Weltweit sorgen die Proteste von Extinction Rebellion (XR) für Aufsehen. Doch wie radikal darf Klimaaktivismus sein? Hannah Finke engagiert sich bei XR und hat die Aktionswoche in Berlin hautnah miterlebt. UnAuf traf sie im Klimacamp zum Interview. 

UnAuf: Der Klimawandel wird jeden, egal welcher politischen Haltung, betreffen. Extinction Rebellion spricht davon, alle anzusprechen, könnt ihr euch überhaupt in eine politische Richtung einordnen?

Hannah Finke: Es ist natürlich politisch motiviert, aber wir bemühen uns schon alle Leute – oder viele Leute – anzusprechen und uns nicht in eine explizite politische Richtung einordnen zu lassen. Gleichzeitig, weil dieses Gerücht immer wieder aufkommt, sind wir klar anti-rassistisch, anti-sexistisch und anti-homophob. Das ist nur in unseren Prinzipien sehr positiv ausgedrückt. Es heißt, wir sind „inklusiv“; wenn man inklusiv eng nimmt, dann bedeutet es natürlich auch, dass alle die mitmachen auch inklusiv sein müssen. Das lässt sich nicht ganz klar nach links oder nach rechts verorten, obwohl klar zu sagen ist, dass das ganz rechte Spektrum hier nicht vertreten ist. 

Im XR-Rebellionskonsens steht: Wir bedauern sehr, das öffentliche Leben und die öffentliche Ordnung stören zu müssen.” Bedauert Ihr es wirklich, dass Ihr den Alltag eurer Mitmenschen stört?

Sagen wir es so: Ich habe auch keinen Spaß daran nachts bei zwei Grad auf der Straße zu liegen, genauso wenig macht es mir Spaß mit Leuten, die die Klimakrise nicht wahrhaben wollen, zu diskutieren.

Blick aus dem Klimacamp von Extinction Rebellion auf den Reichstag in Berlin. Rund eine Woche haben Klimaaktivisten aus ganz Deutschland hier kampiert, debattiert und eine Bürger*innen-Versammlung simuliert. Foto: Cosima Kopp
Blick aus dem Klimacamp von Extinction Rebellion auf den Reichstag in Berlin. Rund eine Woche haben Klimaaktivisten aus ganz Deutschland hier kampiert, debattiert und eine Bürger*innen-Versammlung simuliert. Foto: Cosima Kopp

Wenn man vor dreißig Jahren schon angefangen hätte Klimapolitik zu machen, dann wären wir jetzt vielleicht auch an einem anderen Punkt und dann müssten wir nicht stören. In dem Sinne bedauern wir das, ja. 

Ihr kooperiert auch viel mit der Polizei. Ihr seid also einerseits Rebell*innen und kommuniziert andererseits mit der Staatsmacht. 

Ja, weil wir nicht wollen, dass hier Menschen zu Schaden kommen und es auch für die ganze Bewegung wichtig ist, dass es friedlich ist. Demnach ist eine Kommunikation glaube ich hilfreich. 

Es gibt einen Unterschied zwischen Kommunikation und Kooperation. Wir protestieren nicht gegen die Polizei, sondern wir protestieren gegen die Politik – und das ist ein Unterschied. Es gab gewisse Absprachen, zum Beispiel, dass Leute, die deeskalierend wirken, länger an solchen Blockaden teilhaben dürfen. Das hat schlichtweg den Sinn, dass wir auch verhindern wollen, dass es zu Polizeigewalt kommt. Und das dann auch ein Schutz ist für die Leute, die da mitmachen. 

Ihr wollt also die Politik zum Zuhören bewegen?

Wir wollen die Leute erstmal dazu bringen, sich mit der Materie auseinander zu setzen. Wir maßen uns auch gar nicht an, dass jetzt XR als Organisation Lösungsvorschläge unterbreitet. Deswegen ist unsere dritte Forderung, die nach einer Bürger*innen-Versammlung, die sich dann repräsentativ aus der Bevölkerung zusammensetzt und die dann Vorschläge erarbeitet. Es ist in vielen Ländern schon gezeigt worden, wie so etwas funktioniert. 

Es wird bei Extinction Rebellion mit sehr viel der Symbolkraft gearbeitet. Gibt es da ein Widerspruch zwischen Performance und Protest? 

Wir müssen natürlich auf eine gewisse Art die Emotionen ansprechen. Der Mensch ist kein rein rationales Wesen und eine gewisse Performance bringt vielleicht Leute zum Nachdenken, demnach nutzen wir das natürlich. Das heißt nicht, dass die Leute, die das machen, nur da sind um Kunst zu machen, sondern dass sind genauso Menschen, die sich mit der Klimakrise auseinandersetzen. Es ist ein Protestmittel. 

Jutta Ditfurth, Sozialwissenschaftlerin, redet von Hyperemotionalisierung, von einer sektiererischen Ausartung der Protestkultur. Sie spricht von einer religiösen und esoterischen Gruppe, die zur Selbstaufopferung aufruft. 

