Geschrieben von Caspar Schwietering

Berlin, 14. Februar 2012

In der ersten Szene von Christian Petzolds Film “Barbara” ist die Essenz des ganzen Films bereits enthalten. Die Kinderärztin Babara Wolf (Nina Hoss) steigt aus einem Bus und setzt sich auf die Bank vor der kleinen Kinderklinik in der mecklenburgischen Provinz. Dabei wird sie von dem Chefarzt André (Ronald Zehrfeld) und dem Hauptmann der Staatssicherheit, Klaus Schütz (Rainer Bock), beobachtet. Dieser setzt André auf die aus Berlin strafversetzte Barbara an. Schütz findet es trotzig wie Babara da sitzt, doch der Zuschauer sieht in ihrem Verhalten nicht Trotz, viel eher Stolz und er sieht auch wie sehr André dieser Stolz gefällt.

“Barbara” spielt in der DDR der 80er Jahre. Der klapprige Bus und das leicht heruntergekommene Klinikgebäude sind stimmig, passen zum damaligen Zustand der DDR. Und doch zeigt Petzold sie nicht als graue, leblose Betonwüste, sondern lässt seinen Film im Spätsommer auf dem Land spielen. Er wolle den üblichen, Fernsehfilmbildern von der DDR etwas entgegensetzen, wie er auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Vorführung erklärt. So wirken die grünen Bäume, die Klinik und der Bus fast idyllisch. Dennoch, die Menschen in dieser Kulisse sind äußerst misstrauisch.

Barbara gibt sich abweisend, lebt zurückgezogen. Ihre Arbeit als Kinderärztin erledigt sie präzise und gewissenhaft, aber Freude und Lockerheit erlaubt sie sich nur bei den kurzen, leidenschaftlichen Treffen mit ihrem westdeutschen Freund Jörg (Mark Watschke). Ihre Zukunft sieht sie im Westen. So war es auch ein Ausreiseantrag, der zu ihrer Verhaftung und Versetzung in die Provinz führte. Gemeinsam mit Jörg plant sie nun einen Fluchtversuch.

André irritiert Barbara zunehmend. Ist er aufdringlich und zuvorkommend, weil er sie bespitzeln will oder weil er sich in sie verliebt hat? Gemein haben die beiden das Interesse und besondere Engagement für ihre Patienten. Jörg erklärt Barbara dagegen, sie brauche im Westen nicht mehr zu arbeiten, er verdiene genug Geld für sie beide.

“Barbara” ist ein typischer Petzold-Film und dennoch ist hier einiges anders als in seinen vorherigen Werken. Bereits “Jerichow” und “Yella” spielten ganz oder teilweise im Osten Deutschlands, jedoch versetzt “Barbara” den Zuschauer zurück in die Zeit der DDR. Wählt er sonst die entsättigten Farben des pessimistisch, düsteren “Film Noir”, erklärt Petzold auf der Pressekonferenz, dass er für “Barbara” eine blühende, vitale Natur wollte.

Der Film verliert dabei nichts von der Genauigkeit und Präzision, die Petzold als Regisseur auszeichnen. So ist das zwischen Misstrauen und Zuneigung changierende Verhältnis der Kollegen Babara und André interessant zu beobachten. Überhaupt ist “Barbara” zeitweise so spannend wie ein Thriller. Dafür sorgen die ständige Wachsamkeit seiner Hauptfigur Barbara, und die wiederkehrenden Besuche der Staatssicherheit. Petzold verzichtet auf demonstrative Symbole der DDR, er zeigt stattdessen lieber die Beziehungen zwischen den Menschen. Er zeigt wie Barbara auf ihren Ausflügen im Schienenbus die anderen Fahrgäste misstrauisch beäugt und diese sie ebenso misstrauisch mustern. Er zeigt aber auch wie Fremde einander freundlich zugewandt sind. So erhält der Zuschauer einen Eindruck davon, wie es zu Zeiten der Diktatur gewesen sein muss.

Und dennoch weist Petzolds Film auch über die Grenzen der DDR hinaus. Die Geschichte um André und Barbara könnte auch zu einer anderen Zeit und in einem anderen Land spielen. Wäre es das Deutschland der Gegenwart, hielte man wohl nicht Barbaras Misstrauen sondern Andrés Zugewandheit für seltsam.

 

Deutschland 2012, 105 Minuten
Sektion: Wettbewerb
Sprache: Deutsch
Regie: Christian Petzold
Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Rainer Bock, Christina Hecke, Mark Waschke und andere
Ab dem 8. März regulär im Kino

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