Tausende junge Menschen haben am vergangenen Samstag unter anderem gegen die Wehrpflicht und hohe Lebenshaltungskosten demonstriert. Die Bundesregierung sollte die Anliegen der Jugend ernst nehmen, sonst droht sie die Gen Z zu verlieren. Ein Kommentar

In der europäischen Jugend hat sich in den letzten Jahren eine Wut zusammengebraut. Diese Wut ist entstanden, weil sich junge Menschen aus dem politischen Diskurs ausgeschlossen fühlen. Längst hat sich bei der Generation Z, also den 16- bis 29-Jährigen, das Gefühl breit gemacht, dass sie es sind, die den Preis für politische Krisen der vergangenen Jahre zahlen.

Jahrelang gingen junge Menschen für Klimagerechtigkeit auf die Straße, ihr Protest wurde von der Politik ignoriert. In der Corona-Pandemie blieben Angehörige der Gen Z solidarisch zuhause, um ältere vulnerable Gruppen zu schützen. Und jetzt sollen sie mit der Wehrpflicht einen Staat mit der Waffe und ihrem Leben verteidigen, in dem sie keine Stimme haben?

Berlin ist nicht Paris

Es ist kein Wunder, dass junge Menschen gegen eine zukunftslose Politik aufbegehren, die die Lebensgrundlagen künftiger Generationen nicht sichert. Die Initiative „Gen Z regelt“, die hierzulande den Protest organisiert, fordert mehr Investitionen in Bildung und Gesundheit, ein bezahlbares Leben, außerdem lehnt sie die Wehrpflicht ab. Das klingt beim besten Willen nicht nach Revolution, sondern nach schlichter Selbsterhaltung – nach jungen Menschen, die auch ein bisschen leben wollen. 

Allerdings ist die Protestwelle junger Menschen in Europa keine einheitliche Bewegung: In Frankreich gingen Schüler*innen zunächst für mehr Geld für Bildung auf die Straße, daraufhin wurden sie auch von älteren Generationen unterstützt. In Spanien protestieren junge Menschen vor allem gegen hohe Mieten und Lebenshaltungskosten. In Serbien demonstriert eine Studierendenbewegung schon seit zwei Jahren gegen Korruption. Sogar so erfolgreich, dass sie kürzlich die Parlamentswahlen gewann.

Der deutsche Demoherbst flackert Ende Oktober vergleichsweise spät auf. Noch bevor in der Bundesrepublik irgendeine junge Person für oder gegen irgendwas demonstrierte, ließ sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bereits zu wilden Spekulationen hinreißen. Sein Verdacht: Der Protest junger Menschen könnte von Linksextremisten gekapert werden.

Am vergangenen Samstag verlief der überwiegende Teil der Proteste friedlich, nur vereinzelt kam es nach den Demonstrationen zu Ausschreitungen. Gleichwohl sprach Dobrindt im Nachgang von „gewaltbereiten linken Gruppen“ und „Chaoten aus dem migrantischen Milieu“.

Migrationsfeindliche Zuschreibungen liefern keine Antwort auf die Probleme

Es ist die übliche falsche Beobachtung: Sobald eine politisches Problem auftaucht, zeigen CSU-Politiker mit dem Finger auf Migrant*innen. Horst Seehofer sprach schon 2018 von der Migration als „Mutter aller Probleme“. Diese Zuschreibung ist falsch, weil sie Menschen mit Migrationsgeschichte viel zu stark pauschalisiert und in ein Milieu einordnet, das nicht politisch für sich selbst spricht, sondern lediglich Chaos stiftet.

Identitäten von Menschen in einer postmigrantischen Gesellschaft stellen sich weitaus komplexer dar als es diese Zuschreibung nahelegt. In Dobrindts Problembeschreibung wird eine Trennlinie gezogen zwischen legitimen Demonstrierenden und jenen, deren Erscheinungsbild, Herkunft oder politische Einstellung sie für politischen Protest disqualifiziert. Diese Unterscheidung ist nicht nur problematisch, sie lenkt auch von den eigentlichen Inhalten der Proteste ab.

Dobrindts Rhetorik ist gefährlich, denn sie befördert eben jenes Gefühl, das die Proteste überhaupt erst ausgelöst hat: Junge Menschen fühlen sich nicht ausreichend im politischen Diskurs gehört. In der aktuellen politischen Gemengelage sind solche Aussagen gesellschaftspolitischer Sprengstoff, denn durch solche Zuschreibungen werden Menschen mit validen Anliegen an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Wer die Anliegen der Jugend über Jahre ignoriert, der sollte sich nicht wundern, wenn ihm diese Politik irgendwann gehörig um die Ohren fliegt. Anstatt gegen Migrant*innen oder Linke zu polemisieren, sollte die Union endlich lernen zuzuhören und für ihr eigenes politisches Handeln Konsequenzen ziehen – sonst droht sie ihre Jugend zu verlieren.


Foto: Tobias Würtz