Wir sind keine esoterische Sekte und ich finde uns auch nicht hyperemotional, ganz im Gegenteil. Es ist eine emotionale Sache. Es geht hier um das Überleben unserer Zivilisation und Demokratie. Demnach kann man das nicht rein rational diskutieren. Es gibt sicher Leute, die sich hier als spirituell bezeichnen würden. Es gibt genauso gut Leute wie mich, die sich weder als spirituell oder religiös bezeichnen. 

Natürlich werden Straftaten begangen. Das ist aber keine Selbstaufopferung. Es sind Straftaten, die gewaltfrei sind und dadurch auch, was das Strafmaß angeht, sehr begrenzt. Außerdem werden die Leute rechtlich aufgeklärt. Wir sind da auch vorsichtig und sagen den Leuten ganz klar, was die Folgen sein können und versuchen, sie nicht zu überreden. Es ist ganz klar deren freie Entscheidung. Ein gewisses Opfer ist in der Philosophie von XR schon dabei, da es darum geht durch ein gewisses Aushaltevermögen zu zeigen, wie dringend das Thema eigentlich ist.

Ihr nennt euch selbst Rebell*innen, aber versucht gleichzeitig möglichst friedlich zu sein. Wie radikal seid ihr?

Wir sind vielleicht für manche radikal, allerdings ist aus unserer Sicht das, was gerade in der Politik passiert, radikal. Und zwar radikal menschenfeindlich oder radikal kurzsichtig. Wir sind auch sehr strategisch und wir haben ja auch Vorschläge, was passieren muss. Ich finde persönlich, dass es einfach wichtig ist, dass die Leute wachgerüttelt werden. Wir stören den Alltag – klar, das wirkt auf manche radikal, aber es ist nun mal einfach so, dass wir gerade akut unsere Zivilisation gefährden. Angesichts dessen sind wir nicht radikal. 

Für wie realistisch hältst du es, dass sich bis 2025 eine politische Lösung gefunden haben wird?

Ich weiß nicht, für wie realistisch ich das halte. 2025 ist quasi gleichgesetzt mit: Wir müssen jetzt sofort anfangen. Wobei wir bereits seit dreißig Jahren vor uns hin prokrastinieren. Wenn wir uns nicht konkret und zeitnah Ziele setzen, wird es zu nichts kommen.

Und das ist demokratisch möglich?

Das Anfangen, Realisieren und Ernstnehmen der Krise muss auf einem demokratischen Weg möglich sein. Egal wie die Klimakrise kommen wird, es wird schwierig werden. 1,5 Grad ist fast schon nicht mehr zu schaffen und 2 Grad ist auch schon schwierig. Wichtig ist dann, dass wir eine Gesellschaft haben, die in der Lage ist mit dem was kommt umzugehen.

Und das heißt in einer funktionierenden Demokratie, in der Menschen sich beteiligt fühlen und es nicht zu Krawallen kommt. Das ist auch ein Grund, warum wir eine Bürger*innen-Versammlungen gutheißen, weil Studien gezeigt haben, dass diese Versammlung dafür sorgen, dass Menschen sich wieder mehr als Bürger fühlen und wirklich was verändern können.

Was machst du privat, um das Klima zu schützen? 

Generell ist meine Meinung, dass der Wandel nicht vom Individuum ausgehen kann, weil ich sehr privilegiert lebe. Ich habe ein halbwegs gutes Einkommen, so dass ich mir biologische Lebensmittel leisten kann und ich es mir auch leisten kann mit der Deutschen Bahn irgendwo hinzufahren.

Ich lebe vegetarisch bis vegan, ich fliege nicht, ich fahre Fahrrad, kaufe relativ viel Bio, aber das ist ab diesem Punkt individuell irgendwie begrenzt. Deswegen ist für mich viel wichtiger, dass ich mich privat engagiere und was ich ganz wichtig finde: Auch wenn man sich nicht in einer Organisation wie hier engagieren will, dass man das Thema einfach nicht totschweigt. 

Bei Extincion Rebellion gibt es das Prinzip des „no shaming, no blaming“, weil das Individuum hier zweitrangig ist und wir da als Gesellschaft ran müssen. Man sollte nicht mit dem Finger auf andere zeigen, aber wir müssen über die Klimakrise und ihre Folgen reden. 

Welche Gefühle hast du die Woche über bei den Protesten gespürt? Welche Gefühle hast du bei dir selbst erlebt? 

Das Emotionale hat sich bei mir eher vor der Rebellion abgespielt. Es ist ein Thema, das gerne verdrängt wird, weil es unglaublich unbequem ist. Ich habe das auch einfach sehr lange verdrängt, was auch nicht ausschließt, dass man sich nicht trotzdem individuell halbwegs ökologisch verhalten kann.

Extinction Rebellion legt den Potsdamer Platz lahm. Foto: Max Skowronek
Extinction Rebellion legt den Potsdamer Platz lahm. Foto: Max Skowronek

Mein emotionaler Moment war als ich gemerkt habe, dass ich proaktiv handeln möchte und nicht mehr wegschaue. Ziviler Ungehorsam ist die eine Sache, aber auch schlichtweg durch Aufklärung. Ich habe das Gefühl, dass ich mit Menschen aktiv in den Dialog treten muss und das nicht einfach mit mir in meinem stillen Kämmerchen immer ausmachen kann. Seitdem geht es mir viel besser. Ich habe das Gefühl meine Ohnmacht hinter mir gelassen zu haben.

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