Die sozialistischen Zeiten prägten eine starke Kultur der Organisierung in Ungarn. Gemeinschaftsbasierte Projekte und Institutionen sind in Vielzahl vertreten, eines davon ist Lahmacun Radio.

Von der Straße lässt sich in das purpur leuchtende Studio hineinblicken. Direkt daneben befindet sich die Glastür zur dazugehörigen Café-Bar Pók Büfé. Ganz rechts in den Stuhl lehnend, sitzt Bettina. Die 28-Jährige engagiert sich ehrenamtlich als Vorstandsmitglied und Kommunikationsleiterin beim Lahmacun Radio. „Als das Radio 2018 gegründet wurde, war das Ziel eine Plattform zu schaffen für Musik-Communities, die anderswo nicht repräsentiert sind“, erzählt Bettina mit bedachter Stimme. Das Motto des Online-Radios lautet: 80 Prozent Musik, 20 Prozent soziale Themen und Talk-Shows. Aktuell haben sie 30 bis 40 Hosts, die als Community das Radio und die Shows selbständig betreiben.

Auf der anderen Seite des Raums sitzen drei junge Männer mit Caps und weißen Tee’s auf eichhölzernen Stühlen. „Sie arbeiten gerade an ihrer Show“, erwähnt Bettina auf dem Weg ins Studio. Die lila gestrichenen Wände tragen lila Plakate und das Licht macht die Komposition komplett. Den Kontrast bieten die schwarzen Mikrofone, Soundsysteme, Mixer und Plattenspieler. Bettina erzählt von der Zusammenarbeit zwischen Lahmacun und Kesztyűgyár Közösségi Ház, einem Gemeinschaftshaus für Kinder. „Viele der Kinder sind Waisen oder leben in schwierigen Verhältnissen“, so Bettina. Das Programm läuft bereits seit 2022. In unseren Projekten können die Kinder kreativ und intuitiv mit dem Equipment in Kontakt kommen. „Heute ist die Finissage zur Geschichte von Online-Radios im Gemeinschaftshaus“, sagt Bettina.

Auf dem Weg zur Ausstellung „Tele van a város, maradjunk a fedélzeten“, was übersetzt „Die Stadt ist voll, lasst uns an Bord bleiben“ bedeutet, fragt Bettina: „Kennst du das türkische Gericht Lahmacun? Einer der Gründer von Lahmacun lebte in Frankfurt und Berlin. Er liebte das wohlig, warme Gefühl, das er verspürte, wenn er ein Lahmacun aß – besonders nach langen Nächten.“ Dieses Gefühl möchte er mit dem Lahmacun Radio ausdrücken.

Nach ein paar Minuten Fußmarsch tritt Bettina in den Hof des Gemeinschaftshauses, wo sie von Enikő mit einer Umarmung empfangen wird. Enikő arbeitet in dem Gemeinschaftshaus und beteiligt sich ebenfalls an der Ausstellung. Sie erklärt: „Das Kesztyűgyár Közösségi Ház hat auch eine Galerie, dort findet die Ausstellung statt.“ In der Mitte des Raumes steht ein Piratenschiff aus fliederfarbenen und tiefseeblau bestrichenen Holzpaletten. Moosgrüne Netze aus Krepppapier lucken zwischen den Brettern hervor. Und von Hand gemalte Fische verzieren die Leisten. „Die Kinder haben es zum größten Teil selbst gebaut. Es ist ein funktionierendes Radio“, erzählt Bettina bestimmt. „Das Radio-Piratenschiff ist das Ergebnis von wochenlanger Arbeit.“ Auf dem Deck steht eine Kiste aus der Kabel, Knöpfe und Antennen herausragen. Einige Kinder und Besuchende drehen, drücken und ziehen an allem was sie finden können. Der Raum wird zum Studio: Schrilles Vogelgezwitscher hallt bis auf den Balkon. Das Crescendo steigt zum Höhepunkt mit roboterartigen Piepen und weißem Rauschen.

An den Wänden kleben Bilder und Texte auf geriffeltem Karton, die von der Geschichte unabhängiger Radios erzählen. Es beginnt mit dem ersten unabhängigen und gemeinnützigen Radiosender Tilos Rádió. 1991 begannen sie als freies Radio, also ohne Lizenz, auszustrahlen. Der Sender publizierte informelle politische und kulturelle Talkshows. Tilos Rádió verfolgt bis heute das Ziel, ungehörte Stimmen zu teilen, die sonst in ungarischen Medien fehlen. Ähnlich wie Lahmacun Radio, das in der Gegenwart der Geschichte steht.


Foto: Gabor Nemerov