Geschrieben von Daniela Sophie Michel, Katharina Stökl und Uta Caroline Sommer

Berlin, 19. Juni 2011

Studierende an der HU ergreifen die Initiative – eine studentische Ringvorlesung und einen Soziologiekongress organisieren sie aus eigener Kraft.

Wer meint, dass sich die Studierenden in Zeiten des arbeitsintensiven und karriereorientierten Bachelor-Master-Systems nicht mehr freiwillig engagieren, der kann sich derzeit unter anderem am Institut für Kulturwissenschaften der Humboldt- Universität (HU) vom Gegenteil überzeugen. In diesem Sommersemester haben Studierende die Ringvorlesung „Student Lecture Series“ organisiert, in der sie ihre Projekte präsentieren und so versteckte Schätze des kulturwissenschaftlichen Studiengangs heben. Den Anstoß für dieses Projekt gab Marco Heiter, der momentan im vierten Semester den Master Kulturwissenschaft studiert. Im November letzten Jahres ging Heiter daran, seiner Idee einer studentischen Ringvorlesung eine konkretere Gestalt zu geben. Zusammen mit seinen Mitstudierenden Nina Franz, Stephan Zandt, Juliane Koszinski und Julia Trachternach bildete er das Organisationsteam. Die beiden Dozenten Iris Därmann und Holger Brohm waren von dem Projekt überzeugt und sicherten ihre Mithilfe zu. „Ohne den Rückhalt des Instituts und der Dozenten wäre das Projekt nicht zu realisieren gewesen“, sagt Heiter.

Im Januar rief das Organisationsteam schließlich mit einem „Call for Papers“ die Studierenden dazu auf, kurze Zusammenfassungen ihrer Hausarbeiten aus dem Bachelor-oder Masterstudium einzuschicken und so einen Einblick in das weite Themenspektrum des Studiums der Kulturwissenschaft zu ermöglichen. Die Einsendungen enthüllen die Blüten kulturwissenschaftlicher Arbeit: Sie handeln von Souvenirs aus Haarschmuck, von Thomas Hobbes’ politischer Zoologie, der Figur des Jokers in Christopher Nolans Film „The Dark Knight“ oder sexuell-kannibalischen Tischgemeinschaften im Film. „Die Vorträge spiegeln den Alltag der Studierenden und ihre Schwerpunktsetzung im Studium wider“, sagt Koszinski aus dem Organisationsteam. Diese Vielfalt der Kulturwissenschaft kann aber auch eine Krux sein. „Man studiert zwar mit vielen spannenden Leuten zusammen“, so Marco, „doch oftmals weiß man nicht, woran die anderen tatsächlich arbeiten, wo ihre Spezialgebiete sind und wer womöglich die gleichen Interessen verfolgt.“

Die „Student Lecture Series“ verfolgt neben der Zusammenführung verschiedener Themenansätze daher auch das Ziel, die Studierenden, die sich für ähnliche Themen interessieren, zusammenzubringen und zu vernetzen. Caroline Peters, die selbst einen Vortrag gehalten hat, findet es positiv, wie Studierende sich unterein ander wissenschaftliches Interesse entgegenbringen. Stephan Zandt trägt seine Arbeit „Über Wölfe und Gänse“ vor und gibt damit einen Einblick in die politische Zoologie des Staats- und Vertragstheoretikers Thomas Hobbes. „Bei einem Vortrag in diesem Rahmen geht es darum die eigenen Ergebnisse in verkürzter und vor allem verständlicher Form zu präsentieren, Thesen zuzuspitzen und am Ende auch verteidigen zu können“ , sagt Zandt. Das ist für viele der Vortragenden eine ganz neue Erfahrung und stellt andere Ansprüche als ein Referat im Rahmen eines Seminars. »Die Organisation kostet viel Zeit und Arbeit. Aber wenn die Mühen die ersten Früchte tragen, fühlt sich das gut an.« Der Institutsdirektor Christian Kassung war von der Initiative so begeistert, dass er es sich nicht nehmen ließ, bei der Auftaktveranstaltung der Vorlesungsreihe eine Rede zu halten. Ob die Vorlesungsreihe im nächsten Semester fortgesetzt wird, ist dennoch unsicher. Die Organisatoren befinden sich in der Abschlussphase ihres Studiums, ihnen fehlt die Zeit.

