Nach Verspätungen beim Bau, Debatten um Raubkunst und Kolonialismus und der ewigen Frage “Was wird denn da genau drin sein?” öffnet das Humboldt-Forum seine Pforten für die Öffentlichkeit.

Eines der größten Kulturprojekte Deutschlands ist nach Jahrzehnten der Planung fertiggestellt. Oder besser gesagt, fast fertig gestellt. Denn es gibt eine Eröffnung in Etappen, die zweite und dritte Etage mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst sowie die Dachterrasse werden im Laufe der nächsten Monate öffnen.

Doch zunächst zu den aktuellen Ausstellungen. Der Generalintendant des Hauses, Hartmut Dorgerloh betont, dass das Humboldt Forum “kein Museum im klassischen Sinne, sondern eine offene Begegnungsstätte mit Austausch und Veranstaltungen” sei. Das große Foyer und die beiden Innenhöfe bieten auf jeden Fall reichlich Platz für (Open Air) Veranstaltungen, außerdem gibt es auch Seminarräume für Universitätsgruppen.

Der Bau beeindruckt mit seiner schieren Größe und Pracht der Verzierungen und ist wohl einzigartig im aktuellen Berlin. Nur der moderne Teil des Gebäudes hätte von mehr Gestaltung profitiert und wirkt sehr brutalistisch im Kontrast zum Stil des alten Stadtschlosses.

Geschichte des Schlosses ist überall präsent

Die Geschichte des Ortes, welche auf mehreren Ebenen sichtbar wird, ist ein Kernthema des Humboldt-Forums. Einmal mit dem Videopanorama, das einen kurzen visuellen Abriss über 800 Jahre Geschichte bietet. Vom Kloster zum fürstlichen Schloss, Museum und Palast der Republik bis zur Planung des neuen Gebäudes. Dieser Ort geht mit der Zeit oder fällt aus der Zeit und wandelt sich dementsprechend. Ein Skulpturensaal präsentiert die wenigen Reste, die vom alten Schloss noch übrig geblieben sind sowie die Versuche alte Skulpturen nachzuempfinden. Im ganzen Haus befinden sich Orte, die an die Vergangenheit des Ortes erinnern, der interessanteste davon ist wohl der Schlosskeller. Alle, die ein bisschen Katakomben-Feeling mögen, können in das kühle Untergeschoss hinabsteigen und die archäologischen Reste des Hauses entdecken. Zu sehen sind Backsteinwände, die vom mittelalterlichen Kloster stammen, welches hier einst stand oder das Besteck von Soldaten, die die kurfürstliche Residenz bewachten.

Die Brüder Humboldt, Namensgeber des Gebäudes, werden jedoch mit ein paar Zeittafeln am Eingang abgespeist und ansonsten auch wenig im Haus reflektiert.

Ausrichtung an Tourist*innen und Wissenschaftler*innen

Die Geschichte der Stadt wird auch in der großen Ausstellung Berlin Global im ersten Stock aufgegriffen. Die Historie wird nicht in chronologischer Reihenfolge präsentiert, sondern nach Themen sortiert, die prägende Aspekte aufgreifen. Dabei gibt es politisches, wie Revolution, Grenzen und Krieg, aber auch vergnügliches wie Mode, Freiraum und Feiern. Der Fokus liegt auf Haptik und visueller Darstellung, es gibt wenig zu lesen und viel anzufassen. Eine wahrlich interaktive Herangehensweise: Überall sind Fotos und Videos, man kann auch durch die alte Tür des Technoclubs Tresor schreiten, an großen Rundscheiben drehen und die Gerüche der Stadt riechen. Damit richtet sich die Ausstellung eher an Tourist*innen, Berliner*innen werden wohl wenig Neues entdecken. Dennoch macht die Ausstellung Spaß, zum Beispiel mit einem Discoraum und der Ironie die aktuellen Outfits von Kommiliton*innen in der Modeabteilung einer Ausstellung wiederzufinden.

Die Ausrichtung an Berlin-Besucher*innen ist ja angesichts der Lage durchaus sinnvoll, da das Humboldt-Forum auf der Museumsinsel wohl zu den meistbesuchtesten Orten gehören wird und das Deutsche Historische Museum aufgrund von Umbauarbeiten für Jahre geschlossen ist.

Besonders der Fokus von Berlin Global auf die alternativen Räume der Stadt ist bewundernswert, die queere Geschichte und Gegenwart werden hervorgehoben, Punks und Hausbesetzer gezeigt und politische Sticker von Bartoiletten zum Museumsobjekt archiviert. Die Ausstellung scheut sich auch nicht davor politische Haltungen einzunehmen, etwa zu Protestbewegungen. Also lohnt sich ein Ausflug, wenn ihr jemanden von außerhalb mal einen schnellen Überblick zu Berlin geben wollt.

