Im wieder errichteten Berliner Stadtschloss hat in dieser Woche das Humboldt Forum digital eröffnet. In dem knapp 67-minütigen Livestream wurden trotz corona-bedingter Einschränkungen Optimismus und Begeisterung versprüht, oder – es wurde zumindest versucht.

Schon im Vorfeld der Eröffnung des Humboldt Forums sind die kritischen Stimmen wieder lauter geworden. Einmal mehr wurde Aufmerksamkeit auf die Problematik dieses durch mehr als eine halbe Milliarde an Steuergeldern finanzierten Großprojektes gerichtet. Besonders in der Kritik steht die unreflektierte Zurschaustellung „fremder“ Kulturen. Hierbei handelt es sich zu einem bisher ungeklärten Anteil um koloniale Raubkunst oder um Kunst, die in dubiosen kolonialen Zusammenhängen nach Deutschland gekommen ist. Große Teile des kulturellen Erbes kolonialisierter Regionen sind in europäischem Besitz, und nun auch im Humboldt Forum zu bestaunen, während Länder wie Nigeria oder Kenia kaum Ausstellungsstücke haben, um sich mit ihren eigenen kulturellen Traditionen an Ort und Stelle zu befassen.

All das stand im Raum, während es nun an den Veranstalter*innen und Verantwortlichen lag, die Eröffnung irgendwie über die Bühne zu bringen. Dass einige Anpassungen an die aktuelle Diskussion gemacht wurden, war unübersehbar. Wie wurde in diesem Eröffnungsspektakel mit der Tatsache umgegangen, dass das Großprojekt Humboldt Forum von einer nicht unerheblichen Menge an Menschen für zumindest moralisch fragwürdig, wenn nicht sogar untragbar gehalten wird?

Etwas für “Weltreisende im Geiste”

‚Angriff ist die beste Verteidigung‘, dachten sich die Organisator*innen wohl. Deshalb sprach der Moderator Mitri Sirin, nach einer spannungsgeladenen Begrüßungsrede, den Generalintendanten Hartmut Dongerloh auch sofort auf die Raubkunstdebatte an. Seine Antwort: Bei „schwierigen und komplexen Themen wie dem Kolonialismus“ werde doch deutlich, „dass wir einen solchen Ort, wie das Humboldt Forum ganz dringend brauchen.“ Das sehen Kritiker*innen anders. Man könnte sich beispielsweise fragen, warum dafür erst ein seit siebzig Jahren zerstörtes Barockschloss kostspielig wiedererrichtet werden musste. Oder man könnte sich fragen, warum dort unter anderem im ethnologischen Museum Kunst aus kolonialen Unrechtszusammenhängen ausgestellt werden musste, die nun Besucher*innen und Einnahmen anlocken soll, um dann an dieser Stelle besagte Debatte zu führen.

Als Nächstes wurden die Zuschauer*innen ermutigt, Grußworte und Gratulationen loszuwerden. Ganz spontan folgte dieser Aufforderung Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die mit dem in Arbeit befindlichen ‚Museum der Moderne‘ bereits das nächste heikle Museumsprojekt unterstützt. Das Humboldt Forum sei etwas für „Weltreisende im Geiste“. Sie bezog sich in ihrer Ansprache hauptsächlich auf die Humboldt Brüder und deren Tugenden, was wenig mit der ausgestellten Kunst im Humboldt Forum, aber viel mit Pathos zu tun hatte.

