Maja T. sitzt seit 2023 in Isolationshaft in Ungarn. Dort soll Maja Nazis schwer körperlich angegriffen haben. In Deutschland wird der Fall der Antifaschist*in in den Medien und besonders unter Linken viel diskutiert. Doch wie gehen eigentlich die Ungar*innen mit dem Fall um? Über ungarischen Antifaschismus und die Frage der Solidarität.
Gelbe Backsteine, Rundbögen. Zentral in Pest befindet sich ein Gebäude, welches, abgesehen von den doppelten Gitterstäben vor dem Fenster, nicht vermuten lässt, dass es sich hierbei um ein Gefängnis handelt, in dem Verurteilte und Angeklagte schlimmen Haftbedingungen ausgesetzt sein sollen: verschimmeltes Essen, Ungeziefer in den Zellen und Folter von Gefangenen. Darüber klagt die deutsche Person Maja T., die hier seit drei Jahren in Isolationshaft sitzt.
Nach der vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärten Auslieferung nach Ungarn 2023 wurde Maja im Februar zu acht Jahren Haft verurteilt. Der Vorwurf lautet: schwere Körperverletzung an Teilnehmer*innen vom „Tag der Ehre“ im Februar 2023. Nachdem sowohl Maja und Majas Anwalt als auch die ungarische Staatsanwaltschaft in Berufung gegangen sind, beginnt nun das zweite Verfahren. Wie kam es dazu?
Beim „Tag der Ehre“ treffen sich Neonazis und Rechtsextreme, jährlich am 12. Februar in Budapest, um dem Ausbruchsversuch der deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS in der Schlacht von Budapest 1945 zu gedenken. Es ist eines der größten rechtsextremen Treffen Europas. 2023 soll eine Gruppe deutscher Antifaschist*innen, darunter Maja T., Teilnehmer*innen der Veranstaltung angegriffen haben. Die ungarische Justitz spricht von schwerer Körperverletzung bis zu versuchtem Mord. „Ein Teil des ‚Tag der Ehre‘ ist eine Wanderveranstaltung, die als historische Nachstellung geframed wird“, erklärt Journalist Benjámin Fazekas Lázár. „Deshalb können die Teilnehmer einfach SS-Uniformen tragen, ohne mit rechtlichen Konsequenzen rechnen zu müssen.“ Zumindest der Teil, wo den Nazis gedacht und Kerzen angezündet werden, sei mittlerweile verboten. „Dafür musste die ungarische Linke aber hart kämpfen.“
Antifa(schismus)
Benjámin arbeitet bei der Zeitung Mérce, einer der letzten unabhängig finanzierten, linken Zeitungen unter Orbáns Regierung. Der ehemalige Präsident habe den Fall Maja T. für seine politischen Zwecke genutzt: „Es war immer ein Teil von Orbáns Politik, Feindbilder zu kreieren. Durch Majas Fall wurden Antifaschist*innen zum neuen Feind. Nach dem Tag der Ehre 2023 hat Orbán zum Beispiel ganze Fälle gegen linke Bewegungen aufgebaut, die gar keine Verbindung zu den Ereignissen hatten.“ Orbán lernte von Trump und Trump von Orbán. Antifaschistische Bewegungen wurden in Ungarn und den USA kriminalisiert. Orbán spreche nie vom Antifaschismus, sondern immer von „der Antifa“, was eine geschlossene Organisation impliziert, die es als solche nicht gibt.
Die Kriminalisierung löse bei vielen Aktivst*innen Angst und Pessimismus aus. Besonders aber Angriffe durch Rechtsextremist*innen hätten nach den Ereignissen im Februar 2023 zugenommen, so Benjámin. Für ihn sei die strafrechtliche Verfolgung von Links- und Rechtsextremismus mehr als unbalanciert: „Wir haben viele Angriffe wie diese von Seiten der rechtsextremen Szene beobachtet, ohne dass es Konsequenzen dafür gab. Sie waren niemals auf einer Liste terroristischer Organisationen. Es gab niemals einen Gerichtsprozess wie diesen.“
Ein Fall wie dieser ist auch im deutschen Kontext einzigartig. Doch wie kam es überhaupt zu einem Prozess in Ungarn? Die deutsche Polizei nahm Maja im Dezember 2023 in Berlin fest. Das Berliner Kammergericht genehmigte im Juni 2024 die beantragte Auslieferung nach Ungarn. Daraufhin wurde Maja nach Ungarn ausgeliefert. Aktivist*innen und Angehörige sprechen von einer „Nacht- und Nebelaktion“. Der Widerspruch des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe kam rund vier Stunden zu spät am nächsten Morgen und auch Majas Anwalt wurde zu spät informiert. So erklärte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die Auslieferung im Juni 2024 für verfassungswidrig. Dabei spielten auch die Haftbedingungen in Ungarn, die den Richtlinien der Europäischen Union nicht entsprechen würden, eine Rolle.
