Illustration: Luca Tagliafico

Antidemokrat oder großer Macher? Zwar hat Präsident Olbertz die HU zur Exzellenz-Uni gemacht, aber hinter der Fassade liegt einiges im Argen. Im Herbst heißt es Abschied nehmen. Ein Resümee von Olbertz‘ Präsidentschaft .

Irgendwann ist auch mal Schluss. Im Oktober endet die Amtszeit von Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Seine letzte, denn Olbertz hat angekündigt, nicht wieder zu kandidieren. Fünf Jahre stand er dann an der Spitze der Hauptstadtuni. Mehrere Großprojekte hat er durchgesetzt und an der HU ordentlich Wirbel gemacht.

Olbertz lässt sein HU-Volk mit gemischten Gefühlen zurück. Eigentlich ist „Volk“ nicht das richtige Wort für die vielen Lehrenden, Lernenden und Forschenden an der Uni. Die Auffassung des Präsidenten trifft es aber ganz gut. Er sah sich gern als Chef des Ladens, hielt die Zügel fest in der Hand. „Wir haben immer versucht ihm beizubringen, wie eine Gremienuniversität funktioniert“, sagt Larissa Klinzing, Vertreterin der wissenschaftlichen Mitarbeiter im Akademischen Senat (AS). Das habe er aber bis zum Schluss nicht verstanden. Und Studierendenvertreter Jakob Hoffmann meint: „Herr Olbertz hatte oft zu wenig Respekt vor demokratischen Entscheidungen.“

Dass das auf Dauer nicht funktioniert, bekam der Präsident bei seinem letzten Projekt deutlich zu spüren. „Es gibt in den Gremien der Universität keine Mehrheit für ein Kernanliegen von mir – die Wiedereinführung einer Gesamtzuständigkeit und -verantwortung für die zentrale Verwaltung nach dem Kanzlermodell.“, erklärte er als Grund für den Verzicht auf eine erneute Kandidatur.

Angetreten war Olbertz 2010 als „Präsident der Lehre“. Das lag nahe, schon aufgrund seiner eigentlichen Profession. Der gebürtige Ostberliner ist Erziehungswissenschaftler. Unter der CDU-geführten Landesregierung von Sachsen-Anhalt wurde er 2002 zum Kultusminister ernannt. 2010 folgte dann der Ruf an die HU.

Seine eigenen Ziele damals: Mit der Exzellenzinitiative Geld in die Kassen spülen, die Uni handlungsfähiger machen und vor allem die Lehre verbessern.

Davon war wenig zu merken, meint Klinzing. „Die Frage der Lehre hatte für Olbertz nie Priorität. Für Forschung wurde viel Geld ausgegeben. Um jeden Cent in der Lehre mussten wir kämpfen.“ Auch die Arbeitsbedingungen im Mittelbau hätten sich entgegen der Versprechen keineswegs verbessert.

Für den Präsidenten stand das Image der Uni im Mittelpunkt. Mit Leidenschaft verfolgte er seine Prestigeprojekte: die Exzellenzinitiative und die Fakultätsreform. Den Elitestatus hat die HU 2012 bekommen. Ein Punkt für Olbertz? Professorin Julia von Blumenthal meint: Ja. „Die Exzellenzinitiative war ein eindeutiger Erfolg“. Zwar habe er das Projekt nicht alleine durchgezogen, aber seine Rolle dabei sei nicht zu unterschätzen.

Erfolg oder Geldverschwendung? An der Exzellenzinitiative scheiden sich die Geister.

Zehn neue Professuren hat die HU bekommen, acht Graduiertenschulen und drei Exzellenzcluster. Forschung, die zum internationalen Renommee der Uni beiträgt und Drittmittel einwirbt. Aber solche Projekte verursachen auch Kosten. Und noch ist unklar, was mit den Instituten und Professuren passiert, wenn die HU den Exzellenzstatus wieder verliert.

Lutz Stange, der für die Verwaltungs- und Servicemitarbeiter im AS sitzt, bedauert, dass Olbertz nicht wieder kandidiert. „Für die Verlängerung des Exzellenzstatus wäre es gut, wenn er Präsident bleiben würde.“ Stange bemängelt aber, dass die technische, organisatorische Basis bei der Umsetzung der Exzellenzinitiative nicht ausreichend berücksichtigt worden sei.

Jakob Hoffmann findet: „Zusätzliche Gelder hätten für bestehende Löcher im Haushalt genutzt werden sollen. Stattdessen wurden sie für Prestigeprojekte verwandt. Wenn diese später weiterfinanziert werden müssen, belastet das den Haushalt umso mehr. Das geht erfahrungsgemäß zu Lasten der Lehre.“

An Zündstoff mangelte es unter Olbertz nicht. Richtig in Fahrt kamen die Diskrepanzen zwischen ihm und verschiedenen Statusgruppen mit der Fakultätsreform. Der Präsident wollte die Uni durch die Zusammenlegung mehrerer Fakultäten innovativer und wettbewerbsfähiger machen. Larissa Klinzing hält das für Quatsch: „Innovationen kommen doch nicht dadurch zustande, dass man größere Verwaltungseinheiten schafft“.

Für eine Bewertung der Reform ist es wohl noch zu früh. Viele befürchten jedoch, dass sie Stellenstreichungen im Mittelbau verursachen und die akademische Selbstverwaltung an der Basis beeinträchtigen wird. „In solchen Megafakultäten können die einzelnen Interessen der Institute nicht angemessen berücksichtigt werden“, so Klinzing.

Gegen die Fakultätsreform hatten 2013 zuerst die wissenschaftlichen Mitarbeiter im AS ein Veto eingelegt. Nach Einsetzung eines Vermittlungsausschusses, dann die Studierendenvertreter. Der Vermittlungsausschuss sei vom Präsidium unter enormen Zeitdruck gesetzt worden, hieß es von den Studis. Es folgte der berühmte dreißigminütige Rücktritt von Olbertz und – nach massivem Druck durch Leitung und Professoren – die Rücknahme des Vetos.

Zeitdruck und Ungeduld – das scheint paradigmatisch für Olbertz Politikstil. Er habe Entscheidungen regelmäßig so lange aufgeschoben, bis die Gremien keine Zeit hatten, qualifiziert darüber zu beraten, sagt Klinzing.

Der Präsident hat polarisiert und tut es noch. „Herr Olbertz hat Ideen und bringt Impulse in die Universität, Dinge anders zu machen.“, meint Professorin von Blumenthal. Seine gute politische Vernetzung sei für die Uni sehr hilfreich und mit der Initiative für „Profilpartnerschaften“ habe er einen wichtigen Anstoß für eine Intensivierung der Internationalisierung der HU getan.

Für die einen ist er der kreative Macher, andere werden ihn wohl eher als trotzigen Alleingänger in Erinnerung behalten.

„Etwas Gutes hatte seine Präsidentschaft“, meint Klinzing. „Er hat so massiv versucht, Grundsatzberatungen in den Gremien zu vermeiden, dass insbesondere nichtprofessorale Gremienmitglieder näher zusammengerückt sind.“

Auch Jakob Hoffmann sieht ein erfreuliches Ergebnis. „Olbertz hat sich seit unserer Überzeugungsarbeit für ‚die Humbolde‘, den studentischen Kinderladen, stark gemacht.“

Einige werden dem Präsidenten vielleicht nachtrauern. Andere stellen wahrscheinlich schon mal den Sekt für den Abschied kalt.

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen UnAufgefordert (Nr. 230, April 2015).

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