Ethnologisches Museum und Museum für Asiatische Kunst eröffnen erst später

Das Ethnologische Museum sowie das Museum für Asiatische Kunst werden erst in einigen Monaten öffnen, zu welchem Zeitpunkt wahrscheinlich wieder Diskussionen über deren Objekte aufkommen werden. Der Intendant Dorgerloh sagt in der Eröffnungspressekonferenz: “Wir hoffen, dass die Debatten über das Humboldt-Forum bald auch im Humboldt-Forum geführt werden” und erklärt das Haus als einen “Ort der Vielstimmigkeit für globale und kulturelle Fragen”.

Die vielleicht kontroverseste aktuelle Ausstellung dürfte wohl schrecklich schön. Elefant-Mensch-Elfenbein sein. Es geht um die Kulturgeschichte der menschlichen Bearbeitung von Elfenbein und die Ethik dahinter. Wem die Thematik zunächst fragwürdig und problematisch erscheint, ist nicht im Unrecht. Die Ausstellung selbst greift diese Fragen jedoch gezielt auf mit dem Input von Expert*innen aus der ganzen Welt und bezieht selbst nicht eine direkte Position, sondern lässt beispielsweise auch einen Tierpfleger aus Tansania zu Wort kommen. Man verlässt die Ausstellung mit vielem neuen Wissen über Elefanten und einem mulmigen Gefühl.

Auch die HU ist stark beteiligt

Humboldt-Forum und Humboldt-Universität, da war doch was? Die meisten Studierenden wussten wenig über den Grad der Kooperation zwischen den intellektuellen Institutionen Unter den Linden. Das Ergebnis ist das klare Highlight der bisherigen Ausstellungen und mündet im Humboldt Labor. Mit dem Titel Nach der Natur befasst sich die Ausstellung mit der Klimakrise und vielen weiteren Themen. Herausgekommen ist auf der ersten Etage ein Archiv, was sich in Vergangenheit und Zukunft aufteilen lässt. Auf der einen Seite eine riesige interaktive Wand, auf der sich ständig Fotos, Grafiken und Videos (wo man vielleicht den*die ein*e oder andere*n HU-Professor*in entdecken kann) öffnen und schließen und jede Minute unzählige Informationen auf einen einprasseln. Es geht um die großen Themen wie Populismus und Politik, Umweltschutz und Klimakrise, Forschung und Wissenschaft. Um alles aufzunehmen braucht man Stunden und da der Eintritt dort immer umsonst ist, sind häufige Besuche zum Glück möglich. Der Kurator gibt außerdem den Hinweis, dass es möglich ist, mit der Wand zu twittern, lange virtuelle Gespräche sind also auch ein Weg, sich dort die Zeit zu vertreiben.

Das Humboldt Labor ist hypermodern, verwebt aber auch Geschichte in die Präsentation. Einige Objekte der HU-Archive sind hier erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich. Dissertationen des Jahrganges von 1945, eine Nobelpreisurkunde für Robert Koch und zahlreiche Forschungsobjekte und Modelle von den unterschiedlichsten Fachrichtungen. Die Objekte werden in aufwendig designten Vitrinen präsentiert, die manchmal dreieckige Formen haben oder kein Glas und alle höhenverstellbar sind. Besonders interessant ist das Lautarchiv mit Sprachaufnahmen aus den 1930er-Jahren, das teilweise ausgestorbene deutsche Dialekte dokumentiert. Auch Studierende waren bei der Konzeption von einigen Ausstellungselementen beteiligt, sei es bei der interaktiven Wand oder der Produktion von Filmen über die HU. Letztere entstanden in einem BA-Forschungsprojekt des Instituts für Europäische Ethnologie.

Das Humboldt Labor hat eine hohe Dichte an Informationen, die zunächst überwältigend sein können, aber am ehesten zum mehrfachen Besuch und Studium des präsentierten Wissens einladen.

Studierendenfreundlich ist auch der Eintrittspreis, der für die ersten 100 Tage nach Eröffnung im ganzen Haus umsonst ist und alle Ausstellungen beinhaltet. Es muss lediglich online ein Zeitfenster gebucht werden. Diese sind zwar für die nächsten Wochen schon vergeben, ein Besuch im Sommer sollte trotzdem noch möglich sein, wo im Schlüterhof auch noch Open-Air Veranstaltungen stattfinden werden. Es ist ein neuer Start für die historische Mitte Berlins und alle sind eingeladen, sich selbst davon zu überzeugen.

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