Der Vorwurf, dass deutsche Politiker*innen die Auslieferung Majas bewusst so veranlasst hätten, scheint Benjámin plausibel: „Es fühlt sich an, als hätte Deutschland uns eine*n Antifaschist*in geschenkt, damit ein Schauprozess daraus gemacht werden kann.“
Kein Schutz vom Staat
Mit welcher Art von Rechtsverfahren kann man in Ungarn rechnen? „Führungspersonen im Rechtssystem werden von Fidesz ernannt und die anderen Mitarbeiter*innen, zum Beispiel Richter*innen, bekommen ein so schlechtes Gehalt, dass sie unter ständigem Druck arbeiten“, so Benjámin, „Ein Prozess von großer medialer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit löst da natürlich noch viel mehr Druck aus.“
David Scholl hat einen ähnlichen Eindruck. Er ist in Ungarn aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Dort ist er aktiv bei der Freien ungarischen Botschaft, einer parteiunabhängigen NGO, die sich für demokratische Veränderungen in Ungarn einsetzt. Bei einem Gerichtstermin Majas im Juni 2025 war er selbst privat als Zuschauer vor Ort. Presse sei kaum vertreten gewesen, dafür aber sowohl deutsche Antifas, als auch ungarische Neonazis. „Im Gerichtssaal hat man die ganze Zeit das Gefühl bekommen, die möchten zu einem Ergebnis kommen, sie möchten bestimmte Dinge hören, um dann ein Urteil zu rechtfertigen, das eigentlich schon längst gefällt wurde“, so David. Am Ende der Verhandlung sei ein Angehöriger der rechtsextremen Szene aufgestanden und soll alle Beteiligten im Saal gefilmt haben. „Ich habe dem Sicherheitsmann Bescheid gegeben, aber er hat nicht geholfen. Als schwule Person in Ungarn das Gefühl zu haben, diese Leute haben mich gefilmt, können mich online finden und wissen wer ich bin, ist ein scheiß Gefühl.“, erklärt David. Einen Gerichtsprozess wolle er nach diesem Erlebnis nicht noch einmal besuchen. Er fühle sich vom ungarischen Staat nicht geschützt.
Die Frage der Solidarität
1. Mai in Berlin. Auf der „Revolutionären 1. Mai Demonstration“ lässt sich neben lauten Forderungen und Parolen, Gesängen und Beschimpfungen auch eine weitere Forderung immer wieder heraushören: „Free, Free Maja.“ Viele deutsche Aktivist*innen fordern nicht nur ein faires Verfahren für Maja, sondern die Freilassung aller Angeklagten, schließlich handele es sich bei den mutmaßlichen Opfern nicht um willkürliche Passant*innen, sondern um Neonazis. Kritiker*innen werfen den Aktivist*innen Gewaltverherrlichung vor.
Auch in Ungarn hat der Fall linke Bewegungen gespalten. Einige Linke fänden es problematisch, wenn sich Außenstehende einmischen, ohne zu wissen, wie die ungarische Linke arbeitet, so Benjámin. Anderen ginge es um die klare Distanzierung von körperlicher Gewalt, einige hätten dabei auch Angst vor politischer Verfolgung. „Meiner Meinung nach hat die mutmaßliche Aktion der Gruppe das Gegenteil von dem bewirkt, was sie bewirken sollte”, findet auch David, “Ungarn hat einen viel besseren Grundboden für rechte Politik und kann solche Aktionen rhetorisch nutzen.“
Iris ist eine linke Aktivistin aus Budapest und aktiv beim linken feministischen Kollektiv feminista akció. „Der Unterschied zwischen deutschem und ungarischem Antifaschismus ist, dass deutscher Antifaschismus an mehr als nur einem Tag des Jahres existiert, also nicht nur am Tag der Ehre“, sagt sie. Die linke Szene sei sowohl in Budapest als auch in ländlichen Regionen verhältnismäßig klein.
Auch Iris hätte sich nach der offiziellen Kriminalisierung von Antifaschist*innen mehr unter Beschuss gefühlt. Von Maja distanzieren möchte sie sich deshalb allerdings nicht. Der Budapest-Komplex sei in ihren Augen sinnbildlich für die systematische politische Verfolgung von Antifaschist*innen. „Sich nicht mit Maja zu solidarisieren, bedeutet, Propaganda nachzugeben. Es ist in Ordnung, mit körperlicher Gewalt nicht einverstanden zu sein. Aber wenn wir uns als Antifaschist*innen nicht gegenseitig unterstützen, ist keiner von uns sicher. Dann bist du es irgendwann selbst, der festgenommen wird, auch wenn es nicht um körperliche Gewalt geht. Und wer soll dich dann unterstützen?“, so Iris.
