Unser Redakteur Andreas Stein sprach mit jungen Menschen in Ungarn. Drei Stimmen erzählen, wie sie unter Orbán aufwuchsen, die Bedeutung der Neuwahl und ob es sich überhaupt um Regimewechsel handelt.

Ákos Bozai 

Ákos Bozai studiert Internationale Beziehungen an der Corvinus-Universität Budapest. Der 19-Jährige ist noch im ersten Jahr des Studiums, doch Selbstorganisierung und Verantwortung sind ihm alles andere als fremd. 

„Seit drei Jahren leite ich die Organisation ADOM, eine Schüler*innenbewegung für alternative und Schüler*innen-zentrierte Bildung. Es ist eine nationale Bewegung die von Schüler*innen gegründet wurde. Außerdem bin ich Teil der Student*innenvertretung meiner Universität und anderweitig aktivistisch unterwegs. Seit  der Gründung ADOMs im Jahr 2014 haben wir immer wieder versucht Ideen, Empfehlungen und Beiträge an die damalige Regierung zu bringen, doch die war nicht besonders kooperativ. Mein größter Erfolg waren die Schüler*innendemos seit 2021 mit ihrem Höhepunkt im Oktober 2022. Über 80 Tausend Menschen waren dort, es war eine Solidaritätsbewegung für alle, denen keine Beachtung durch die Regierung geschenkt wurde. Doch aufgrund der Tisza-Kampagne ist die Beteiligung in den letzten Jahren gesunken. Unser Fall bedeutete gleichzeitig Erfolg. Nun, mit der neuen Regierung macht es erstmal keinen Sinn zu demonstrieren, doch warten wir ab, was sie tun.

Ich bin unter Orbán aufgewachsen. Dieses System hat mich großgezogen. In der Nacht der Wahlen habe ich in den Wahlkabinen Stimmen ausgezählt, anstatt auf den Straßen zu feiern. Eine derartige Wahlbeteiligung haben wir seit 1990 nicht mehr gesehen. Es waren rund 80 Prozent, normalerweise sind es eher 65 Prozent gewesen. Alle schauen nun gespannt auf die nächsten Manöver der neuen Regierung, doch TISZA hat keine klaren Standpunkte. Ich glaube, sie sind sich selbst sehr unsicher, was die nächsten Schritte sind. Aber ehrlich gesagt, niemand mag Tisza. Jeder hat nur gegen Fidesz gestimmt. Allerdings ist Tisza politisch das Gleiche wie Fidesz. Im ideologischen Sinne erlebt Ungarn keinen Wandel durch die Regierung, sie hören nur auf, Gelder zu stehlen. Tisza hat zwar auch linke Politiker*innen in ihren Reihen, doch insgesamt sind sie eher flexibel rechts. Im Schluss bedeutet es, dass wir aktuell keine linke Partei im Parlament haben, wodurch vielleicht knapp die Hälfte des Landes nicht repräsentiert wird.“

Luca Scheib 

Mit 18 Jahren zog Luca Scheib aus der ehemaligen Bergbaustadt, Tatabánya, nach Budapest. Dort studiert sie Lehramt. Außerdem ist sie Mitglied bei TEK, einemsozialistisch-marxistischen, selbstorganisierten Institut in Budapest. 

„Wenn du einen Frosch kochst, mach es langsam, sodass er nicht merkt, wie er stirbt. So hat sich das Leben unter Orbán angefühlt. Die Menschen waren immer wieder wütend über Orbáns Taten, aber es war nie genug, um auf die Straße zu gehen. Viele meiner Freunde waren entschlossen, Ungarn zu verlassen, hätte Orbán wieder gewonnen. Doch was in den vergangenen zwei Jahren bis hin zum Regierungswandel passiert ist, habe ich nicht erwartet. Das Leben unter Orbán hat mich politisiert, aber auch die Gespräche mit meinen Eltern haben mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. Meine Eltern sind ziemlich liberal, mittlerweile etwas links. Aber meine Familie auf dem Land wählt Fidesz. Orbáns Politik hat unsere Familie stark beeinflusst, die Stimmung untereinander ist feindlich. Einige Familienmitglieder haben seit langer Zeit aufgehört miteinander zu sprechen.

