Die Gasthörerschaft an der HU soll Flüchtlingen das deutsche Bildungssystem näher bringen und die Integration fördern. Wie das konkret aussieht und welche Probleme dabei auftreten, wird im Gespräch mit den Beteiligten deutlich.

Die HU wirbt seit dem letzten Semester verstärkt mit der Gasthörerschaft für Geflüchtete. Viele kommen mit dem Wunsch nach Deutschland, hiesige Bildungsangebote wahrzunehmen. Um zu sehen, wie das möglich ist und funktioniert, sind wir mit Geflüchteten, studentischen Hilfskräften sowie TutorInnen und KoordinatorInnen des Gasthörer-Programms in Kontakt getreten.

Über die Homepage der HU erfahren wir von Wiwi Welcome. Die Initiative, die durch Mittel des Deutschen Akademischen Austauschdienstes finanziert wird, zielt darauf ab, „studienfähige Flüchtlinge auf ein wirtschaftswissenschaftliches Studium in Deutschland vorzubereiten“. Anfang des Jahres wurden drei Stellen für studentische Hilfskräfte geschaffen, die mittlerweile 21 Flüchtlinge an ihrer Fakultät betreuen.

Auf einem Event für Geflüchtete in der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät verabreden wir uns mit Toni, einem der studentischen Mitarbeiter der Initiative. Er erzählt uns, dass die meisten der Teilnehmenden bereits ein abgeschlossenes Studium haben und aus reinem Interesse an dem Programm teilnehmen. Viele befänden sich auf Grund ihres unsicheren Aufenthaltsstatus in einem Schwebezustand und können derzeit weder offiziell arbeiten noch studieren. Am Gasthörerprogramm teilzunehmen biete die Möglichkeit diese Leere zu füllen. Toni und seine Mitstreiter helfen den Neuankömmlingen dabei, Sprachbarrieren zu durchbrechen und bringen sie über ein Mentoren-Programm in Kontakt mit anderen Studierenden.

Am selben Abend lernen wir Maher kennen, der an dem Gasthörer-Programm teilnimmt. In Syrien hat er bereits ein Bachelor- und Master-Studium abgeschlossen und vier Jahre im Banken- und Finanzsektor gearbeitet. In den Vorlesungen lernt er die deutsche Wirtschaftssprache: „Es hilft mir, mein Wissen auf Deutsch anzuwenden.“ Auf der Veranstaltung für Flüchtlinge ist Maher der einzige Flüchtling. Er erklärt uns, dass viele schlichtweg nicht von der Möglichkeit wissen, an der Universität Vorlesungen besuchen zu können. Er findet, die Uni müsse effektivere Werbemaßnahmen ergreifen um potenzielle Interessenten, von denen es seiner Meinung nach viele gibt, besser zu erreichen. Gleichzeitig spricht Toni über die Schwierigkeiten mit der Zielgruppe in Kontakt zu treten. Obwohl beide Parteien offensichtlich miteinander in den Dialog treten wollen, scheint es hier erhebliche Barrieren zu geben, die in Zukunft überwunden werden müssen.

Maher hat mehrere Forderungen an die Universität als Ort der Integration und Inklusion: „Es müssen mehr Sprachkurse für Geflüchtete angeboten werden. Wir brauchen den direkten Kontakt mit deutschen Studierenden und wir brauchen einen Unterricht, der uns akademische Sprache beibringt. Die Deutschkurse können nicht in die Sprachschulen verlagert werden, in denen Ausländer unter sich sind. Die Integrationskurse führen nicht zur Integration, ganz im Gegenteil: Sie führen zur ‚Absplitterung‘ der Ausländer.“ Das Wichtigste sei es einen Ort der Begegnung für Geflüchtete und Deutsche zu schaffen, so Maher.

