Der größte See Ungarns lockt jährlich Millionen von Besucher*innen an seine Strände. Doch steigende Temperaturen, niedrige Wasserstände und Algenblüten verändern den Balaton.
Mitte Mai schimmert der Balaton in einem hellen Türkis. Die Badesaison hat noch nicht begonnen, der Zug aus Budapest ist fast leer. Nur wenige Fahrgäste, ausgerüstet mit Wanderschuhen oder Tourenrädern, fahren an diesem Montagmorgen an den See, um nach dem verregneten Wochenende die ersten Sonnenstrahlen in der Natur zu genießen.
Wo andere Urlaub machen, forscht Gergely Boros. Der Biologe arbeitet im Limnologischen Forschungsinstitut am Balaton auf der Halbinsel Tihany. Vom Bahnhof bis zum Institut ist es nicht weit, erklärt Boros im Auto. Nur das Bussystem sei ein bisschen verwirrend. Wenn man erst einmal in Tihany sei, komme man nicht so leicht wieder weg, fügt er schmunzelnd hinzu.
Das Institut liegt direkt am Ufer des „ungarischen Meeres“. Schon seit 1927 werden hier unter anderem ökologische Veränderungen, Biodiversität, Nahrungsketten und Umweltbelastungen im Süßwasser des Sees erforscht. Die fast hundertjährige Geschichte des Instituts zeigt sich in den Bogengängen, der holzvertäfelten Bibliothek und den verwinkelten Treppen des Instituts. Am Steg liegen Segel- und Motorboote vertäut, mit denen die Forscher*innen aufs Wasser fahren, um an den verschiedenen Messpunkten Proben zu nehmen. Das Gelände ist weitläufig, ein gepflegter Park voller blühender Wiesen und Bäume. Nachmittags spiele er hier manchmal mit seinen Kindern, erzählt Boros.
Der Balaton ist sehr flach, die durchschnittliche Tiefe beträgt nur drei Meter. Aufgrund des hohen Verhältnisses von Oberfläche zu Volumen reagiere der See sehr empfindlich auf Umweltveränderungen wie die Erwärmung durch den globalen Klimawandel, so Boros. Im Frühjahr habe es kaum geregnet, deswegen sei der Wasserspiegel derzeit recht niedrig. Das habe bislang jedoch nur geringe ökologische Folgen: „Ökosysteme können sich daran anpassen, Schilfgebiete profitieren sogar von Schwankungen im Wasserlevel.“ Problematischer sei die Erwärmung des Sees aus anderen Gründen: Sie könne den Nährstoffkreislauf verändern und dadurch langfristig die Wasserqualität beeinträchtigen.
Zu viele Blaualgen
Hinter einem kleinen Schuppen steht ein Dutzend runder Tanks, die bis in den Boden hineinreichen. Eine Mesokosmos-Anlage, erklärt Boros. „In den Tanks untersuchen wir die natürliche Umwelt unter kontrollierten Bedingungen, zum Beispiel die Auswirkungen des globalen Klimawandels auf Nahrungsnetze oder die Wechselwirkungen verschiedener Umweltfaktoren im See.“ Boros betreut die Anlage und untersucht darin unter anderem Algenwachstum unter erhöhten Temperaturen.

Warme Sommer können zu einem Überschuss an Nährstoffen führen, der wiederum das Algenwachstum beschleunigt, erklärt Boros. „Algen sind per se nichts Schlechtes, sie sind sogar notwendig für das Ökosystem. Problematisch wird es, wenn sie sich zu schnell vermehren oder eine bestimmte Spezies überhandnimmt.“ Dazu zählen auch Cyanobakterien, früher als Blaualgen bekannt, die unter bestimmten Bedingungen Toxine produzieren. Ihre Präsenz allein stelle nicht zwangsläufig ein Gesundheitsrisiko dar, betont Boros. Ihre Vermehrung müsse dennoch sorgfältig beobachtet werden, insbesondere, weil der Balaton nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel, sondern auch eine wichtige Wasserressource ist.
