-Eine Filmrezension-

Es ist Sommer. Eine grün umrankte Veranda, Vögel zwitschern, viel Licht, eine Terrasse, ein Tisch, zwei Stühle. Da sitzen ein Mann und eine Frau, sie ganz in rot, er ganz in blau. Um ihre Beine tollt ein winzig kleiner Hund, aber um den geht es nicht. Paris ist weit weg, die Blätter rascheln. „Wie still es hier ist“, sagt sie irgendwann. Pause. Der Wind ist zu hören. Beide zögern, dann entspinnt sich ein Dialog und einzig um diesen geht es.

Wer den neuen Film von Wim Wenders sieht, könnte sich erschrecken. Aber erst beim Verlassen des Kinos. Das liegt daran, dass während des Films recht wenig passiert. Dass es sogar sehr ruhig zugeht. Nein, eine Aktion ist auch nicht vorgesehen. Nur ein einziges Mal, ganz unverhofft, schreit sie. Dann sinnieren sie weiter. Pause.

Jens Harzer, Die schönen Tage von Aranjuez © 2015 Alfama Films Production

Eine Wurlitzer Jukebox steht hinter ihnen im Haus und spielt schwerelose Songs. Dort sitzt auch ein Schriftsteller (Jens Harzer). Er tippt in seine Schreibmaschine, lauscht den Liedern, summt, weint, lacht und schreibt mit. Oder sagen sie ihm, was er schreibt? Schreibt er, was sie sagen? Sieht er die beiden überhaupt? Sehen sie ihn auch? Wir wissen es nicht.

 

Die schönen Tage von Aranjuez ist die filmische Umsetzung des gleichnamigen und auf Französisch verfassten Theaterstücks von Peter Handke. Das Stück, ein einziger, langer Dialog, wurde schon auf vielen Bühnen in Frankreich und Deutschland gezeigt. Wenders wollte einen Film. Sein Freund Handke stimmte zu und Wenders drehte ihn mit wenig Budget und in wenigen Tagen. Dafür in 3D. Die von ihm gern genutzte Technik bringt zwar keine großen Effekte oder gar Geschwindigkeit, tränkt den Dialog aber gelungen in sommerlicher Stimmung.

Trotzdem mutet es schon sehr pomadig an, dass sich die Frau (Sophie Semin) und der Mann (Reda Kateb) in ihrem Sommerdialog über Silhoutten und Schattierungen, über die schöne Schwere verschlungener Haare, über von Spatzen gebildete Mulden und mediterrane Maulbeeren unterhalten. Getragener geht es nicht. Hinzu kommt, dass der Dialog verkrampft vorgetragen wird und nicht fließt wie ein poetisch geschriebener Text, der er eigentlich ist.

Dass der Film trotzdem einen Flow bekommt, liegt an der hypnotisierenden Kameraführung und an der Gelassenheit des Regisseurs. Wenders erzwingt nichts, er überfrachtet den Dialog nicht mit Bildern, das lässt die Worte langsam wirken. Die Kamera kreist fortwährend um den Tisch, nähert und entfernt sich und ein nicht recht zu definierender Raum entsteht auf der Terrasse und zwischen den beiden. Dennoch, Handkes erhabenes Erzählen so ganz ohne Ereignis über die Leinwand laufen zu lassen, bleibt ein Wagnis und der Film trotz der schönen Klänge und Farben leider fad.

Wir wissen immer noch nicht viel über die Geschichte der Beiden, sind ihnen kaum näher gekommen. Der Reiz aber ist, dass wir umso mehr erahnen können. Philosophiert da ein Paar über das Leben? Denn darüber reden sie doch, wenn sie über Liebe, Schönheit, Erinnerung, Ewigkeit aus männlicher und aus weiblicher Wahrnehmung sprechen. Bis er, der immer so anstrengend professoral redet, plötzlich nach dem „Ficken“ fragt. Hoppla, schlimmes Wort für einen so schönen Sommertag. Sie korrigiert ihn schnell und erinnert sich an ihr erstes „Fest der Körper“.

So geht es auch weiter. Sie erzählt etwas und wirkt dabei mehr und mehr esoterisch. Er fragt eher nervig als neugierig nach, bis sie etwas von sich preis gibt. Ihre Blicke sind abwesend („träumst du, oder redest du gerade?“). Stille. „Erzähl“, sagt er.

Wim Wenders, Peter Handke, Reda Kateb, Die schönen Tage von Aranjuez © 2015 Donata Wenders

Wie lange sitzen sie eigentlich schon da und führen den Dialog? In der Absichtserklärung des Films für das Presseheft schreib Wenders dazu:

Mein Wunsch ist, und meine Vorstellung,

daß man das Gefühl haben möge,

es verginge nicht nur ein Tag, sondern viele Tage,

eine ganz unbestimmte „Sommerzeit“.

 

Nick Cave, Die schönen Tage von Aranjuez © 2015 Leocadie Handke

Es stimmt, fast unbemerkt haben sich die Frau und der Mann umgezogen. Die Wurlitzer läuft weiter und verstummt nur für Nick Cave, leibhaftig. Er ist bei Wenders schon einmal aufgetreten, im Himmel über Berlin. Nun spielt er am Klavier, das auf einmal im Haus steht. Der echte Peter Handke taucht ebenfalls auf. Mit einer Leiter und einer Schere ausgerüstet macht er sich an einer Hecke im Garten zu schaffen. Er schaut auf die Terrasse, als wolle er verstehen, wie weitdas Gespräch sich entwickelt hat.

Schwer zu sagen, denn Sie ziehen und tasten noch, bohren und erinnern sich. Dabei entsteht bisweilen der Eindruck, die beiden verstünden sich gar nicht, was keine gute Basis für einen Dialog wäre. Oder aber, sie verstehen sich sogar sehr gut und nur der Zuschauer versteht sie nicht. „Frag mich etwas!“ sagen sie, als könnte ihnen das helfen.

Gern, denn es stellt sich die Frage, ob Wim Wenders das Kino mit diesem tiefsinnigen Theaterstück im Film mal wieder an der Nase herumführt, oder ob er es diesmal einfach übertrieben hat mit seiner Emphase für Entschleunigung.

Les beaux jours d’Aranjuez, Regie: Wim Wenders, basierend auf Peter Handkes Stück. Kamera: Benoit Debie. Mit: Sophie Semin, Reda Kateb, Jens Harzer. Warner Bros., 97 Minuten.

Fotos:

© 2015 Alfama Films Production

© 2015 Leocadie Handke

© 2015 Donata Wenders

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