La voie de l'ennemi

Foto: (C) Tessalit-Pathé/Gregory Smith

Geschrieben von Claudio Rizzello

Berlin, 08. Februar 2014

Sandy County, ein von Wüste umgebenes Kaff irgendwo an der Grenze der USA, das im anbrechenden Tageslicht immer wieder ermordete und verdurstete Mexikaner ausspuckt. Hier wird William Garnett (Forest Whitaker) nach 18 Jahren Haft auf Bewährung entlassen. Er kauft sich ein Motorrad und fährt in der Trostlosigkeit umher, er ist frei. Er hat eine zweite Chance bekommen und diesmal will er alles richtig machen. Was für ein schönes Ende.

Nur ist “La voie de l’ennemi – Two Men in Town“ kein Kurzfilm, sondern ein Drama. Schon die Anfangsszene lässt nicht darauf hoffen, dass das persönliche Glücksbarometer des William Garnett wieder steigt.

Die alten Dämonen warten schon wie Aasgeier auf Fraß: Da wäre zum Einen der Sheriff (Harvey Keitel), der Garnett den Mord an seinem Deputy nicht verzeihen will und ihn deshalb schikaniert und demütigt. Zum Anderen ist da sein ehemaliger Gangsterkumpan Terence (Luiz Guzmán) der partout wieder mit Willy Geschäfte machen will. Von beiden will Garnett einfach nur in Frieden gelassen werden, um neu anfangen zu können. Doch sie ziehen die Schlinge immer enger um seinen Hals.

Einzig sein im Knast neu gefundener muslimischer Glauben und die pummelige und strenge Bewährungshelferin (Brenda Blethyn), die ihm vertraut, sowie die bezaubernde Teresa (Dolores Héredia) geben im Halt. Den brauch Garnett auch, denn bei Allem, was er macht, scheint es fast so, als wenn er noch übe. Wenn er aus Nervosität an seinem Ring, auf dem Mondsichel und Stern abgebildet sind herumspielt. Wenn er den Fernseher des Nachbarn zerdeppert, weil dieser nach mehrmaligen Aufforderungen nicht leiser drehen wollte; wenn er erstmals wieder mit einer Frau redet und sich eingestehen muss, dass er das gar nicht richtig kann. Wenn er versucht, zu lächeln und merkt, dass er auch das verlernt hat.

Whitaker gelingt es, mit seiner tapsigen und befangenen Art jedwede Empathie in der Person des Polizistenmörders zu bündeln. Sein Leiden wird derartig akzentuiert, dass man die ihm zuteil werdende Ungerechtigkeit gut nachempfinden kann.

Dank seines Glaubens hat sich Garnett im Knast vorbildlich verhalten, war hilfsbereit und hat sogar sein Abitur gemacht. Nun arbeitet er auf einer Farm, zwar zum Mindestlohn und ohne Sozialleistungen, aber er geht immerhin einer Tätigkeit nach und macht seine Sache gut. Die Resozialisierung gestaltet sich schwierig, aber Garnett gibt sich Mühe. Der Deputy würde ihn trotzdem am liebsten mit „Arschtritten aus dem Land befördern“ und sein ehemaliger Komplize sieht so klischeehaft böse aus, dass man ihm erst keine Bösartigkeit unterstellt und fast überrascht ist, als er dann doch noch richtig fies wird.

Rachid Bouchareb präsentiert mit “Two Men in Town“ ein Remake des Krimis “Deux hommes dans la ville“ (dt.: Endstation Schafott) von 1973, in dem sich Schriftsteller und Regisseur José Giovanni, der selbst einmal im Gefängnis saß, mit den Ungerechtigkeiten des französischen Justizsystems befasst. Bouchareb verlagert die Handlung in die gesellschaftliche und politische Landschaft der heutigen USA. Er entzündet nicht gerade ein Feuerwerk der Emotionen – die wenigen, die er gebraucht, haben es allerdings in sich. So ist der Film zu keinem Zeitpunkt richtig spannend, fast zu jedem Zeitpunkt vorhersehbar und trotzdem irgendwie überraschend unbequem.

Denn der Film hat durchaus den Charakter eines abgedroschenen ‘Die-Stadt-ist-zu-klein-für-uns-beide-Western‘, doch ist es gerade die unerbittliche Realität der weiten, kargen Wüstenlandschaft, inmitten derer sich einzelne fragile und verlorene Individuen bewegen, die aus “Two Men in Town“ ein existentialistisches Charakterdrama mit echten Menschen macht.

 

“La voie de l’ennemi – Two Men in Town”

Frankreich / USA / Algerien / Belgien 2014

Regie: Rachid Bouchareb

Darsteller: Forest Whitaker, Harvey Keitel, Brenda Blethyn, Luis Guzmán, Dolores Heredia

120 Min.

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