Tomer Dotan-Dreyfus ist Schriftsteller und Übersetzer. Am 25. September 2025 veröffentlichte er das Buch „Keinheimisch“, in dem er über sein Aufwachsen in Israel und sein Leben in Deutschland schreibt.
UnAuf: Keinheimisch. Was bedeutet das?
Dotan-Dreyfus: Die Idee für das Buch entstand nach dem 7. Oktober, als ich bemerkt habe, dass ich mit meinem Einheimischsein als Israeli nicht klarkomme und das es keine Möglichkeit mehr gab, mich nicht mit der Vergangenheit dieses Landes zu beschäftigen. Die Vergangenheit war schon immer da. Ich habe es nur in meiner Kindheit und Jugend nicht sehen wollen. Keinheimisch heißt das Buch; weil ich nicht nur das Gefühl verlor einheimisch zu sein, sondern verstand, dass ich es nie hatte.
UnAuf: Sie äußern sich in Ihrem Buch deutlich zu Israels Politik und Geschichte. Wie reagieren Sie auf den Vorwurf der Einseitigkeit?
Dotan-Dreyfus: Erstens bin ich als Mensch nicht verpflichtet zur Beidseitigkeit. Ich bin eine Person und habe meine Meinung. Es liegt an Plattformen, Leuten von beiden Seiten eine Bühne zu geben, nicht an jeder Person.
Zweitens ist die Situation einfach nicht symmetrisch. Ich glaube, da ist eine Seite, die die andere Seite gerade vernichtet. Wenn es um Verbrechen geht, – Völkermord und Kriegsverbrechen sind Verbrechen – gibt es kein dafür oder dagegen. In der Zeitung würden wir ja auch keine Artikel pro oder kontra Vergewaltigung, pro oder kontra Mord, pro oder kontra 7. Oktober sehen. Das sind Verbrechen. Aus dem gleichen Grund sollte es kein für oder gegen den Genozid in Gaza geben.
UnAuf: Sie definieren das deutsche Verständnis von Wiedergutmachung als den Glauben, den die Deutschen daran haben, sich mit den Jüdinnen und Juden nach dem Holocaust versöhnt zu haben. Sie problematisieren dieses Verständnis.
Dotan-Dreyfus: Ein Problem mit dem deutschen Verständnis von Wiedergutmachung ist, dass darunter ein Programm verstanden wird, das Anfang, Mitte und Ende hat. Es gibt heute viele öffentliche Personen in Deutschland, die sich verhalten und ausdrücken, als hätten sie dieses Programm absolviert und denken, die Juden hätten ihnen verziehen. Doch ich habe nicht verziehen. Deutschland und die Deutschen können nicht entscheiden, ab wann wir verziehen haben.
UnAuf: Als Folge dieser Wiedergutmachung entstand die vielzitierte Staatsräson…
Dotan-Dreyfus: Das Problematische daran ist, dass kein Staat eine „Räson“ hat. Staaten existieren. Das ist keine Frage von Räson. Aber Deutschland hat den Holocaust begangen und sucht nach einem Grund, warum es danach weiter existieren darf. Daher die Staatsräson, die ein politisches Handeln und eine politische Richtung stellt, die Unterstützung Israels. Wer sich dagegen ausspricht, dass Deutschland Israel mit Waffen unterstützt, der spricht gegen Deutschland. Das ist eine faschistische Denkweise. Der Weg von dort zum Deklarieren bestimmter Teile der Politik als „Staatsfeinde“ ist kurz.

UnAuf: Sie setzen sich in ihrem Buch intensiv mit dem Zionismus auseinander. Was ist Zionismus und wie unterscheidet sich dieser vom Judentum?
Dotan-Dreyfus: Man kann diskutieren, ob ihre Methoden gut oder schlecht waren, aber ursprünglich war der Zionismus eine Bewegung von und für Menschen, die verfolgt wurden. Im Laufe der Zeit hat sich diese Bewegung geändert, vor allem weil das Ziel erreicht wurde: ein jüdischer Staat. Ob es eine Bewegung gibt, die die Existenz Israels unterstützt oder nicht, ist nicht mehr relevant. Der Staat existiert. Deshalb hat sich der Zionismus in eine nationalistische Bewegung verwandelt.
Der heutige Zionismus unterscheidet sich vom Judentum wie jede nationalistische Bewegung von dem Volk, das sie repräsentiert. Es wird noch komplizierter, weil unsere nationalistische Bewegung stark von außen unterstützt wird; es gibt mehr Nichtjuden weltweit, die sich als Zionisten begreifen, als Juden die sich als Zionisten begreifen.
