(C) Chloe Thomson

Geschrieben von Charlotte Janus

Berlin, 11. Februar 2014

Es ist Morgen – der Wecker klingelt. Ein Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Es ist der fiktive zwanzigtausendste. Der Musikpoet blickt in den Spiegel. Wer ist er? Wer sind wir?

Nick Cave sitzt in einem Sessel umgeben von Büchern. Ein Psychologe befragt ihn. Er will etwas über Caves Vergangenheit erfahren. Die Kindheit, erste sexuelle Erfahrungen, erste Erinnerungen. Was ist seine größte Angst? Der Gedächtnisverlust. Denn unsere Erinnerung bestimmt unser Sein. Auf geschickte Weise erfährt man Einzelheiten aus Caves Leben, ohne dass der Film in eine Aneinanderreihung von Rückblenden verfallen muss.

Die britischen Künstler Iain Forsyth und Jane Pollard brillieren in ihrem Regiedebüt „20.000 Days on Earth“ mit einer ganz eigenen und überaus kreativen Interpretation des biographischen Musikdokumentarfilms.

Nick Cave fährt mit dem Auto durch die trübe Landschaft. Brighton ist die Wahlheimat der australischen Musiklegende. Die Tristesse des südenglischen Badeorts harmonisiert hervorragend mit der Melancholie, die den Film ausmacht. Sturm und Nebel präsentieren sich in Brighton als ständige Begleiter. Cave schreibt gern über schlechtes Wetter. Er sagt, er könne das Wetter mit seiner Stimmung kontrollieren. Das Problem: Seine Stimmung, die kann er nicht kontrollieren.

Immer wieder tauchen in Caves Auto wie aus dem Nichts Mitfahrer auf. Wo kommen sie her, wo wollen sie hin? Fragen, die unbeantwortet bleiben. Für Caves Leben ist dies irrelevant. Lediglich die Gespräche selbst sind wichtig. Die Situationen sind inszeniert. Kylie Minogue, deren Song Nick Cave anfangs im Radio demonstrativ abschaltet, sitzt plötzlich im Wagen und erzählt von der Angst vor der Einsamkeit und dem Vergessenwerden.

Nichts passiert wirklich zufällig. Hierdurch verliert der Film dennoch nicht an Authentizität. Die Unterhaltungen scheinen sich von selbst zu entwickeln. Der Grad zwischen Realität und Fiktion ist schmal.

Regelmäßig wird auch das Aufnahmestudio zum Schauplatz. Die Filmemacher haben die Aufnahmen zu Nick Caves letztem Album mit den Bad Seeds „Push the Sky Away“ dokumentiert. Damit zeigt sich am zwanzigtausendsten Tag im Leben des Musikpoeten auch ein künstlerischer Schaffensprozess, der für eine permanente musikalische Untermalung des Films sorgt, die in vielen Szenen auch in den Vordergrund tritt.

In phantastischen Bildern und mit Caves emotional-poetischen Worten erzählt der Film seine Geschichte. Hierbei kommt man dem Protagonisten unglaublich nahe. Einerseits erfährt man vieles aus seinem Leben. Andererseits gewährt Nick Cave aber auch Zugang zu seinen innersten Gedanken, seiner persönlichen Weltsicht, seiner Phantasie. Nick Cave präsentiert sich humorvoll, tiefgründig und selbstreflektiert. Dabei tritt besonders auch in seiner Musik innerer Schmerz und Zerrissenheit zutage. Diese scheinen den Musiker allerdings weniger zum Zweifeln zu verleiten als seine Inspiration zu fördern. Trotz seiner Intensität überschreitet der Film keine Grenzen. Zu keinem Zeitpunkt wird er zu intim.

„20.000 Days on Earth“ ist mehr als Rock ’n‘ Roll. Der Film ist keine einfache Musikdokumentation. Er leitet an, sich selbst zu hinterfragen. Was ist unsere persönliche Phantasie, welche Dämonen erschaffen wir selbst? Jeder Tag ist nur ein kleiner Teil auf der ewigen Suche nach sich selbst. Damit ist der Film nicht nur für Nick Cave-Fans zu empfehlen, sondern für alle, die herausfinden wollen, ob Nick Cave Recht hat, wenn er sagt: „We all want to be someone else.“

„20.000 Days on Earth“

Großbritannien 2013

Regie: Ian Forsyth, Jane Pollard

Darsteller: Nick Cave

95 Min.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here