Viel Zeit kostet auch die Organisation des dritten Studentischen Soziologiekongresses, der sogar universitätsübergreifend von Studierenden der HU und der Technischen Universität (TU) organisiert wird. Der Kongress mit dem Thema „Komplexe Neue Welt“ findet vom sechsten bis zum achten Oktober statt. Bis es soweit ist, hat die Gruppe von gut 15 Studierenden noch einiges zu tun. Ehrenamtlich organisieren sie seit Februar 2010 die Plattform des gemeinsamen Austausches von Studierenden der Soziologie und fachnaher Geisteswissenschaften. Ergänzend zum alle zwei Jahre stattfindenden Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) diskutierten Studierende schon in Halle und München in den Jahren zuvor über Theorie und Empirie – in zum Teil ungewöhnlichen Diskussionsformaten mit Namen wie „Open Space“ und „Weltcafé“. Die Teilnehmer des Kongresses können sich schon früh in die Vorbereitung einbringen, indem sie Diskussionsrunden eigenverantwortlich vorbereiten.

Die persönliche Begegnung der erwarteten 450 Studierenden aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ist eine logistische Herausforderung, nicht nur wegen der Unterbringung und Verpflegung der Teilnehmer. Seminare und Workshops müssen organisiert, die Finanzierung gesichert werden. „Die Organisation eines Kongresses geht mit viel Arbeit einher. Dessen muss man sich bewusst sein“, bringt es Jonas Wiedner, einer der Organisatoren des Kongresses, auf den Punkt. Er studiert am Institut für Sozialwissenschaften der HU im vierten Semester, zusammen mit Mirka Brüggemann, die im dritten Semester des Masters eingeschrieben ist und sich auch im Organisationsteam engagiert. Die Idee für den diesjährigen Studentischen Soziologiekongress in Berlin kam der Fachschaft der HU auf dem Vorgängerkongress in München. Schnell fanden sich Mitstreiter an der TU. Die basisdemokratisch aufgebaute Gruppe besteht aus Studierenden des vierten bis „gefühlten 35. Semesters“, sagt Brüggemann. Der dritte Studentische Soziologiekongress in Berlin ist der erste Kongress, der von zwei Fachschaften ausgerichtet wird.

Die Abstimmung der Organisatoren untereinander sei das A und O: „Menschen mit verschiedenen Vorstellungen müssen zusammenfinden“, so Wiedner. Die Ausrichtungen der beiden Universitäten ergänzen sich gut. Die Soziologen der HU beispielsweise würden von der technischen Ausstattung der TU profitieren, sagt Brüggemann. Während sie noch überlegen würden, wie sie die Ergebnisse an der Tafel den anderen zur Verfügung stellen könnten, hätten die TU-Studierenden sie schon mit ihren iPhones fotografiert und auf der Onlineplattform hochgeladen. Zum anderen helfe der kurze Weg zu den Politikwissenschaftlern, die einen Teil des Sozialwissenschaftsstudiums an der HU ausmachen. Die Gruppenmitglieder greifen sich gegenseitig unter die Arme. In Arbeitsgruppen erarbeiten sie Teilergebnisse, die sie einander bei regelmäßig stattfindenden Treffen vorstellen. „Das Arbeitspensum liegt bei ungefähr drei bis vier Stunden in der Woche, viel lässt sich aber von zu Hause aus erledigen“, so Wiedner. Die Organisation eines studentischen Kongresses hat außerdem den Vorteil, dass die Universität mit helfender Hand zur Seite steht, dessen sind sich Brüggemann und Wiedner bewusst. „Ein ‚normaler’ Kongress würde locker um die 30.000 Euro kosten.

Wir haben Glück, beispielsweise können wir auf die Räumlichkeiten der TU zurückgreifen und werden auch sonst von Fachschaften und dem ReferentInnenrat unterstützt“, erklärt Brüggemann. „Unser Kongress ist sozusagen ein Schnäppchen.“ Auch für die Teilnehmenden, denn sie werden nur um einen kleinen Unkostenbeitrag gebeten: Die Workshops und Vorträge sind kostenfrei. Die Organisatoren bedienen sich günstiger und zugleich effektiver Mittel. So nutzen sie Facebook, Twitter und eine eigene Homepage, um Interessierte auf dem Laufenden zu halten: „Über diesen Weg können sich die Teilnehmer zusammenschließen und Ideen entwickeln“, beschreibt Wiedner den organisatorischen Nutzen der Social Media. Ob sie noch einmal einen solchen Kongress organisieren würden? „Im Moment auf jeden Fall, vielleicht sieht das ja in einem halben Jahr anders aus“, sagt Brüggemann. „In diesen Tagen nehmen wir zum ersten Mal wahr, dass die Arbeit Früchte trägt“, ergänzt Wiedner. „Das fühlt sich gut an.“