Nader ist Tutor eines sozialwissenschaftlichen Seminars namens „Spaces of Migration: Toward a Cartography of Refugees in Berlin“, das sich an Geflüchtete und Berliner Studierende richtet. Nader spricht von einem ähnlichen Problem wie Maher: Es gebe eine „imaginäre Wand“ zwischen Geflüchteten und dem Rest der Bevölkerung. Dadurch, dass GasthörerInnen weder Prüfungen ablegen können, noch Leistungspunkte für ihr Engagement erhalten, fühlen sie sich nicht ernst genommen. In seinem Seminar vermittelt er den Teilnehmenden, dass jeder, unabhängig von seiner Herkunft und seinem Bildungshintergrund, einen wichtigen Beitrag leisten kann. Dennoch weiß Nader, dass es nicht weitergehen kann, wie bisher. Die Gasthörerschaft bringt die Geflüchteten der Universität zwar näher, aber macht sie noch zu keinem gleichberechtigten Teil.

Auch Moaaz, ein Freund von Maher, kennt die Probleme. Von seinem Abschluss in „English Literature“ trennten ihn nur noch zwei Modulprüfungen, als er aus Syrien floh. Moaaz kam ursprünglich mit einem Studentenvisum nach Deutschland. Hier angekommen, musste er allerdings feststellen, dass er trotz des englischsprachigen Studiengangs ein Deutschniveau von C1 nachweisen muss. Da er nicht wie erhofft studieren kann, meldet er sich kurz später als Flüchtling und lernt seither Deutsch. Doch die Behörden machen es ihm nicht leicht – Berlin ist mittlerweile die achte Stadt, in der er wohnt. In einigen Monaten kann Moaaz voraussichtlich den Sprachkurs auf dem Niveau C1 abschließen und sein in Syrien begonnenes Studium beenden. Ob er das noch machen möchte, weiß er mittlerweile nicht mehr. Die vielen Enttäuschungen, die Moaaz hinter sich hat, lassen ihn an Vielem zweifeln.

Die Gasthörerschaft wurde ursprünglich eingeführt, um interessierten Rentnern und Erwachsenen sowie Studierenden anderer Universitäten einen Zugang zu den Veranstaltungen zu verschaffen. Diese müssen, bzw. dürfen in den meisten Fällen keine Prüfungen ablegen. Doch junge geflohene Menschen befinden sich in einer anderen Situation. Die Gasthörerschaft wird ihrem Profil nicht gerecht. Würden GasthörerInnen zu den Prüfungen zugelassen werden, könnten sie sich die absolvierten Kurse in Zukunft für ein Studium anrechnen lassen. Auch sollte diskutiert werden, ob Flüchtlinge gleichberechtigter in der Universität vertreten wären, wenn es eine Quote für sie gäbe. So wie die kürzlich eingeführte Quote für Minderjährige, könnte eine Flüchtlingsquote Geflüchteten dabei helfen, einfacher an einen Studienplatz in Deutschland zu kommen. Doch laut Steffan Baron, Mitarbeiter der Zentralen Universitätsverwaltung und zuständig für Fragen zur Zulassung, sei selbst die bereits bestehende Ausländerquote in den meisten Studiengängen nicht ausgelastet. Grundsätzlich hat die Universität genug Kapazitäten, um noch mehr Flüchtlinge regulär zu immatrikulieren.

Schlussendlich stellen wir fest, dass alle beteiligten Parteien großes Interesse daran haben, das Angebot für Geflüchtete auszubauen: Studierende der HU zeigen sich interessiert am Mentoren-Programm, die Universitätsverwaltung versucht Regelungen zu lockern, um die bürokratischen Hürden zu erleichtern und Flüchtlinge selbst wollen an Programmen der Universität teilnehmen. Doch eine Schnittstelle zwischen den Parteien scheint oft noch zu fehlen. Bestehende Hindernisse müssen stärker erforscht und beseitigt werden und der Dialog zwischen den Beteiligten muss gezielt gefördert werden.

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