Zu bunt, zu laut, zu queer? Seit sechs Jahren nimmt Ungarn nicht mehr am Eurovision Song Contest teil. Das heißt aber nicht, dass ihn niemand mehr schaut.
Wer am Samstag, den 16. Mai 2026, in der ungarischen Hauptstadt das Finale des Eurovision Song Contests (ESC) nicht einsam über den YouTube-Livestream verfolgen will, der hat vier Optionen: Eine Expat-Bar voller Engländer*innen, eine queere Bar, in der das Programm von einer Dragshow begleitet wird, einen Livestream in einem jüdischen Gemeindezentrum und eine Übertragung in einem Privatraum eines Barkomplexes, die von Student*innen der Corvinus-Universität veranstaltet wird. Gergő, der sich ehrenamtlich für das Erasmus Student Network engagiert, ist einer der Organisator*innen des Abends. Gemeinsam mit seinen Freund*innen sitzt er an einem der runden Tische, den Blick gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Gerade ertönt aus dem Lautsprecher die offizielle Erkennungsmelodie der Europäischen Rundfunkunion. „Ich würde den ESC auch schauen, wenn ich heute Abend nicht hier wäre“, erklärt Gergő, „ich glaube, das würden alle von uns tun.“ Seine Kommiliton*innen nicken zustimmend. Dabei ist es alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Schließlich nimmt Ungarn seit sechs Jahren nicht mehr am ESC teil, ebenso lang wird der Wettbewerb nicht mehr im Fernsehen übertragen. Vom teilnehmenden Sender MTVA hieß es Berichten zufolge, es handele sich um eine „fachliche Entscheidung“. Man wolle das Budget lieber nutzen, um heimische Talente zu fördern.
In regierungsnahen Medien war der Ton eine andere. So erklärte der Chefredakteur der Wochenzeitung Demokrata András Bencsik in der Show eines regierungsnahen Privatsenders, der ESC sei zu einer „homosexuellen Flottendemonstration“ verkommen. Außerdem sprach er von „kreischenden Transvestiten“ und „bärtigen Weibern“, die den Geschmack der Öffentlichkeit ruinieren würden. Deshalb sei der ESC-Ausstieg auch gut für die mentale Gesundheit Ungarns.
„Ich würde mich nur ungern als Ungarin bezeichnen …“
Gergő und seine Freund*innen sind überzeugt: Es waren diese Anti-LGBTQ Ressentiments, die letztlich zur Abwendung vom ESC führten. „Die Regierung stimmte den Grundsätzen des ESC nicht zu und wollte deshalb auch kein Geld dafür ausgeben. Außerdem passte der Ausstieg auch zu ihrer ‚Ganz Europa ist gegen uns, wir machen da nicht mehr mit‘-Rhetorik“, meint er. Ihm geht genau das gegen den Strich. „Ich glaube, meine Generation, und gerade die, die studiert haben, fühlen sich schon europäisch“, sagt er. Er selbst habe während seiner Schulzeit ein Jahr in Finnland verbracht und später dann auch ein Semester dort studiert. Für seinen Master will er vielleicht ganz ins Ausland ziehen. „Viele in unserem Alter haben das Land aufgrund der politischen Situation verlassen“, sagt er. Zsófia, die nach ihrem Bachelor an der Corvinus inzwischen an der Eötvös-Loránd-Universität studiert, stimmt ihm zu. „Manche von ihnen haben gesagt, sie würden zurückkehren, wenn sich die Dinge ändern“, erklärt sie „Vielleicht passiert das jetzt nach der Wahl“. Auch ihr Verhältnis zu Ungarn sei schwierig: „Ich habe das Gefühl, dass mir, seit ich ein Kind bin diese ‚Ungarn ist das beste Land‘ Narrative um die Ohren gehauen werden. Und genau deshalb konnte ich mich irgendwie nicht wirklich mit meiner ungarischen Identität identifizieren. Ich würde mich nur ungern als Ungarin bezeichnen und lieber sagen: Ich komme aus Ungarn.“ Manchmal habe sie sich sogar regelrecht für ihr Heimatland geschämt. „Ich weiß noch, während meines Erasmus in Irland saß ich in einem Kurs zu Europäischer Politik und der Dozent erklärte, dass 26 Länder einem Gesetz zugestimmt hatten und eines nicht. Da wusste ich schon, es ist wieder Ungarn, es ist mein Land“, erzählt sie. Sich Europa zugehörig zu fühlen, falle ihr da oft einfacher.
