Nachtzug nach Lissabon, Foto: © 2013 Sam Emerson / Concorde Filmverleih

Geschrieben von Anna Balmes

Berlin, 18. März 2013

Melancholische Klaviermusik erklingt gleich zu Beginn von “Nachtzug nach Lissabon“. Sie untermalt eine Szenerie, wie sie klischeebehafteter nicht sein könnte: Ein Mittfünfziger in einem form- und farblosen, schlecht sitzenden Sakko starrt durch die Gläser seiner klobigen Brille angestrengt auf ein Schachbrett- allein der Gegner fehlt in diesem Spiel. Als der Protagonist mit den etwas zu langen, bereits ergrauten Haarsträhnen durch sein tristes Apartment schlurft, dessen einziges herausstechendes Merkmal die zahllosen überfüllten Bücherregale sind, ist dem aufmerksamen Zuschauer längst klar: Dieser Mensch ist einsam.

Doch das Leben des Schweizer Gymnasiallehrers Raimund Gregorius (Jeremy Irons) ändert sich schlagartig, als er auf dem Weg zur Arbeit eine adrette Portugiesin (Sarah Spale-Bühlmann) erblickt, die auf einem Brückengeländer kniet und augenscheinlich vorhat, sich das Leben zu nehmen. Gregorius kann gerade noch verhindern, dass es zum Äußersten kommt. Allerdings zeigt sich die Fremde nicht sonderlich dankbar und macht sich schon bald wieder aus dem Staub. Alles, was dem zerstreut wirkenden Helden von ihr bleibt, ist ihr knallroter Mantel und ein kleines Buch. In einem Anflug von Spontaneität beschließt Gregorius, sich auf die Suche nach der mysteriösen Unbekannten zu machen und findet sich schon bald in Lissabon wieder, wo er die junge Frau vermutet.

Schnell begreift er, dass dem vergilbten Büchlein bei seinem Unterfangen eine Schlüsselrolle zukommen wird. Es erzählt die Lebensgeschichte von Amadeu de Prado (Jack Huston), seines Zeichens portugiesischer Arzt,  Poet und Widerstandskämpfer zur Zeit der Salazar-Diktatur. Gregorius ist zunehmend fasziniert von dessen Leben und vertieft sich immer weiter in seine Lektüre. Dies zeigt sich stilistisch anhand der zunehmen Anzahl der Rückblenden im Film, die die Geschichte um den jungen Amadeu und seinen Mitstreitern im Kampf gegen die Diktatur erzählen.  Im Mittelpunkt steht dabei die Liebesgeschichte zwischen dem Revolutionär und der schönen Estefania (Mélanie Laurent). Nach einiger Zeit überkommt Gregorius das Gefühl, regelrecht mit den historischen Akteuren zu verschmelzen, sodass es etwas Zeit braucht, bis er bemerkt, dass sich auch in seinem eigenen Leben eine Romanze mit seiner Augenärztin Marianna (Martina Gedeck) anzubahnen scheint…

Nach seinem preisgekrönten Werk „Das Geisterhaus“ (1993) versucht sich der dänische Regisseur Bille August nun an der Verfilmung der von der Kritik hochgelobten Romanvorlage Pascal Merciers. Doch im Gegensatz zu seinen anderen Arbeiten vermag diese hier nur sehr bedingt zu überzeugen.

Die schwermütige Musik zieht sich wie ein roter Faden durch den Film und wirkt bereits nach den ersten zehn Minuten leicht überdosiert. Hat man schon bei den in der Gegenwart spielenden Sequenzen oft das Gefühl, dass Profanes künstlich dramatisiert wird, so nimmt dies in den Rückblenden Überhand. Immerhin stimmt die Chemie zwischen den Turteltauben im Hier und Jetzt, gespielt von Oscar- Preisträger Irons und der aus deutschen Produktionen bekannten Martina Gedeck. Dies kann man von dem Liebespaar der Vergangenheit nicht behaupten: Gerade dem jungen Amadeu und seiner Geliebten nimmt man die ganz großen Gefühle einfach nicht ab. Die Charaktere wirken blass und schablonenhaft, als seien sie tatsächlich nur Bestandteil einer fiktiven Erzählung und keine authentischen Persönlichkeiten. Zu oft entsteht das Gefühl, bereits im Vorhinein zu wissen, was im nächsten Satz gesagt wird. Den Höhepunkt seiner Banalität aber erreicht der Film, als sich die jungen Liebenden an einem Abgrund – ihr frisch gewachster Oldtimer glitzert im samtweichen Licht des Sonnenuntergangs – ihre ewige Zuneigung gestehen. Nach einer langwierigen Flucht aus Portugal entscheiden sie sich dann aber, von nun an getrennte Wege zu gehen- warum das so ist, wird leider nicht weiter erörtert.

Auch die eingestreuten philosophischen Weisheiten aus dem Off können derartigem Kitsch keine Tiefgründigkeit mehr verleihen. Ohnehin verwirren sie den Zuschauer ob ihrer fehlenden Einbettung in den Kontext meist mehr, als dass sie ihm Erleuchtung versprechen.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass dieser Film trotz – oder gerade wegen – seiner emotionsbetonten Erzählweise schlichtweg nicht berührt. Das ist sehr schade, wenn man bedenkt, dass er auf einem politisch und philosophisch durchaus anspruchsvollen Roman basiert.

 

Schweiz, Deutschland, Portugal 2013, 111 Minuten
Sprachen: Deutsch, Englisch, Portugiesisch
Regie: Bille August
Darsteller: Jeremy Irons, Bruno Ganz, Mélanie Laurent, Jack Huston, Martina Gedeck, Christopher Lee
Kinostart: 07.03.2013

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here