Unsichere Zeiten für die Gastronomie
Nicht weit von Tihany liegt der Kurort Balatonfüred. In der Nähe des Bahnhofs wirkt der Ort wie eine verschlafene Kleinstadt, kurz vor den Ufern des Balatons entpuppt er sich jedoch als Touristenmagnet: Direkt am See ragt eine moderne Hotelanlage in den Himmel, inklusive Restaurant und Biergarten. An der nahegelegenen Promenade reihen sich die Souvenirshops aneinander, die zu Beginn der Saison nur spärlich besucht sind.

Etwas versteckt in einem sonnigen Hinterhof liegt das Café Karolina. Auf der weitläufigen Terrasse sitzen erst wenige Besucher, aus den Lautsprechern dudeln 80er-Hits, Jazz und ein vereinzeltes Weihnachtslied. Der Besitzer Viktor Schindele pflückt gerade frische Kräuter aus einem Hochbeet vor dem Café. Er spricht fließend Deutsch, das Gespräch beginnt er mit „Grüß Gott!“
Sein Betrieb leidet unter dem unbeständigen Wetter der letzten Jahre. „Wenn es im Sommer zu warm wird, dann sind alle am Strand statt bei uns“, erzählt er. Dann kommen die Gäste nur vormittags und abends vorbei. „Ich kann das gut verstehen, bei 38 Grad würde ich auch nicht hier draußen sitzen.“ Auch die Winter sind wärmer geworden: Im vergangenen Januar bildete sich auf dem Balaton zum ersten Mal seit neun Jahren eine geschlossene Eisdecke. Was früher ganz selbstverständlich war, ist jetzt zur Seltenheit geworden. „Es war ein harter Winter, aber es ist besser für uns, wenn der See zufriert“, meint Schindele. Dann kommen Gäste zum Schlittschuhlaufen und kehren danach bei ihm ein. Die künstliche Schlittschuhbahn, die in den Jahren zuvor ersatzweise in der Stadt betrieben wurde, lockt deutlich weniger Kundschaft ins Café.
„Weniger Wasser, weniger Fisch“
Seine Gäste sehen die Veränderungen gelassener. Àdàm und Fatime kommen im Sommer regelmäßig an den Balaton, um dem Lärm in Budapest zu entfliehen. „Ich mache mir da nicht so viele Gedanken“, gesteht Àdàm. „Aber ich habe einen Freund hier in der Nähe, der gern zum Angeln rausfährt und sich beschwert, dass es im Moment weniger Fische gibt.“ Das bestätigt auch einer der Angler, der ein Stück weiter an der Promenade seine Ausrüstung aufgebaut hat. „Weniger Wasser, weniger Fisch“, erklärt er. Trotzdem, im Moment fange er noch genug, meint er – und wirft die Angel wieder aus.
Für die ungarische Kultur und Wirtschaft ist der Balaton von großer Bedeutung. Nach Budapest ist er das bedeutendste Tourismus- und Erholungsgebiet Ungarns, jedes Jahr zieht der See Millionen Besucher*innen aus dem In- und Ausland an. Doch wie lange noch?
„Der See wird so bald nicht verschwinden“, betont Boros. In den Medien werde da gern mal übertrieben. Trotzdem: Das limnologische Institut geht derzeit von einem Wassertemperaturanstieg von 0,7 Grad Celsius pro Jahrzehnt aus – also vier bis fünf Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. „Das ist beträchtlich“, sagt der Biologe. In den letzten Jahren seien die Sommer bereits besonders heiß gewesen, die Wassertemperatur stieg auf über 30 Grad Celsius. „Wenn diese Schwelle langfristig überschritten wird, könnte das dramatische Veränderungen auslösen: das Aussterben von besonders empfindlichen Arten oder die plötzliche Freisetzung von Nährstoffen aus den Sedimenten“, so Boros. „Diese Veränderungen müssen wir im Auge behalten.“







