Gutes Leben ohne Wachstum? In Budapest liefert eine Initiative Gemüse per Lastenrad, bildet junge Menschen aus und zeigt, wie Degrowth in der Praxis aussehen kann.

Ein pinkes Lastenrad hängt von der Decke des Cargonomia-Zentrums in Budapest. Alle anderen Räder sind zwischen Gemüsekisten, Farbdosen und einer Werkbank aufgereiht. Jedes Modell sieht ein bisschen anders aus: Manche sind mit einer flachen Tragefläche ausgestattet, andere mit einer Kiste samt eingebauten Kindersitzen. Sie sind lila lackiert, neongrün oder schwarz. „Das hier war unser erstes Modell“, sagt Vincent und deutet auf ein gelbes Lastenrad.

Vincent ist Mitbegründer von Cargonomia. Das Projekt verbindet drei Unternehmen aus der Region Budapest zu einem gemeinsamen Netzwerk: die Fahrradselbsthilfewerkstatt Cyclonomia, den Bio-Gemüsehof Zsamboki Biokert und den Fahrradkurierdienst Kantaa. Jeden Donnerstag liefert die Initiative mit den Lastenfahrrädern Gemüsekisten in Budapest aus.

Cargonomia versteht sich als Degrowth-Projekt. Statt auf Wachstum setzt die Initiative auf regionale Kreisläufe, gemeinschaftliche Arbeit und möglichst ressourcenschonende Produktion. Entstanden ist sie aus der alternativen Budapester Szene der frühen 2010er-Jahre. „Wir hatten das Gemüse, die Räder, das logistische Fachwissen. Also habe ich diese Leute zusammengebracht, und so hat alles begonnen“, erzählt Vincent.

Ein „Robin-Hood-Modell“

Manche Kund*innen holen ihre Gemüsekisten lieber selbst ab. Antonin, einer der vier Cargonomia-Trainees, verteilt die Boxen. Für die kleine Tochter einer Stammkundin wäscht er noch schnell eine Möhre ab. „Sie will jede Woche schon etwas auf die Hand haben“, meint er amüsiert.

Die Trainees verbringen bis zu sechs Monate bei Cargonomia. Sie helfen beim Verteilen der Gemüsekisten und arbeiten zwei Tage pro Woche auf der Farm, um ökologische Landwirtschaft kennenzulernen. Ihre freie Zeit verbringen sie mit eigenen Projekten. „Wir lesen und diskutieren auch gemeinsam Texte, über Degrowth zum Beispiel“, sagt Antonin. „Aber konkret setzen wir diese Konzepte dann auf der Farm um.“

Die Trainees erhalten während ihres Aufenthalts kein Gehalt. „Wir wollten nie ein typisches Unternehmen werden, das am Ende hauptsächlich Förderanträge schreibt und Berichte verfasst“, erklärt Vincent. Stattdessen investiere Cargonomia Zhttps://www.unauf.de/wp-content/uploads/2026/07/Mara-Buddeke5-300×250.jpgeit und Ressourcen in kostenlose Angebote für die Gemeinschaft; ein „Robin-Hood-Modell“, meint er schmunzelnd. Dazu gehören Workshops in Schulen, Sommercamps und auch der Tag der offenen Tür auf der Farm am kommenden Wochenende. Vincents Wetter-App sagt einen Sturm voraus. „Vielleicht wäre ein anderer Termin besser“, überlegt er.

Koriander und Kartoffelkäfer

Zwei Tage später ist der Himmel zwar wolkenverhangen, aber das Gewitter bleibt aus. Rund 50 Gäste sind zum Tag der offenen Tür auf die Farm gekommen. Einige helfen bei der Zubereitung des gemeinsamen Mittagessens, die meisten tummeln sich jedoch auf den Gemüsefeldern. Neben Besucher*innen aus der Stadt sind auch einige aus den umliegenden Dörfern dabei.

Als leichter Regen einsetzt, ziehen sich einige Besucher*innen in die überdachten Tunnel zurück. Draußen prasseln die Tropfen gegen die Plastikplanen, drinnen knacken die Panzer der Kartoffelkäfer, die von den Blättern gepflückt und zerdrückt werden. Zoltán hockt mit seiner Familie zwischen den Pflanzen und entfernt gerade orangefarbene Eier von einem befallenen Blatt. Auch er bestellt seit fünf Jahren bei Cargonomia. „Uns ist es wichtig, Gemüse ohne Pestizide zu kaufen“, sagt Zoltán. „Das mit der Box funktioniert so gut, weil wir nichts planen müssen. Einmal haben wir riesige Mengen an Mangold bekommen – dann haben wir eben gelernt, damit zu kochen“, erzählt er.

