die letzte halbe Stunde des Films bietet kluge Wendungen: Von Choltitz erleidet Atemnot, braucht Pillen aus seinem Schreibtisch. Nordling reicht sie fast ohne Zögern, wohlwissend, dass er den General noch nicht überzeugt hat, obwohl er dessen Familie Fluchthilfe in die Schweiz geboten hat.

Die so aufgebaute Spannung entlädt sich am Ende in teils überraschenden Befehlen und Befehlsverweigerungen, die die Wendungen des Films geschickt auf die Spitze treiben. Doch letztlich bleibt Paris bestehen und die Alliierten marschieren ein.

Die Figuren von Choltitz und Nordling lebten wirklich, ihr Treffen in der Sommernacht 1944 aber hat nicht stattgefunden. Schlöndorffs Kammerspiel ist großes deutsch-französisches Kino. André Dussollier und Niels Arestrup passen perfekt in die Rollen der standhaften Herren in Dreiteiler und Wehrmachtsuniform. Auch die Nebenfiguren sind gut besetzt. Befehl und Disziplin, Pflicht und Verantwortung – das Abstrakte erschließt sich oft im Kleinen. Volker Schlöndorff ist das mit „Diplomatie“ in einem Hotelzimmer gelungen.

„Diplomatie“

Frankreich / Deutschland 2013

Regie: Volker Schlöndorff

Darsteller: André Dussollier, Niels Arestrup, Robert Stadlober, Burghart Klaussner, Charlie Nelson, Jean-Marc Roulot, Stefan Wilkening

85 Min.

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