Las Herederas (übers. „Die Erbinnen“) – Ein Blick auf die Frauen Paraguays oberer Mittelschicht

 

Dass Rauchen ihr stehen würde, meint Angy zu Chela. Sie antwortet, sie habe noch nie eine Zigarette versucht. Angy will ihr zeigen, wie sie es das erste Mal probiert hat. Sie weist Chela an, die Augen zu schließen, dann den Mund zu öffnen – aber nur leicht. Angy hält ihr die Zigarette an die Lippen. Behutsam sagt sie zu Chela, sie solle jetzt einatmen.

Der Wettbewerbsfilm Las Herederas von dem Regisseuren Marcelo Martinessi ging am Freitagmorgen in das Rennen um den Goldenen Bären. Der Film soll Aufmerksamkeit auf die Bedeutsamkeit der Rolle der Frau in Paraguay lenken, die, so Martinessi, dort noch längst nicht genug anerkannt wird.

Seine Geschichte handelt von Chela (Ana Brun) und Chiquita, einem langjährigen Paar. Die beiden Frauen sind etwa sechzig Jahre alt. Funken sprühen zwischen ihnen kaum noch und wenn Chiquita (Margarita Irún) sich mal wieder eine ansteckt, ist Chela meistens genervt. Doch der Alltag wird durcheinandergewirbelt, als „Chiqui“ ins Gefängnis muss. Das Paar hat sich überschuldet und dafür muss sie, die auch sonst alle Belange regelt, hinter Gitter. Chela, die alles meidet, was mit Verantwortung zu tun hat und sich gewöhnlich in ihrem Atelier verkrümelt, ist kurzerhand auf sich selbst gestellt. Als die Nachbarin, eine ältere Dame, sie um eine Autofahrt zu Freundinnen bittet, ist Chela zunächst nicht sehr glücklich. Doch trotz der Tatsache, dass sie keinen Führerschein und einen furchtbar nervösen Fahrstil hat, rutscht Chela bald in die Rolle der Fahrerin hinein und kutschiert fortan auch die Freundinnen ihrer Nachbarin herum. Ganz uneigennützig ist das aber nicht: Chela hat ein Auge auf die mindestens zwanzig Jahre jüngere Angy (Ana Ivanova) geworfen, die Tochter einer der Freundinnen von Chelas Nachbarin. Angy ist lebenslustig und intelligent, selbstbewusst und schön. Für Chela, die depressive Tendenzen aufweist, unerwartet frischer Wind. Angy entfacht eine neue sexuelle Lust in ihr. Chiqui ist derweil gar nicht begeistert von Chelas Diensten als Fahrerin, auch wenn diese dafür Geld bekommt. Zunehmend distanziert sich Chela emotional von ihr.

Las Herederas vereint verschiedene private und gesellschaftspolitische Themen, letztere mit speziellem Fokus auf Paraguay. Wir bekommen vor Augen geführt, wie der Alltagstrott zum selbstkonstruierten Gefängnis werden kann. Zudem sehen wir, was Regisseur Martinessi meint, wenn er sagt, dass die paraguayische Gesellschaft extrem konservativ ist: Nur enge Freunde*innen wissen von Chelas und Chiquitas lesbischer Beziehung – ein offener Umgang mit dem Thema ist nicht möglich und wenn jemand nachfragt, sind die beiden nur Freundinnen.
Als Chiquita weiß, dass sie ins Gefängnis muss, organsiert sie die schwarze Haushälterin Pati, die sich um Chela kümmern soll. Pati (Nilda Gonzalez) gegenüber fallen im Laufe des Films rassistische Kommentare. Es wird deutlich, dass gegenüber Schwarzen, besonders in Teilen der älteren Bevölkerung, immer noch Vorurteile bestehen und sie als minderwertig angesehen werden.
Besonders markant an Las Herederas ist der Einblick in eine abgeschottete Gesellschaftsschicht. Chela und Chiquita, „Las Herederas“ übersetzt „Die Erbinnen“, zehren von einer vergangenen Zeit. Die Überschuldung und Chiquis Inhaftierung reißen die beiden aus einer dumpfen Blase heraus – vor allem Chela, die sich stark in ihr Zuhause zurückgezogen hat. Geistesabwesend spielt sie auf einem fürchterlich verstimmten Klavier, als ihr Mobiliar, Erinnerungsstücke, verkauft wird. Die Schulden müssen beglichen werden.

Auch ihr alter Daimler, von dem sie sich nicht trennen mag, ist Relikt einer Zeit, die vorüber ist.

Martinessi will die beiden Protagonistinnen als Teil einer bestimmten Schicht nicht karikieren, sondern zeigen, wie die Begebenheiten in Paraguay für solche Frauen sind. Der Regisseur legt bewusst den Fokus des Filmes auf die Frauen der oberen Mittelschicht, die seltsam isoliert von anderen Schichten, denen wir eigentlich nur im Gefängnis begegnen, vor sich hinzuleben scheinen.

Maßgebend für den Film ist der frauenlastige Cast von Las Herederas. Martinessi wollte einen Film machen, in dem Frauen die Protagonistinnen sind. Die Geschichte von Paraguay sei nicht bloß eine der Männer und des Militärs und es sei nicht akzeptabel, dass die Frauen kaum gesehen würden, äußert sich Ana Ivanova auf der Pressekonferenz. Schauspielerein Margarita Irún betont: „In unserer Gesellschaft muss noch sehr viel gemacht werden.“  Ivanova fügt hinzu: „Man muss fünfunddreißig Jahre alt sein, hübsch sein, mit einem Mann verheiratet sein, Kinder haben – das ist das einzige Modell, das es in Paraguay gibt.“

In Las Herederas gehe es um eine Loslösung hiervon, um „die Durchbrechung dieser Kette“, wie Ana Brun es formuliert.

Die beschriebene Suche nach Freiheit für Chela erfolgt jedoch nur in kleinen Schritten, was das Zuschauen zeitweise mühsam werden lässt. Die Handlung wirkt langatmig, der Film nimmt an keiner Stelle richtig Schwung auf. Wer sich Las Herederas anschaut, sollte also etwas Geduld mitbringen.

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