Es war ein Abend im Frühjahr 2002, als meine Eltern wohl vergeblich nach einem Babysitter für ihre 9-jährige Tochter suchten. Später wollten sie kinderlos fröhlich das Ambiente eines internationalen Künstler-Filmfestivals genießen, jung und frei über den roten Teppich stolzieren. Doch es kam anders: ein Babysitter ließ sich nicht auftreiben und so sahen sich meine Eltern gezwungen, mich gegen jede Rechtsvorschrift verstoßend in einen FSK 12 Film zu schmuggeln. Statt dem Sandmann erwartete mich an diesem Abend kulturelle Filmkost. Sicherlich dachten sie, ich würde einschlafen – weil es ein Erwachsenen-Film war, wegen der Uhrzeit, oder weil es ein englisch-spanischer OmU-Film war. Mein kindlicher Intellekt und meine Auffassungsgabe wurden allerdings deutlich unterschätzt. Nun saß ich da zwischen den sekttrinkenden, milchzahnlosen Menschen und folgte den Bildern, die die Geschichte einer jungen irischen Künstler-Familie erzählen, die vergeblich auf der Suche nach einer Bleibe in New York City ist. Das junge Paar und die zwei kleinen Töchter kommen später in einem Junkie-Haus in Hell’s Kitchen unter und leben dort in ärmlichen Verhältnissen. Vielleicht gefiel mir der Film, weil mich der junge Familienvater, der seinem Durchbruch als Schauspieler entgegenfiebert, an meinen eigenen Vater erinnerte. Oder weil der Film die Beziehung und den Zusammenhalt der beiden Schwestern auf rührende Art inszenierte und ich wusste, dass im Bauch meiner Mutter gerade mein eigenes Schwesterchen schlummerte.

Der Film blieb hängen, doch auf die wiederkehrende Frage nach dem Titel des Films fanden meine Eltern nie wieder eine Antwort. Immer wieder erzählte ich Filmkennern von dem, was von jenem Abend in meinem Kinderkopf zurückgeblieben war und so langsam verlor ich die Hoffnung. Zehn Jahre später, als ich bereits mein Abitur in der Tasche hatte, arbeitete ich während meines obligatorischen Work&Travel Aufenthalts in Neuseeland in einer Videothek. Routiniert entstaubte ich die hintersten Regale des Ladens, in denen sich ohnehin nie jemand aufhielt, da hier die unbekannteren Filme nach Alphabet geordnet gelagert wurden. Doch als ich bei dem Buchstaben „I“ angelangte, hielt ich inne: Es dauerte keine Sekunde, bis ich die Gesichter auf dem Cover der eingestaubten DVD wiedererkannte. Ich hatte sie gefunden, meine verlorene Kindheitserinnerung, den vergessenen Titel, den Film mit dem Namen In America.

Wenige Stunden später ratterte das DVD-Laufwerk meines Laptops und zum zweiten Mal in meinem Leben bewegten sich die Darsteller des Films über den Bildschirm. Leicht schockiert musste ich feststellen, dass mir beim ersten Mal wohl doch einiges entgangen war: der Sohn der Familie, der an einem Hirntumor starb, der Drogenmissbrauch und das fehlende Geld für Nahrungsmittel. Die Dramatik des Films war damals anscheinend noch zu komplex für mich, wie man weiß sehen Kinder die Welt mit anderen Augen. Sich mehr auf das Positive im Leben zu konzentrieren und das Geschehen mit etwas mehr kindlicher Leichtigkeit wahrzunehmen, würde uns Erwachsenen definitiv auch nicht schaden.

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Text und Foto: Vilma-Lou Sinn

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