Recht auf Leben?

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Illustration: Alena Trapp

Besonders im katholischen Polen, aber auch in Deutschland sind Abtreibungen noch immer ein Tabuthema. Doch es sind Menschen wie die Aktivistin Maria Owczarz die die Gesellschaft zunehmend zum Umdenken bringen.

Gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz protestieren seit Anfang 2020 Hunderttausende Menschen in Polen. Das neue Gesetz verbietet Frauen auch dann abzutreiben, wenn das Kind eine Totgeburt wird oder Fehlbildungen vorweist. Konservative und die katholische Kirche begrüßen die Entscheidung der PiS, der führenden Partei in Polen. Doch die polnische Gesellschaft wird durch das Gesetz mehr und mehr gespalten. Fotos von blutüberlaufenden Föten an der einen Straßenecke, feministische Pranger an der anderen. Abtreibungsgegner und Befürworter stehen einander gegenüber. Aktivist*innen, Künstler*innen und Hilfsorganisationen protestieren laut gegen die nationalistische Regierung. Nicht nur Frauen gehen auf die Straßen. Es betrifft jeden, der sich ein freies, selbstbestimmtes Leben wünscht.

In dem Gesetz sehen viele eine Unterdrückung. Das hat zur Folge, dass die polnische Regierung nun mehr denn je in der Kritik steht. Innerhalb der EU, deren Kommission Klage einreichen will, und bei den Menschen vor Ort. Menschenrechte, Hierarchien, Dominanz sind Themen der immer tiefer gehenden Debatte. Gleichberechtigung kämpft gegen Diskriminierung, Menschen jeder Generation um die Freiheit ihres Körpers, gegen Intoleranz und Gewalt am Geschlecht. Abtreibungen sind in Polen ein Thema, das aktuell ist, aber nicht jung. Bereits 2016 gab es Proteste gegen das Abtreibungsverbot, 2018 gab es die schwarzen Märsche, bei denen allein in der Hauptstadt rund 55.000 Menschen gegen das Abtreibungsgesetz demonstrierten, gegen die Regierung der PiS, die sich „Recht und Gerechtigkeit“ nennt. Die sexuellen und reproduktiven Gesundheitsrechte der Frauen in Polen sah der Europarat bereits 2017 in Gefahr und auch dieses Jahr berichtet Amnesty International über deren Gefährdung nun in Corona-Zeiten. Auch für Maria Owczarz, Studentin der HU, Polin und Menschenrechtsaktivistin ist dieser wieder neu aufkommende Konflikt in Polen älter als ein Jahr: „Das Gesetz ändert nicht viel. Schon vorher war es fast unmöglich abzutreiben. Menschen wurden von Arzt zu Arzt geschickt, angelogen, schlecht behandelt.“ Sexuelle Verurteilung sorgt dafür, dass Frauen und Transgender sich nicht trauen, über Abtreibung zu reden. Im schlimmsten Fall unterdrückt das sogar die eigene Entscheidung, abzutreiben oder nicht abzutreiben. Maria unterstützt sie dagegen. In ihrer Arbeit für die Hilfsorganisation Ciocia Basia berät sie Frauen, die abtreiben wollen, plant und vermittelt die Eingriffe.

Das Private bleibt politsch

Abtreibung ist in vielen Ländern ein sensibles Thema. Auch in Deutschland sind die Gegebenheiten um Abtreibung alles andere als perfekt, sagt Maria. Das Gesetz erschwert es Informationen zu finden. Ärzt*innen nehmen viel Geld für Abtreibungen und darüber zu informieren, ist auch in Deutschland verboten. „Das Nicht-darüber-Informieren ist ein wirkliches Problem“, sagt Owczarz. „Vor allem für Migrantinnen, die nicht versichert sind.“ Polinnen, Migrantinnen, aber auch Erasmus-Studentinnen kommen zum Abtreiben nach Deutschland. Allein im letzten Jahr waren es rund 24.000 Abtreibungen. Gesetzlich ist Abtreibung auch hier immer noch verboten, doch es gibt immer mehr Ausnahmen. Pflicht ist ein bescheinigtes Vorgespräch. Nicht jedes bringt der Frau allerdings die Offenheit entgegen, die sie braucht. „Man wird verurteilt und vorher völlig nackig gemacht, private und intime Fragen, die emotional verletzen“, meint Yvonne Lassahn, liebende Mutter von zwei Kindern. Ihr Arzt wollte damals, dass sie noch zwei Wochen wartet. Dabei sollte es doch in dem möglichst frühsten Stadium sein.

Yvonnes älterer Sohn kam zur Wende mit einer Behinderung zur Welt. Zweimal wäre er fast gestorben. Nach der Geburt ihrer Tochter wurde sie noch zweimal schwanger. Sie entschied sich beide Male dafür abzutreiben. „Was das mit einer Mutter macht, ein in Liebe gezeugtes Kind abzutreiben. Doch ich hatte Angst. Um meinen Sohn mussten wir uns immer mehr kümmern, unsere Tochter war noch so klein. Wir hatten wenig Geld und keine Hilfe.“ Ihre Abtreibungen waren die Hölle. „Es macht auch viel mit der Beziehung, wenn der Mann das Kind behalten will.“

Für Yvonne sollte jede Frau das Recht auf Anonymität haben und das Kind abtreiben können, ohne darüber reden zu müssen. Die Pille danach befürwortet sie. In Polen, konservativ und streng katholisch, undenkbar.

