An dieser Stelle berichten wir von studentischen Initiativen und Gruppen, die vielleicht in Vergessenheit geraten. In dieser Ausgabe geht es um die Initiative „Seid ihr die Ersten“, die gerade die Arbeiter*innenkinder und first generation students unterstützen wollen.

Der Start ins Studierendenleben ist für viele sicherlich sehr aufregend. Neuer Lebensabschnitt, neues Umfeld, neue Eindrücke. Doch ein Studium zu beginnen ist nicht nur aufregend, es kann besonders für Studienanfänger*innen, die nicht in einem akademischen Elternhaus aufgewachsen sind, ziemlich verzwickt sein.

„Ich war vor dem Studienbeginn ein bisschen panisch, weil meine Eltern, meine Großeltern nicht studiert haben. Und ich wusste nicht, was ich jetzt machen muss, wie ich mich auf das Studium vorbereiten muss, welche Schritte es da zu befolgen gibt“, erzählt Damon. So oder so ähnlich dürften sich vor dem Studienstart wohl viele sogenannte „Arbeiter*innenkinder“ bzw. „first generation students“ gefühlt haben. Denn anders als bei ihren Kommiliton*innen, deren Eltern etwa studiert haben, ist das Studium für diejenigen, die als erste aus ihrer Familie an eine Hochschule oder Universität gehen, vor allen Dingen eines: Neuland.

Damon studiert im Master Geschichte und Philosophie/Ethik auf Lehramt. Und er ist Mitglied in der Initiative Seid ihr die Ersten? am Institut für Geschichtswissenschaften, kurz IfG. Die Initiative wurde 2013 gegründet, um gerade die Arbeiter*innenkinder und first generation students am Institut zu unterstützen. Damon ist seit dem Wintersemester 2017/18 dabei. Damals hatte er gerade mit dem Bachelor begonnen. Bevor sein Studium damals losging, habe er die gesamte Webseite der Humboldt-Universität nach To-do- und Checklisten durchforstet. Auf der Seite des IfG sei er auf Seid ihr die Ersten? gestoßen: „Da wurde ein Stammtisch in einer Kneipe angekündigt, bei dem sich Arbeiterkinder treffen und der auch für Erstsemester gedacht war.“ Und dort habe Damon dann einfach mal vorbeigeschaut.

Anfangs war er selbst nur Teilnehmer. Nach und nach habe er sich aber immer mehr aktiv eingebracht und selbst Aufgaben übernommen. Inzwischen ist er verantwortlich für die Organisation der Stammtische, also dafür, dass es einen regelmäßigen Austausch gibt. In Zeiten von Corona bedeutet das, dass die Stammtische nicht mehr vor Ort in einer Kneipe stattfinden, sondern online via Discord. Wobei Damon hofft, dass die Treffen bald wieder in Präsenz stattfinden können. Da sei der Austausch untereinander einfach lebendiger.

Die Initiative am Geschichtsinstitut ist ein Vorreiter 

Abseits der Stammtische gibt es noch Foren auf Facebook, Discord und Moodle, wo die Studierenden Fragen zu diversen Themen wie BAföG, Stipendien oder Auslandsaufenthalte stellen können. Darüber hinaus bietet die Initiative diverse Workshops und eine Vortragsreihe an. Bei den Workshops erhalten die Studierenden unter anderem die nötigen Skills für das Schreiben von Hausarbeiten. Für die Vorträge werden Referent*innen eingeladen, die oftmals selbst am  Institut für Geschichtswissenschaften studiert haben und den Studierenden verschiedene berufliche Perspektiven aufzeigen.

Das vielseitige Angebot richtet sich allerdings ausschließlich an Studierende am IfG. Neben Seid ihr die Ersten? gab es zwar noch „firstgen“, ein Mentoring-Programm das für alle first generation students an der HU offen war und bei dem Damon ebenfalls mitgemacht hat. Allerdings ist firstgen seit März 2021 inaktiv. Auf die Frage, welche Möglichkeiten Studierende hätten, die nicht am IfG studieren, antwortet Damon: „Als ersten Schritt die Universität kontaktieren, zum Beispiel die Frauenbeauftragte oder Professorinnen und Professoren, und anmelden, dass hier Bedarf besteht. Und als zweiten Schritt mit anderen, die die gleichen Interessen haben, eine eigene Gruppe gründen.“

Für die Zukunft von Seid ihr die Ersten? erhoffe sich Damon das Engagement der Studierenden sowie einen verstärkten Austausch untereinander. Stichwort: Vernetzung. Dadurch könnten vorhandenes Wissen und eigene Erfahrungen an Studienanfänger*innen weitergegeben werden, um ihnen bestenfalls den Start in das Studi- sowie das daran anschließende Berufsleben zu erleichtern. Wobei dieser Wunsch auch über die Grenzen des eigenen Institut hinausgeht.


Dieser Text ist in der UnAufgefordert #259 zum Thema „Erwartungen“ im Februar 2022 erschienen.

Foto: Dennis Günzel

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