Seit rund zehn Jahren betreibt die Britin Antonia Burrows in Ungarn eine feministische Bibliothek. Mit der UnAufgefordert spricht sie über rechte Attacken und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Im ersten Stock der Rákóczi út 11 stapeln sich die Bücher bis zur Decke. Neben einer Auswahl verschiedenster Romane und Dramen befinden sich vor allem Sachbücher in den meterhohen Ikearegalen. Kleine bunte Zettel teilen die Bücher in thematische Gruppen ein. Von Overcoming Sexism and Misogyny bis zu Divorce and Non-Traditional Family Models ist alles dabei. Inmitten dieser bunten Sammlung sitzt Antonia Burrows. Die 77-Jährige ist die Betreiberin und Gründerin der Közkincs Könyvtár, der einzigen feministischen Bibliothek Budapests. „Diese Bücher würdest du in keiner anderen Bibliothek in Budapest finden. Es ist eine absolut einzigartige Sammlung“, betont sie. Manche der Bücher begleiten Burrows schon ihr halbes Leben. Sie stammen aus ihren Jahren in London, München und Kalifornien. Dazwischen: Budapest.
„1988 habe ich das erste Mal in Ungarn gelebt“, erzählt Burrows. Damals unterrichtete sie an der Eötvös-Loránd-Universität. „Ich war Muttersprachlerin, also waren sie froh, mich zu haben.“ In ihren Seminaren spricht sie vor allem über Race, Class und Gender – wie auch außerhalb des Hörsaals. „Trotz der ganzen sozialistischen Rhetorik von Gleichheit waren die Frauen den Männern in keinster Weise gleichgestellt. Ich dachte, ich komme hierher und schaue, ob es Frauen gibt, die Interesse daran haben, Dinge zu verändern. Und natürlich gab es sie.“ Mit ihren Mitstreiter*innen beginnt Burrows, über Gewalt an Frauen aufzuklären und baut eine Hotline für Betroffene von häuslicher Gewalt auf. Außerdem protestiert sie gegen ein geplantes Abtreibungsverbot. „Das Erste, was sie mit ihrer Demokratie tun wollten, war, Abtreibungen zu verbieten. Sie galten als sowjetische Erfindung und deshalb als Relikt der Unterdrückung. Mit dem Kommunismus Schluss zu machen, bedeutete damals auch, mit der Abtreibung Schluss zu machen“, erläutert Burrows.
Wie aber wurde aus dem Aktivismus die heutige Bibliothek? Burrows erklärt: „Ich dachte, ich könnte die Frauenbewegung unterstützen, indem ich einen Raum zur Verfügung stelle und Zugang zu all den Büchern verschaffe, die wir in den 1990ern nicht hatten, und die so grundlegend waren für die Bürgerrechtsbewegung.“ Nach ihrer Rückkehr im Jahr 2015 baut sie deshalb die Közkincs Könyvtár auf. Seither ist die Bibliothek ein fester Treffpunkt für zahlreiche queerfeministische Organisationen.
Aber auch im intellektuellen Budapest ist ein Projekt wie Burrows Bibliothek verletzlich. Sie spricht von einer Gruppe schwarz Gekleideter, die die Bibliothek besucht und Hakenkreuze auf der Toilette hinterlassen hätten. „Lovely guys“, sagt sie ironisch. „Das erste Mal kamen sie, als wir die Bewegung Black Lives Matter unterstützten. Das zweite Mal bei einem lesbischen Event“, erzählt sie.
Zu den Angriffen gegen die Bibliothek kommt auch das Problem der Finanzierung hinzu. „Das kostet so 1 Million Forint jeden Monat [ca. 2800 Euro, Anm. d. Red.]. Die Lebenshaltungskosten sind hier ziemlich schlimm.“
Trotzdem ist sie vorsichtig, wenn es um Fördergelder geht, denn ihr ist die Unabhängigkeit der Bibliothek wichtig. Sie will nicht, dass ihr jemand etwas zu der Sammlung vorschreiben kann. Mit Blick auf Péter Magyars Wahl ist sie vorsichtig optimistisch. „Wir haben so viel Hoffnung in die neue Regierung – ich glaube, zu viel Hoffnung, denn Menschen sind fehlbar. Ich möchte nicht, dass die Ungar*innen erneut enttäuscht werden und die Hoffnung verlieren. Denn Hoffnung ist ein Treibstoff, der uns vorwärts trägt. Ich hoffe einfach, dass da genug ist, um in die Zukunft zu kommen.“
Illustration: Lucia Maluga







