Konstantin Gropper, Foto: Simon Gallus

Geschrieben von Philipp Sickmann

Berlin, 15. September 2012

Es kommt nicht oft vor, dass Musiker auf ihren Alben Weltuntergang, Melancholie und Klassik neben Diskomusik der achtziger Jahre, Roland Emmerich und italienische Horrorfilme stellen. Noch seltener ist es, dass eine solch abenteuerliche Mischung aus Pop- und Hochkultur auf ein Konzeptalbum komprimiert wird. Multiinstrumentalist und Komponist Konstantin Gropper hat einen solchen Versuch mit dem neuen Album seiner Band “Get Well Soon” unternommen – und wem ist dies eher zuzutrauen als jemandem, den die britische Musikzeitschrift New Musical Express einst als “German wunderkind” betitelte, der so sagenhafte Alben wie die EP “Against the Glaciation” ablieferte und der selbst einem Roxette-Song Tiefe verleihen konnte?

Bereits zu Beginn von “The Scarlet Beast O’ Seven Heads”, dem dritten Album der deutschen Indie-Pop-Band, wird der Hörer in den Arm genommen. Der sanfte Walzer des “Prologue” lädt mit Akustikgitarre zu einer sternenklaren Nacht am Lagerfeuer ein, die Mundharmonika wirkt wie eine Reminiszenz an den Filmklassiker “Moon River”. Die Anleihen an Filmmusik sind kein Zufall: Der italienische Komponist Nino Rota (“Der Pate”, “Achteinhalb”) war laut Plattenfirma eine von 3227 Inspirationen für Groppers neue Scheibe. Über das ganze Album hinweg finden sich immer wieder Hommagen an die Musik des italienischen Kinos der 60er und 70er Jahre.

Mit Big-Band- und LoFi-Sound leitet das Interludium “Let Me Check My Mayan Calendar” in die Anfänge einer Hymne über, bis mit “The Last Days of Rome” eine Melodie ertönt, die die volle Aufmerksamkeit des Hörers verlangt. Mit hallenden Drums, den spitzen Ausrufen des Chors und einer Surf-Gitarre klingt der Titel stark nach Popsongs der 80er Jahre.

Nach einem Lied über die Aufstände der heutigen Jugend widmet sich Gropper gleich der Apokalypse. Nach Roman Herzog auf dem Vorgängeralbum “Vexations” bekommt nun Roland Emmerich mit “Roland, I Feel You” seinen eigenen Song, eine kleine Sympathiebekundung an den Regisseur, der ebenso wie Gropper aus Baden-Württemberg stammt („I specialize in end-times, too“, heißt es im Text). Cembalo-Klänge, Trompeten und Saxophon vermitteln zu Groppers sonorer Stimme den Charme von James-Bond-Filmen.

Es folgt ein weiteres Highlight: “Disney” wird mit zerbrechlichen Klängen eingeleitet und entführt den Hörer mit Glockenspiel, Streichern und Flöten in bunten Arrangements in einen der zahllosen Zauberwälder aus altbekannten Kinderfilmen. Das Spiel mit musikalischen Klischees und Genres erlebt hier seinen Höhepunkt: Nach einem kurzen Break gleitet das Lied in eine Akkordeon-Melodie, die an den Radiohead-Klassiker “Paranoid Android” erinnert, steigert sich mit Trompeten und wird zum Schluss von sanften Glockenspieltönen abgerundet.

Das Album präsentiert sich in der ersten Hälfte stilsicher und facettenreich, und die Texte stehen der Instrumentierung in nichts nach. Vom Weltuntergang über die Perspektivlosigkeit der Jugend bis hin zu Kritik an Küchenpsychologie und Esoterik-Ratgebern wagt Gropper lyrische Kapriolen, die nie zu persönlich, aber auch nie zu distanziert-intellektuell sind. Und dann gibt es hin und wieder Zeilen, die man nur für sich stehen lassen kann:

„Hitler in a car crash
December, 1931,
Drunk driver, icy road,
Guess who remained unharmed.“

Gropper zeigt sein ganzes musikalisches und dichterisches Können. Die Songs auf dem Album sind allerdings insgesamt sehr ähnlich aufgebaut und bieten wenig Überraschungen: Eine Low- oder Mid-Tempo-Melodie schleppt sich untermalt von ätherischen Chorgesängen durch die Strophen und den Refrain, bis der Song sich eine kurze Verschnaufpause gönnt, nur um zum Schluss wieder an Fahrt aufzunehmen. Die Zwischenspiele sind belanglos, einige Songs (“A Gallows”, “The World’s Worst Shrink”) schlicht langweilig. Dies ist bei einer Gesamtlänge von 54 Minuten ermüdend und führt dazu, dass dem Album etwa nach der Hälfte die Puste ausgeht. Insgesamt reicht “The Scarlet Beast O‘ Seven Heads” deshalb nicht annähernd an Get Well Soon’s Debütalbum aus dem Jahre 2008, “Rest Now Weary Head! You Will Get Well Soon”, heran. Eher ist es eine konsequente Fortsetzung des etwas blassen Vorgängeralbums “Vexations” von 2010.

Faszinierend ist trotz allem, dass bei angeblich Hunderten von Inspirationen und Einflüssen trotz allem ein insgesamt rundes und schlüssiges Album entstanden ist. Das liegt daran, dass Groppers Musik wie auf seinen früheren Alben trotz aller Melancholie und düsterer Zukunftsmalerei immer auch Optimismus und Trost vermittelt. “Just Like Henry Darger” und das wundervolle “Courage, Tiger” sind Beispiele hierfür, ebenso wie “You Cannot Cast Out the Demons (You Might As Well Dance)” – jenes Lied ist mit seinem Dance/Minimal-artigen Beat und dem perfekten Spannungsbogen nicht nur der letzte, sondern zugleich auch der beste Song des Albums.

Trotz Endzeitstimmung hinterlässt das Album am Ende ein positives Gefühl. Ein bisschen wie im Hollywoodkino.

Album: The Scarlet Beast O‘ Seven Heads
Künstler: Get Well Soon
Länge: 54:09 Min.
Label: City Slang

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here