Freiheit, für sich selbst zu entscheiden

Viele geben der katholischen Kirche die Schuld an dieser Engstirnigkeit. Prof. Dr. Martina Bengert, HU-Juniorprofessorin für u.a. Geschlechterstudien und Religion und seit kurzem auch Autorin des HU- Genderblogs, blickt auf Beweggründe und mögliche Probleme der konservativen Denkweise: „Wenn man konservativ denkt, ist es vielleicht eine günstige Kopplung aus der Sicht, dass man Sinnstiftungen und Politik ineinander knotet, da kann man sich auf Traditionen und Werte berufen, im Sinne der Stabilität. Das hemmt ein Land vor dem Fortschritt und bedeutet unter Umständen, dass alle Menschen, die sich damit nicht identifizieren können, verloren gehen, sich ausgegrenzt fühlen und im Extremfall politisch verfolgt oder inhaftiert werden.“ Toleranz beginnt für die HU-Professorin darin „Sachen zusammenzudenken, die man nicht automatisch zusammenbringt, Problemlagen, genaueres Hinschauen. Denken beginnt dort, wo sich Positionen aneinander reiben und Unvereinbares aufeinander trifft. Man muss eine gemeinsame Grenze finden“, dort wo keiner sie erwartet.

Doch ob das allein reichen wird, ist fraglich. „Das Problem ist das Patriarchat“, sagt Owczarz. „Die Angst vor der Power der eigenen Entscheidungen, auch verbunden mit der Sexualität der Frau.“ Dass die katholische Kirche nach all den Missbrauchsverbrechen , Einfluss auf ein so körperliches und sexuelles Thema hat, greift die Identität des Menschen im Einzelnen an und ist etwas, das viele empört. Noch immer scheint die Kirche ihre Rolle in der heutigen Welt zu verkennen, anstatt Werte der Toleranz, Solidarität und Gleichstellung zu vertreten. Damit stellt sie sich gegen einen Aktivismus, der nicht nur in Polen, sondern weltweit immer mehr Menschen erfüllt.

In Yvonne Lassahns Jugend, die sie in der DDR erlebte, waren Aktivismus und Kirche nicht immer Gegner. „Kirche und Widerstand waren in der DDR eng verbunden. Sie protestierten gemeinsam für die freien Rechte. Bei Gleichberechtigung und Sexualität, waren sie weiter im Denken. Da sind wir in Deutschland noch lange nicht angekommen.“ Und in Polen schon gar nicht. Misstrauen, für Yvonne der größte Feind, wächst zwischen Partei und Volk, doch auch zwischen Patienten und Ärzten. „Ich hätte gern Kinder, aber ich habe Angst eine Totgeburt zu haben und niemand sagt es mir“, sowas hört Aktivistin Maria bei Ciosia Basia oft.

Frage der Religion oder Ethik

Die Kommunikation in Polen hat gelitten. Vertrauen, Offenheit und Toleranz sind Komponenten, die fehlen und dringend gebraucht werden. „Ein respektvoller Dialog und Umgang ist wichtig“, rät Martina Bengert, „Zu erkennen, dass es beiden Seiten um die Position des Menschen in der Welt geht und das womöglich eine Sache ist, die beide gemein haben.“ Eine Trennung von Kirche und Staat sieht sie trotzdem als ungemein wichtig. Nicht nur für die Politik, sondern auch für die Kirche, und der weiter erhaltenen Rolle von Religionen in Leben und Gesellschaft, die andernfalls in der Sicht der Menschen zu leiden beginnt, sollte sie sie weiter in ihren Rechten beschneiden. Die Haltung zur Kirche wird immer negativer und die Religion läuft Gefahr, mit ihr in einer Schublade gedacht zu werden. Das Thema Abtreibung von der Politik zu trennen, halte sie aber für undenkbar. „Was das Menschliche ist und wo es anfängt, muss weiter im Gespräch bleiben, doch als eine Frage der Ethik, nicht der Religion.“

Dieses Gespräch wird in Polen noch immer von den Falschen geführt, die über Rolle und Körper der Frau bestimmen wollen. Damit machen sie ihre Gabe, Mutter zu werden zu einer Schwäche. Dabei ist es umgekehrt: Die Kraft Kinder zu gebären, gibt der Frau eine starke Stimme, die sie immer mehr bereit ist zu nutzen und die noch mächtiger ist, wenn sie sich frei für oder gegen Fortpflanzung entscheiden kann. Es öffnet das Denken zu neuen Grenzen, zu neuen Fragen.

In der Debatte in Polen sehen daher Martina Bengert und Maria Owczarz eine Chance. „Es ist wichtig, dass eben nicht alle, die nicht konservativ sind, das Land verlassen, sondern die Macht ihrer Stimme erkennen und sie vor Ort nutzen“, erklärt Bengert. Das passiert in Polen nun immer mehr. „Als ich klein war, war Abtreibung für mich etwas Schlechtes, weil ich nur diesen einen Blickwinkel kannte. Doch wenn heute ein 17 Jähriger auf die Straße schaut, kann er zum ersten Mal eine Vielfalt von Gedanken sehen“, sagt Maria Owczarz. Sie denkt daher zuerst an Solidarität, wenn sie nach Polen blickt. Menschen kämpfen mit Menschen für Menschen. Aus den Aufständen erhofft sie sich noch mehr offene Kommunikation. „Ich würde mir einfach wünschen, dass Menschen offener damit umgehen, wer sie sind, dass sich Denken weiter öffnet. Und ja, dass Menschen miteinander reden.“, so Owczarz. „Es war immer ein Wunsch Mutter zu sein“, sagt Lassahn. Und diese Entscheidung liegt bei der Frau. „Jede Frau sollte sagen dürfen, was sie sich wünscht.“

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