Rechtextremist*innen lieben ihre Waffen. Wieso findet man Schießen geil? Ob Redneck, Tourist*in oder Sportler*in, aus gewalttätigem Gerät wird Sport. Aber wieso? Wo liegt die Verbindung zwischen Politik und Spaß beim Schießen?
Bei Schusswaffen denke ich an Krieg, Mord, Wunden und Gefahr. Genauso denke ich an Call of Duty, Geheimagent*innen und epische Filmszenen. Weil ich in meinem Leben glücklicherweise wenig Kontakt zu all dem hatte, verbinde ich eine AK47 mit Rappern und Musikvideos und fühle mich wie eine heiße Agentin auf geheimer Mission, wenn ich das AirSoft Gewehr eines Freundes halte. Fern, kostümiert und aufregend. Gleichzeitig verabscheue ich die Vorstellung einer geladenen Waffe und Waffenverherrlichung wie in den USA. Die vernichtende Macht einer Schusswaffe ist beängstigend, wie all die Leute, die sie leichtfertig missbrauchen.
Jedenfalls, da man in Deutschland nicht einfach so schießen kann, wollte ich mir die Chance in Ungarn nicht entgehen lassen. 
Von den 12 Shooting Ranges bei Budapest antworteten mir zwei. Eine will jedoch nicht über die Verbindung zur Politik reden, und so lande ich bei Budafoki Mesterlövész Se. In einem ruhigen Vorort, ein paar Kilometer außerhalb des Stadtzentrums, befinden sich die unterirdischen Räumlichkeiten. Von außen konnte man meinen, es sei eine Tiefgarage. Timi, die Besitzerin, und zwei Mitarbeiter begrüßen mich herzlich und führen mich in die verschachtelte Tiefe der Anlage für ein kurzes Interview. Vorbei an roten Wänden, vereinzelten Plakaten und mondäner Einrichtung gehen wir zu dritt in einen Raum, der genauso gut ein Restaurant sein könnte und lassen uns auf schwarzen Lederstühlen nieder.
Ich frage, wieso Personen schießen gehen. Für Tourist*innen sei es interessant, wegen des Adrenalins und der Aufregung vor etwas Ungewöhnlichem. Viele der Besuchenden sind auch einfach interessiert an der Waffentechnik, erzählt Timi. Sie hat das Unternehmen von ihrem Vater übernommen, der als Jäger tätig war, und ist mit dem Schießen aufgewachsen.
Vergeblich versuche ich, etwas über rechte oder konservative Gemeinschaften durch Schützenvereine herauszufinden. Leute kommen zusammen bei Wettbewerben, die seien aber nicht rechts. Auch nach mehreren Nachfragen zur politischen Situation Ungarns kommt kein Kommentar zu Fidesz. Nicht, weil Timi davon ablenken wollte, sondern scheinbar, weil rechte Politik für die Shooting Range wahrhaft irrelevant ist. Ich konnte es kaum glauben, wenn doch Waffenvorliebe Hand in Hand mit dem typisch rechten Patrioten geht.
Vor meinem Besuch sollte ich mir Waffen zum Ausprobieren auf der Website aussuchen. Es ist ein absolut absurdes Gefühl, durch einen Online-Katalog zu blättern und Waffen wie vom Menü zu bestellen, welche meine Counter-Strike spielenden Freund*innen wärmstens empfohlen hatten. Vor Ort lasse ich mir dann den Blaster von Prinzessin Leia, ein modifiziertes altes Sturmgewehr, eine zeitgenössische israelische Waffe und ein antikes Gerät, das in Call of Duty Zombies vorkommt, vorführen.
Im Schießraum flackert anfangs noch das Licht und die auffahrende Lüftung klappert. Nun weiß ich mit Sicherheit, was in Serien und Büchern gemeint ist, wenn die bad boys abends nach Hause kommen und nach Schießerei riechen: der Geschmack von Metall, gemischt mit der ersten frischen Luft am Silvestermorgen. Als der Trainer die Tür schließt und wissen wollte, wieso ich Fragen über Rechtsextreme gestellt habe, hinterfrage ich kurz alle meine Entscheidungen.
Tendenziell sieht er einen Hang zu Waffen auf der rechten Seite, dabei meint er vor allem Männer. „Sie glauben, es macht sie mehr zu einem Mann“, erklärt er. Sie würden das Machtgefühl von Waffen missbrauchen und fänden es attraktiv, als Mann verteidigen zu können.
Kann eine Schusswaffe wirklich ein Mittel zur Verteidigung sein? Mir scheint sie eher Verteidigung durch Angriff zu leisten. Ich frage, wieso er es männlich findet, sich verteidigen zu können, worauf er keine wirkliche Antwort findet. Auch erzählt er, wie manche Schießen als Sport mit Kriegsspielen und Heldenfantasien verwechseln und aus den falschen Gründen am Sport interessiert sind. Budafoki hat deswegen eigene strenge Annahmerichtlinien, wobei eine Frage im Vordergrund steht: „Warum wollen sie Schießen?“
Nun greife ich zur Waffe, um zu sehen, wie es sich anfühlt. Mein erster Schuss geht in die Mitte. Der Rückstoß der 9 mm überwältigt mein Nervensystem, trotz Vorwissen darüber, was passieren wird. Das zweite Einschussloch durchdringt die Zielscheibe deutlich weiter außen. Der Trainer erklärt, wie die Schütz*innen sich an die Intensität des Schusses gewöhnen müssen. Auch wenn man ruhig ist, antizipiert der Körper den Impakt unterbewusst. Unmittelbar nach dem Abdruck lockert sich deswegen automatisch die Spannung und der Schuss verfehlt.
Für Angst bleibt meinem sonst sensiblen Wesen, wegen der geforderten Konzentration, jedoch kein Gedanke übrig. Besonders deswegen ist der Sport beliebt: Er fordert Ruhe und einen kühlen Kopf, hatte Timi erzählt. Mein Körper zittert trotzdem, weshalb wir zu einem kleineren Kaliber mit weniger Rückstoß wechseln. Nun schieße ich ohne Probleme zehn Kugeln nacheinander auf die zehn Meter entfernte Zielscheibe.
Interessanterweise fühlte ich mich nicht mächtiger.
Der Instruktor und ich einigen uns, dass Waffen vor allem ein Mittel zum Zweck sind. Entwendet von ihrem originalen gewalttätigen Kontext, können sie auch verantwortungsvoll und bewusst Anwendung finden. Schießsport erlebte ich bei Budafoki als gute Anwendung. Eine gewisse Skepsis gegenüber Waffenaffinität, egal zu welchem Zweck, scheint mir aber weiterhin gesund.
Fotos: Lea Baumgarten