Mit Lichteffekten sollte eine spektakuläre Stimmung erzeugt werden. Gleichzeitig ist das leere Foyer mit seiner modernen, hellgrauen Betonarchitektur aber selbst nicht wirklich spektakulär, weshalb das Ganze etwas gekünstelt wirkte. Auf einer Bildschirmfläche wurden anschließend Teilnehmer*innen einer nicht öffentlich zugänglichen Zoom Konferenz eingeblendet. Spontan entdeckte Generalintendant Dongerloh dann doch „ein paar bekannte Gesichter“ unter den Teilnehmenden, nämlich George Abungu, Archäologe und ehemaliger Direktor des National Museum of Kenia, der außerdem im Expertengremium des Humboldt Forums sitzt. Das wirkte allerdings nicht so spontan, wie es sollte, da es sich offenbar um ein im Vorfeld aufgenommenes Video handelte. Sein Statement: „Das Humboldt Forum, das dort draußen diskutiert wurde, ist nicht das Humboldt Forum, das ich kennengelernt habe, denn das Humboldt Forum, das ich kenne, glaubt mit Überzeugung daran, dass jeder beteiligt sein muss, dass alle Anspruchsgruppen beteiligt sein müssen.“

Natürlich klingen diese Versprechungen und partizipativen Gesten erst einmal positiv. Die Frage ist aber, wie viel davon ernst gemeint ist. Erst vor einigen Tagen hat der nigerianische Botschafter Yussuf Tigar öffentlich gemacht, dass seine Regierung erneut eine Forderung an die deutsche Regierung gestellt hat, um die geraubten und sehr wertvollen Benin-Bronzen zurückzuerlangen. Diese stehen momentan im Humboldt Forum.

Alle hatten sie ihren Auftritt: ein kultiger Berliner Comedian, eine in Details vertiefte Archäologin, die etwas über Überreste des Fundamentes des ursprünglichen Schlosses im Keller erklärte, oder eine Bildhauerin, die mit ihrem Kolleg*innen die Originalskulpturen des Berliner Stadtschlosses nachgebaut hat (welche jetzt im Innenhof zu bestaunen sind). Von den in der Kritik stehenden Kunstwerken war allerdings wenig zu sehen: es wurden lediglich einige Ausstellungsstücke aus dem Museum für asiatische Kunst gezeigt. Das Humboldt Forum ist in verschiedene ‚Untermuseen‘ und Ausstellungen aufgeteilt.

Kritiker*innen kommen kurz zu Wort

Mit technischen Beteiligungsspielereien soll Interesse geweckt werden. Es gibt interaktive Besucherprofile, in denen man ‚etwas über sich selbst erfährt‘ oder das „Humboldt-Lab“, das auch unabhängig von den gemeinsamen Namensgebern mit der Humboldt Universität in Verbindung steht, und das einen KI-gesteuerten, auf Bewegung reagierenden Fischschwarm beheimatet.

Die meisten Beitragenden waren bemüht, Begeisterung zu zeigen. Gleichzeitig ließ sich nicht leugnen, dass keiner mehr so ganz sicher war, ob das noch funktioniert. Die Kritik wurde definitiv zur Kenntnis genommen. Es kamen also auch andere, weniger überzeugte Stimmen zu Wort: Zum Beispiel ein Video der Künstlerin Priya Basil, das die Black Lives Matter Proteste aufgriff, die unrechtmäßige Ausstellung von Kunst aus der ganzen Welt, zum Schluss fragte sie: „Was könnten wir diesem Gebäude wirksam entgegensetzen?“ Die Reaktion von Lavinia Frey, der Geschäftsführerin für Programmentwicklung: „Ihr Film tut weh“ Dreißig Sekunden später lenkt der Fokus allerdings schnell wieder ab: Eine „ganz andere Perspektive“ sei ein virtueller Rundgang!

Man hofft wohl, dass die negative Aufmerksamkeit auch ihre guten Seiten haben wird. Das bestätigte Dongerloh auch mit seiner anfänglichen Aussage, dass „die Menschen uns hier die Bude einrennen werden.“, die als Reaktion auf die Nachfrage des Moderators zur Raubkunstdebatte leider ziemlich unangebracht wirkte.

Es wird sich zeigen ob die Versprechungen gehalten werden. Der Eindruck, dass sich hier irgendjemand ernsthaft mit den Folgen des Kolonialismus für die betroffenen Kulturen, deren Schätze man ausstellt, befasst, entsteht allerdings nicht.

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