Dass Menschen wie Zoltán über Cargonomia regelmäßig ökologisch angebautes Gemüse beziehen, ist in Ungarn noch immer die Ausnahme. Der Markt für Bio-Lebensmittel macht nur 0,5 bis 1 Prozent des gesamten ungarischen Lebensmitteleinzelhandels aus. Zum Vergleich: In Deutschland sind es immerhin 6,5 Prozent. Hinzu kommen die stark gestiegenen Lebenshaltungskosten: 2023 verzeichnete Ungarn mit 45,9 Prozent die höchste Lebensmittelinflation in der EU. Die Preise liegen weiterhin auf einem hohen Niveau, teure Ökoprodukte kann sich nicht jede*r leisten.

Degrowth bedeutet Vielfalt

„Unser Gemüse kostet ungefähr so viel wie Biolebensmittel im Supermarkt“, sagt Kristof, der Vertriebsmanager der Farm. Eine große Kiste ist für rund 31 Euro erhältlich. Derzeit werde das Angebot vor allem von Haushalten mit mittleren bis hohen Einkommen genutzt. Um dennoch mehr Menschen zu erreichen, arbeitet er an logistischen Lösungen, um überschüssiges Gemüse an soziale Einrichtungen weiterzugeben. „Das liegt dem Team sehr am Herzen“, meint er.

Zu Kristofs Aufgaben gehört auch, die Nachfrage zu steigern – aber wie passt das mit Degrowth zusammen? „Wir wollen nicht der nächste große Supermarkt werden, sondern ein Netzwerk kleiner Betriebe, die sich gegenseitig ergänzen“, betont er. Es gehe nicht darum, insgesamt weniger zu produzieren, sondern ein vielfältiges Angebot zu schaffen. „Und Vielfalt in der Wirtschaft kommt nicht von großen Akteuren, die den Handel dominieren.“

Die Kooperation mit Cargonomia spiele dabei eine wichtige Rolle. „Die Trainees unterstützen uns, im Gegenzug erhalten sie eine Ausbildung“, sagt Kristof. Viele von ihnen arbeiten später im Bereich nachhaltiger Lebensmittelproduktion oder gründen eigene Farmen. „Es ist großartig, über Cargonomia so viele engagierte und vielfältige Menschen hier zu haben.“

Weniger Theorie, mehr Praxis

Nach der Arbeit wird es gesellig: Aus einem traditionellen Gulaschkessel wird Pasta mit selbstgeerntetem Gemüse serviert, eine Band aus Budapest spielt Balkanmusik, die Besucher*innen tanzen dazu. Logan, Mitgründer von Cargonomia und zuständig für die Ausbildung der Trainees auf der Farm, kann jetzt für einen Moment durchatmen. Die Tage seien anstrengend, aber wichtig für die Initiative, sagt er. „Immerhin soll das hier ein Ort für die Community sein.“

Logan hat als Agrarökologe an der Entwicklung zahlreicher regionaler Lebensmittelnetzwerke mitgewirkt. Neben der Farmarbeit ist er an einer Budapester Universität tätig, doch sein Verhältnis zum Wissenschaftsbetrieb ist ambivalent. „Natürlich brauchen wir gute Forschung“, räumt er ein. „Aber oft profitieren die Wissenschaftler mehr als die Systeme, die sie untersuchen. Das muss sich ändern.“ Cargonomia soll eine Schnittstelle sein – eine Art offene Universität für Degrowth. „Wie sollen junge Forscher sonst erfahren, wie diese Arbeit wirklich abläuft? Diese Gelegenheit bekommt man an der Universität einfach nicht.“

Auch der Tag der offenen Tür soll diese Neugier wecken. Nun klingt er langsam aus: Die Gruppe verstreut sich, ein paar letzte Nachzügler*innen warten auf den Bus. Wer will, darf frisch geerntete Frühlingszwiebeln und Salat mitnehmen. „Wollt ihr noch Radieschen?“, ruft Logan. Mit leeren Händen geht hier niemand nach Hause.

„Wenn ich Cargonomia mit einem Wort beschreiben müsste, wäre es vor allem das Netzwerk“, sagt Vincent. Ein Ort, der Menschen zusammenbringt und Raum schafft, um neue Ideen auszuprobieren. „Wir wissen nie genau, was als Nächstes passiert“, sagt er. „Jeder Tag ist ein neues Abenteuer, jede Woche eine neue Geschichte.“


Fotos: Mara Buddeke