Das Orbán-Regime hat besonders die Jugend geformt. Im Unterricht sehe ich wie politisch informiert meine Schüler*innen sind. Sie kennen selbst die nischigsten Minister*innen und machen politische Witze. Das Bildungssystem und Lehrer*innen waren stark von Orbáns Repressionen betroffen. Es war ermutigend zu sehen, dass die Schüler*innen auch wütend über die Repressionen waren. Während der Proteste standen sie neben mir mit erhobenen Schildern.

Ich fühle, dass jede*r sehr hoffnungsvoll und gespannt auf die neue Regierung ist. Achtsam beobachten wir jeden Schritt, den Magyar tut. Viele Linke glauben, dass Tisza ein wichtiger Zwischenschritt ist, um eine wahre Opposition aufzubauen. Eine Revolution unter Orbán war undenkbar. Aber ehrlich gesagt konzentriere ich mich nur darauf, was kommt und wie das Land geformt wird. Ich kann es kaum erwarten, zu demonstrieren. Und zwar so, dass es sogar etwas bewirkt. Anders als Orbán, ist Magyar nicht die gesamte Partei. Er entscheidet nicht alles allein. In der Öffentlichkeit nennt sich Magyar konservativ, doch ich glaube er hat viele klassisch-liberale Tendenzen. Das ist, was ich gerade mit meinen Augen sehe. Aber er ist auch sehr bedacht auf sein äußeres Bild, er will das gesamte politische Spektrum erreichen.“

Anna Bán

Anna Bán, 26, schloss letztes Jahr ihren Bachelor in Soziologie ab. Dafür studierte die gebürtige Ungarnerin in Schottland und Deutschland. Sie kam zurück nach Budapest, angetrieben von Heimweh und Hoffnung.

„Mit 20 Jahren habe ich das Land verlassen. Viele Ungar*innen denken, dass alles besser ist im Westen. Langsam habe ich gelernt: Das ist nicht der Fall. Aber für mich, als queere Frau, war es damals ein Weg, um in Einklang mit meiner Identität zu kommen. Meine Strategie war zu fliehen. Heute würde ich es anders machen. Ich habe mich teils wegen der hoffnungsvollen Wahlen entschieden zurückzukommen. Es ging mir auch darum meine queere Identität mit meinen osteuropäischen Wurzeln zu vereinen. Ich will auch wieder Teil meiner Community werden. Aber der Hauptgrund für meine Rückkehr war Heimweh: Auch wenn ich woanders ein Zuhause fand, vermisste ich meine Heimat. Gleichzeitig wird die politische Situation in Deutschland auch nicht gerade besser.

Nach den Wahlen in Ungarn habe ich mit meiner Mutter gesprochen. Sie erzählte, dass sie das gleiche Gefühl verspürte wie damals mit dem Ende der Sowjetunion und des Ostblocks. Der Unterschied heute sei, dass die Menschen von unten den Wandel herbeigebracht haben. Auch meine Familie beteiligte sich: Mein Vater und ich waren Wahlhelfer*innen, meine Mutter engagierte sich als Wahlbeobachterin. Damals wurde das gesamte Wirtschafts- und Sozialsystem von oben gestürzt. Deshalb würde ich den Wechsel von Orbán zu Tisza nur als Regierungswechsel, statt als Systemwechsel bezeichnen. Allerdings spiegeln sich die hoffnungsvollen Gefühle aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion wider.

Meine Generation wurde in Orbáns Regime rein geboren. Wir kennen nichts anderes. Ich wäre überrascht, wenn der/die neugewählte Präsident*in nicht konservativ, religiös oder gar eine Frau wäre. Ungarn war bereit für den Wandel, aber nur in einem limitierten Ausmaß. Viele fanden ihre eigene Stimme in Magyar, der sich als ehemaliges Fidesz Mitglied, desillusioniert gegen Orbán stellte. In den vergangenen Jahren habe ich Tiszas Politik als eher konservativ wahrgenommen. Ich habe nur gehofft, dass sie sich nicht weiter in eine rechte Richtung bewegen. Doch im Gegenteil, seit ihrer Amtszeit treffen sie einige gute Entscheidungen. Sie haben ein Ministerium für Bildung wieder eingerichtet und Minister*innen bestimmt, die tatsächlich Expert*innen in den Bereichen sind. Vielleicht sind sie am Ende sogar eine kommunistisch-sozialistische Regierung (lacht).“


Fotos: Adam Papp/ Unsplash

Ákos Bozai, Luca Scheib, Anna Bán