Geschrieben von Simon Grimm

Berlin, 11. Februar 2012

17. Juli 1789. Seit vier Tagen ist die Französische Revolution im Gange. König Louis XVI. will nach Paris fahren, sich der Lage stellen. Seine Gemahlin Marie Antoinette versucht ihn zurückzuhalten. Er entgegnet: „Das Volk will nicht nur Brot, es will auch Macht.“

Sätze wie dieser machen die Forderungen der Revolution deutlich. Weit entfernt ist der historische Stoff des Filmes von den Ereignissen in der Arabischen Welt damit nicht. Durch das ganze Programm der Festspiele zieht sich das Thema Aufbruch und Umbruch in der Welt, mit der Arabischen Revolution im besonderen Fokus. Deshalb ist ?Les adieux à la Reine? von Benoît Jacquot von der Thematik ein würdiger Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale.

Doch zurück nach Frankreich des 18. Jahrhunderts. Die königliche Vorleserin Sidonie Laborde (Léa Seydoux) wird am 14. Juli ins Gemach der Königin Marie Antoinette (Diane Kruger) gerufen, während im nahen Paris der Sturm auf die Bastille beginnt. Sidonie soll ihrer Majestät vorlesen und sie bei der Auswahl von Stoffen beraten. Marie Antoinette erkennt in ihrer Magd eine treue und geistreiche Verbündete. Von nun an gehört Sidonie zum engeren Gefolge der Königin. So werden durch diese Beziehung zwar gesellschaftliche Stände überbrückt, doch die Konstellation gestaltet sich einseitig: Sidonie ist ihrer Königin, trotz kleinerer Auflösungserscheinungen am Hofe, stets gehorsam.

?Les adieux à la Reine? ist ein Film über Frauen. Männer – auch der König – spielen nur eine Nebenrolle. Benoît Jacquot setzt sinnliche Weiblichkeit bewusst in Szene: Lachende Lippen, kleine Zärtlichkeiten und durch Korsetts in Form gebrachte Dekolletés. Prächtige Kostüme tun ein Übriges. Die Schauspielerinnen machen sich gut in diesen und liefern auch sonst eine ordentliche Vorstellung ab. Der leichte deutsche Akzent der französischen Königin mit österreichischer Herkunft ist fabelhaft.

Regisseur Jacquot entscheidet sich in ?Les adieux à la Reine? für einen klaren Blickwinkel: Der Zuschauer erlebt den revolutionären Aufbruch ausschließlich mit Marie Antoinette und ihrem Gefolge. Diese Perspektive wird konsequent beibehalten, Informationen über die Ereignisse in Paris erfährt man – wie die damalige Hofgesellschaft – zeitverzögert und gefiltert. Und das ist vielleicht auch das Problem des Films: Die Revolution kann nur durch Emotionen und Dialoge vermittelt werden. In der zweiten Hälfte gelingt das nicht immer. Nebenhandlungen rücken in den Vordergrund, die Revolutionswirren werden durch die homoerotische Beziehung der Königin mit einer jungen Gräfin überdeckt.

Am Ende flieht die Magd Sidonie in die Schweiz. Ihre Eltern sind tot, Versailles und die französische Monarchie unerreichbar, es ist eine Fahrt ins Ungewisse – so bringt die Revolution ihr den Neuanfang. Und die Berlinale 2012 ihren Auftakt.

 

Frankreich, Spanien 2011, 100 Minuten
Sektion: Wettbewerb
Sprache: Französisch, mit englischen Untertiteln
Regie: Benoît Jacquot
Darsteller: Léa Seydoux, Diane Kruger, Virginie Ledoyen, Xavier Beauvois und andere
Weitere Vorstellungen: Samstag, 19. Februar, 10 Uhr, Friedrichstadt-Palast

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