Inzwischen haben alle Teilnehmer*innen ihre Lieder vorgetragen. Nun geht es ans Voting. Gergő drückt natürlich Finnland die Daumen. Zsófia hat keinen klaren Favoriten. „Letztes Jahr waren bessere Lieder dabei“, findet sie. Ähnlich wie Gergő verfolgt sie den ESC schon seit dem Kindesalter, wenn auch nicht ganz so regelmäßig.
Ein Lied für Ungarn?
Was die beiden dafür gar nicht mehr schauen: den nationalen Vorentscheid, der nun seit sechs Jahren auch ohne den ESC läuft. Er trägt den Titel A Dal, was auf deutsch so viel wie „Das Lied“ bedeutet. „Ich habe das Gefühl das schauen nur noch alte Menschen“, sagt Gergő, „Es ist ein bisschen sinnlos geworden, weil wir ohnehin niemanden zum Eurovision schicken. Außerdem war bekannt, dass die Jury eine gute Beziehung zur Regierung hatte. Es hat ohnehin nur gewonnen, wer ihre Ideen unterstützt“. „Ich habe heute erst erfahren, dass er überhaupt noch existiert“, ergänzt Zsófia.
Bei A Dal treten jedes Jahr 30 Künstler*innen mit einem eigens komponierten Song an. In mehreren Runden bestimmen die Promi-Jury und das Publikum das Siegerlied. In einem Café erzählt Re Va Dame, bürgerlich Rebeka Valéria Balogh, von ihrem Sieg beim diesjährigen Wettbewerb. Mit ihrer Popballade Veled Álmodtam (Ich habe von dir geträumt) konnte sie das Publikum von sich überzeugen. „Es war eines der allerbesten Erlebnisse meines Lebens“, sagt sie heute.
Sängerin zu werden, war für Balogh schon seit ihrer Kindheit ein großer Traum. Ihren ersten Erfolg feierte sie mit dem dritten Platz in der Castingshow Megasztár, dem ungarischen Pendant zu Deutschland sucht den Superstar. Das Lampenfieber vor den großen Live-Auftritten und der Besuch musikalischer Gottesdienste brachten sie zu ihrem Glauben, der seither ihr künstlerisches Selbstverständnis prägt. Balogh ist überzeugt, in Ungarn „eine Mission zu haben“, und schreibt ihre Lieder deshalb heute vor allem in ihrer Muttersprache. „Ich möchte unbedingt Musik machen wie Lady Gaga, nur eben auf Ungarisch und mit verstecktem christlichen Bezug“, erklärt sie. Politische Messages vermeide sie hingegen. „Ich verstehe zwar, dass andere Künstler das tun, weil sie damit etwas verändern wollen, aber das schränkt sie so sehr ein. Sie schließen damit eine ganze Bevölkerungsgruppe aus, die nicht an eine bestimmte Idee glaubt“, erläutert Balogh. Sie selbst versteht sich als unpolitisch und begründet das auch mit ihrem Glauben: „Wenn man wirklich an Gott glaubt, darf man nicht über andere urteilen.“ Auch deshalb bedauere sie es, dass Ungarn inzwischen nicht mehr am ESC teilnehme. Dass Länder aufgrund der Teilnahme Israels dem Wettbewerb fernblieben könne sie noch verstehen, nicht aber dass man aufgrund von „lifestyle reasons“ aussteige, womit sie auf Ungarns Umgang mit der queeren Community anspielt. „Als Staat kann man über solche Angelegenheiten kaum entscheiden. Es hängt stark davon ab, woran man persönlich glaubt“, sagt sie. Hätte sie Ungarn vertreten dürfen, dann am liebsten wie bei A Dal mit einem Popsong mit EDM-Elementen und einem großen Orchester. „Das wäre fantastisch“, erklärt Balogh.
Vielleicht klappt es ja im nächsten Jahr. Die Chancen dafür scheinen nicht schlecht zu stehen. In einem Interview mit dem Österreichischen Rundfunk erklärte der neue Ministerpräsident Péter Magyar, es sei zwar nicht seine Entscheidung, ob Ungarn wieder an dem Wettbewerb teilnehmen werde, aber nachdem er viele Bitten aus der jüngeren Generation erhalten habe, wolle er die Angelegenheit von seinem Kulturstaatssekretär überprüfen lassen. Auch Zsófia würde sich über eine Rückkehr Ungarns zum ESC freuen. „Es kommt natürlich auch darauf an, wie gut der Song ist“, sagt sie. „Aber ich würde Ungarn dann schon die Daumen drücken.“
Foto: Emely Stache
Illustration: Felix Lies