Eine besondere Rolle spiele in diesem Fall ebenfalls die Situation queerer Menschen in Ungarn, wo Geschlechterdiversität nicht anerkannt wird. „Im Gefängnis zu sitzen ist für jeden eine gruselige Vorstellung, doch für trans Menschen ist es noch viel schlimmer“, sagt Eris. „Trans Menschen werden oft gesellschaftlich ausgeschlossen. Wir können aber Teil einer Gruppe sein, die von einer besseren Gesellschaft, einer besseren Welt träumt.“ Viele Politiker*innen hätten mittlerweile erkannt, dass trans Personen häufig Teil der politischen Linken seien, weshalb Maja für Orbán ein perfektes Feindbild darstelle.
Maja, das Symbol
Maja wurde nicht nur für Orbán und rechte Strömungen das Sinnbild des politischen Gegners. Auch für Linke ist Maja zum Symbol geworden: für Solidarität unter Antifaschist*innen und den Kampf gegen politische Unterdrückung.
Marta Massa, italienische Journalistin und Regisseurin, spricht kurz nach ihrem letzten Besuch im Gefängnis über die emotionale Belastung der Isolationshaft und was es bedeutet, plötzlich zum Symbol zu werden: „Die Jahreszeit macht es Maja gerade etwas einfacher. Es blühen zumindest Blumen im Hof, das macht einen großen Unterschied.“ Im Juni 2025 betrat Maja sogar, in Hoffnung auf eine Verbesserung der Haftbedingungen, einen Hungerstreik, der jedoch erfolglos blieb.
Maja sei sich auch bewusst über die große Solidarität vieler Aktivist*innen. Tatsächlich bedankte sich Maja bei mehreren Gerichtsterminen öffentlich für die große Unterstützung, woraufhin Anwesende jubelten. „Es ist vielleicht ein menschliches Bedürfnis, viel auf eine Person zu projizieren“, so Marta, „aber am Ende des Tages ist Maja ein komplexer Mensch und es geht nicht nur darum, was Maja repräsentiert, sondern, dass kein Mensch in dieser Situation sein sollte. Wir sprechen hier von einem Menschen, der systematisch gefoltert wird, und das ohne Ende in Sicht.“
Hinzu käme die illegale Auslieferung Majas, sagt Marta. Eine Person, die von einem europäischen Land unrechtmäßig ausgeliefert werden könne, sei ein Problem für jeden, nicht nur für die Angeklagten. „Es ist eindeutig, was für ein politisches Verfahren das ist. Du musst nur in dem Gerichtssaal sitzen und wirst sehen, dass nichts Sinn ergibt. Warum werden die Leute, die die Auslieferung möglich gemacht haben, nicht strafrechtlich verfolgt?“
David von der freien ungarischen Botschaft sieht das gemäßigter: „Ich stehe dem deutschen Rechtsstaat noch immer viel positiver gegenüber als dem ungarischen. Ich glaube, ein Verfahren wie dieses könnte es in Deutschland so nicht geben.“ Deswegen könne er sich nicht erklären, wie eine solche Auslieferung möglich war.
Wie geht es weiter?
Der ungarische Regierungswechsel im April 2026 schenkt nur teilweise Hoffnung. Im letzten Verfahren seien Richter und Staatsanwalt treue Fidesz-Anhänger gewesen, sagt Marta. Im zweiten Verfahren begegne Maja zumindest einem anderen Richter. Eine wirkliche Unabhängigkeit des Rechtssystems würde aber noch eine Weile auf sich warten lassen.
Iris blickt noch kritischer auf die Situation: „Ich denke, dass Maja durch Péter Magyars Wahl zwar etwas aus dem Fokus geraten wird, aber es wird nicht einfacher werden. Das letzte, das Magyar will, ist, als jemand gesehen zu werden, der Antifaschist*innen verteidigt oder hilft.“ David widerspricht: „Bis vor kurzem hatten wir quasi eine Autokratie. Ich denke, Linke, die Magyar stark kritisieren, müssen ein bisschen optimistischer an die Sache herangehen und das Vakuum, das es gerade im Land gibt, auch ausnutzen.“ „Ich bin optimistisch“, sagt auch Benjámin. Die Menschen in Ungarn würden sich echte Veränderungen wie eine Verbesserung des Gesundheitssystems wünschen, statt einem Kampf gegen ausgedachte Feindbilder.
Bis ein zweites Urteil gefällt wurde, bleibt Maja vorerst in ungarischer Untersuchungshaft.
Foto: Thordis Schreiber
Illustration: Christina Weißbach
Anmerkung: Im Text, welcher aus einer Recherche im Mai 2026 entstanden ist, ist die Rede von einer Gruppe deutscher Antifaschist*innen, die unter anderem der Körperverletzung beschuldigt werden. Die Beschuldigten in Deutschland haben Mitte Juni 2026 zugegeben, auf den prozessrelevanten Videoaufnahmen sichtbar zu sein und die Nazis am “Tag der Ehre” angegriffen zu haben, dahinter habe aber keine Mord Intention gestanden. Maja ist noch immer in Ungarn und gehört nicht zu den Beschuldigten, die Geständnisse abgegeben haben.