UnAuf: Sie schreiben, Jüdinnen und Juden könnten in Israel-Palästina einheimisch sein, Zionisten aber nicht. Warum sprechen Sie den Zionisten die Möglichkeit ab, einheimisch zu sein?
Dotan-Dreyfus: Der Zionismus ist eine europäische Siedlerbewegung, die per Definition der Idee von Einheimischsein widerspricht, weil sie von außen kommt und kolonisiert. Zionismus ist keine Identität, es ist eine Ideologie.Wenn ich etwas gegen Zionisten schreibe, ist das nicht gegen Menschen, sondern gegen die Ideologie. Ich würde gerne ein Judentum sehen, das in Palästina einheimisch ist. Das kann nicht passieren mit einer Ideologie, die genau dagegen spricht.
UnAuf: Sie meinen, der Zionismus negiere zentrale Überzeugungen des Judentums. Inwiefern?
Dotan-Dreyfus: Einer der Kernpunkte im Judentum sind die 10 Gebote. Das zweite Gebot ist, dass man sich kein Bild von Gott machen darf. Dieses Gebot führte dazu, dass wir ganz viel Text haben, aber keine Bilder. Deshalb ist alles interpretierbar. Die politische Diskussion innerhalb der jüdischen Welt war 2000 Jahre lang sehr lebendig. Sogar in streng religiösen Kreisen lernen Männer in den Jeschiwas zu zweit, um über die Interpretationen der Texte, Theologie und andere Dinge zu diskutieren. Der Zionismus sagt: Wir interpretieren das Judentum durch die Perspektive des Nationalstaats und das ist die einzig gültige Interpretation. Auf diese Weise versuchen sie die innerjüdische politische Diskussion zu beenden.
UnAuf: Welche Rolle spielt die Nakba, die Ermordung und Vertreibung von Palästinenser*innen vor und nach der Staatsgründung 1948/49, für die Identität Israels?
Dotan-Dreyfus: Einerseits ist es etwas, das im Kern der Gründung des Staates liegt. Andererseits wird es im israelischen Diskurs komplett verschwiegen. Es ist so wie in Horrorfilmen, in denen die Poltergeister immer noch anwesend sind, weil sie nicht anerkannt wurden. In diesen Filmen ist es manchmal so, dass die Geister metaphorisch für etwas stehen, das in der Familiendynamik schiefläuft. So ist es auch in Israel. Die Nakba ist der Poltergeist, den wir nicht loskriegen, weil wir sie nicht anerkennen, nicht darüber sprechen und nicht damit konfrontiert sind.
UnAuf: Sie kritisieren auch die Demokratie Israels.
Dotan-Dreyfus: Das Hauptproblem ist, dass hier in Deutschland eine Annahme verbreitet wird, dass das Problem Netanjahu ist: Sobald die Netanjahu Regierung weg ist, wird alles wieder gut. Doch der Auslöser für die Gewalt zwischen den Palästinensern und den Israelis ist viel älter als Netanjahu. Der Grund dafür ist, dass die Palästinenser in ihrem Heimatland nicht gleichberechtigt sind. Kein Volk auf der Erde würde das akzeptieren, ohne Widerstand zu leisten. Man kann diskutieren, welche Form von Widerstand legitim ist und welche nicht, aber natürlich leisten sie Widerstand, wenn sie in ihrem historischen Heimatland weniger Rechte haben als andere. Das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass man die Opposition in Israel wählt. Sie unterscheiden sich zwar in der Form, wie sie diplomatisch sprechen, doch der Inhalt in Bezug auf Palästina ist gleich.
UnAuf: Sie schreiben, dass die Instrumentalisierung des Begriffs Antisemitismus Teil von Hasbara ist und von Israel als auch Deutschland dieser problematische Umgang übernommen würde. Was ist Hasbara und was genau läuft da falsch?
Dotan-Dreyfus: Hasbara nennt man auf Hebräisch die israelische Public Diplomacy. Es bedeutet Aufklärung oder Erklärung. Dort investiert die israelische Regierung viel Geld, um weltweit die Meinung von Menschen zu beeinflussen. Der Begriff Antisemitismus wird instrumentalisiert und umgedeutet, sodass es heißt jede Kritik an Israel sei antisemitisch. Dadurch wird nicht nur der Begriff instrumentalisiert und verwässert, sondern der Kampf gegen den tatsächlichen Antisemitismus wird geschwächt. Wenn jede Kritik antisemitisch ist, dann merkt man nicht mehr, was Kritik und was wirklich Antisemitismus ist.
