Schleichend hat sich die Bologna-Matrix in den Köpfen der Studierenden eingenistet. Von Abgaben, Essays und Pflichtlektüre geplagt, hat so mancher vergessen, aus ihr aufzuwachen. Das System ist somit in die letzte unabhängige Instanz eingedrungen.

Die Erzählungen meiner Eltern, Tanten und Onkel über die goldenen Jahre ihres Studiums, durchzogen von Freizeit, Selbständigkeit und dem ein oder anderen Joint wirken auf mich wie Geschichten aus einer vergessenen Zeit. Wer heutzutage ein solches Studi-Leben anstrebt, sollte die Einhaltung der Regelstudienzeit auf keinen Fall zum Ziel haben. Es ist schwer sich den Regeln des Bologna-Korsetts zu entziehen: Nicht alle Studierenden, beziehungsweise die Eltern, besitzen das Geld für ein paar mehr Semester in Freiheit.

Wilhelm von Humboldt beschwor Universitäten als Orte der Erkenntnissuche und Wahrheit. Zu den hierfür benötigten Bedingungen zählte er die Freiheit von Einschränkungen und Zwängen und einen möglichst weitgehenden Verzicht auf Prüfungen. Dies sei notwendig für eine freiheitsgewährende Atmosphäre im Studium. Außerdem sei das Kleinhalten hierarchischer Strukturen, die eine gleichberechtigte Erkenntnissuche erschweren würden, wichtig.

Wieso ist das nicht Realität? Schließlich studiere ich an der Universität, die nach diesem Denker benannt wurde! Die Entwicklung weg vom Humboldtschen Ideal müsste Studierende eigentlich zur Rebellion animieren. Doch zwischen all diesen Abgaben bleibt mir kaum Zeit für hochschulpolitisches Engagement. Das Bologna-System hat sogar den Kampfbegriff “Student*in” für sich vereinnahmt. Studierende einer längst vergangenen Epoche würden über den schlechten Zustand studentischer Autonomie lachen und gleichzeitig ihre Köpfe schütteln. Doch im Tiefschlaf der Bologna-Matrix lässt sich keine Revolution anzetteln.

Es scheint nicht von besonderem Interesse zu sein, sich hochschulpolitisch zu engagieren, nicht einmal die Wahl des Hochschulparlaments wird ernst genommen. Völlig aufgeklärt über diesen Zustand schlendere ich mit Kommiliton*innen aus der Vorlesung, in der wir gerade noch die Grundlagen der Demokratie erklärt bekamen. Dass sich die Beteiligung an hochschulpolitischen Wahlen in Deutschland auf maximal 15% beläuft wird ignoriert, vorausgesetzt diese Tatsache ist überhaupt bekannt.

Nach der Vorlesung noch schnell den obligatorischen Kaffee reingezogen und ab ins Grimm-Zentrum, dessen an ein Gefängnis erinnernder Bau mich dazu einlädt meine eigenen Grenzen im Denken zu durchbrechen. Eingeschlossen von Beton und ohne jegliche Zufuhr von Sonnenlicht fühle ich mich auf meinem Leseterassenplatz unter ständiger Beobachtung. Statt meinen Gedanken freien Lauf zu lassen, würde ich gerade viel lieber auf meinen Tisch springen und laut schreien, um diese beklemmende Stille zu durchbrechen. Vielleicht ist das die für eine Rebellion benötigte Energie! Doch dafür hab ich jetzt nun wirklich keine Zeit.


Dieser Text ist in der UnAufgefordert #260 zum Thema „Aktenzeichen HU“ im Juni 2022 erschienen.

Foto: Kenny Eliason/ unsplash

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