UnAuf: Das klingt nach Propaganda.
Dotan-Dreyfus: Es ist Propaganda, aber es ist klug gemacht durch verschiedene Lobbygruppen in Deutschland und verschiedene Influencer, die nach Israel gebracht werden. Auch dadurch, dass sie Politiker und Politikerinnen mit kompletter Kostenübernahme nach Israel einladen und ihnen ihre Argumente zeigen. Im November ging eine Delegation von 160 jungen Personen aus den Bereichen Politik, Kultur und Wirtschaft nach Israel. Einige, darunter Haaretz, berichteten, dass es starke Propaganda war. Lobbygruppen geben auch Preise an Journalisten, die die Meinung der israelischen Regierung in deutschen Medien vertreten. Das alles ist Hasbara.

UnAuf: Wie sicher fühlen Sie sich als jüdischer Mensch in Berlin?
Dotan-Dreyfus: Ich fühle mich nicht sicher. Nicht, weil ich Palästinaflaggen oder die Demonstrationen gegen den Völkermord in Gaza sehe. Im Gegenteil, da fühle ich mich sicher. Ich fühle mich unsicher, denn es wurde mir in den letzten zwei Jahren klar gemacht, dass es in Deutschland aus der Perspektive des Staates gute Juden und schlechte Juden gibt. Wenn ich zu den schlechten Juden gehöre, nämlich denen, die ihre Rolle in der Gesellschaft nicht erfüllen, dann verliere ich den Schutz des Staates. Dann kann ich ausgeladen und gecancelt werden, kann mich ein Polizist verprügeln, und es ist egal, ob ich Jude bin oder nicht. Die Rede über jüdische Sicherheit in Deutschland ist eigentlich nur die Rede über die Sicherheit von bestimmten Juden und nicht von uns allen.
UnAuf: Was halten Sie von den pro-palästinensischen Besetzungen der Berliner Universitäten?
Dotan-Dreyfus: Die Uni ist ein Ort, an dem Debatten geführt werden sollten. Was der Zionismus innerhalb der jüdischen Welt macht, ist jede Diskussion zu beenden und der Zionismus in der Berliner Regierung schließt die Diskussionen in den Unis. Eine Uni unterscheidet sich von einer Fachhochschule dadurch, dass ein Raum geöffnet werden soll, für solche schwierigen, sensiblen Themen. Wenn man das nicht hat, dann ist es nur ein Ort, den man besucht, um einen Bachelor und Master zu bekommen und schnell in den Arbeitsmarkt zu gehen. Ich hatte eine andere Vorstellung von der Universität. Inzwischen sind wir daran gewöhnt, dass die Uni-Leitungen die Polizei rufen und Polizisten durch die FU und die HU marschieren. Es ist schade für unsere Demokratie, dass diese Diskussion an den Orten, wo sie geführt werden sollte, nämlich die Uni und der Bundestag, eingeschränkt wird.

UnAuf: Welche Folgen hat der Konflikt in Gaza für die deutsche Erinnerungskultur?
Dotan-Dreyfus: Er hat es Deutschland sehr leicht gemacht, die Verantwortung von sich auf andere zu schieben. Netanjahu stand neben Olaf Scholz im Oktober 2023 und sagte: „Hamas sind die neuen Nazis.“ Diese Aussage ist dort einfach im Raum geblieben. Ich hätte gedacht, dass in einem Land, welches „Nie wieder“ sagt, so einer Relativierung widersprochen werden würde. Dieses Schweigen von Scholz ist für mich ein bezeichnender Moment für die ganze Erinnerungsdiskussion in diesem Land in den letzten drei Jahren. Sie müssen keine Erinnerungsarbeit mehr leisten. Jetzt liegt es laut ihnen an den Palästinensern und überhaupt an Ausländern, dass sie wegen ihrer Hautfarbe und Sprache Antisemitismushegemonie produzieren. Das führt zu dem Gegenteil von dem, was bisher versucht wurde mit der Erinnerungskultur zu machen, nämlich als Lehre vom Holocaust Diskriminierung zu bekämpfen und eine offene pluralistische Gesellschaft zu kreieren.
Foto: Shai Levy






