Alle Jahre wieder fallen nicht nur die Blätter von den Bäumen, es ist auch Zeit für herbstliche Lektüreempfehlungen aus unserer UnAuf-Redaktion. Wir wünschen frohes Schmökern!
Beautiful World, Where Are You von Sally Rooney
Wer bereits ein Sally Rooney Buch gelesen hat, weiß: Irland wird wahrscheinlich nicht ganz unwichtig sein. In Beautiful World, Where Are You dreht sich alles um Alice und Eileen. Alice, die sich von einer Depression erholen möchte, ist gerade in einen kleinen Ort an der irischen Küste gezogen und Eileen lebt in Dublin. Die beiden Frauen, beide im Literaturgeschäft tätig, schreiben sich E-Mails hin und her – politisch, klug, existentialistisch, nah. Ob Marxismus, Sex oder die leicht desinteressierte Beziehung zu ihren Eltern. Eileen und Alice sind erwachsener als Rooneys bisherige Charaktere.
Alices Spaziergänge am Meer in einer irischen Kleinstadt, späte Nächte bei Eileen in Dublin und die komplizierte Suche nach Liebe und Nähe – wer nach diesem Vibe sucht, wird hier auf jeden Fall fündig. Wer jedoch noch nie Rooney gelesen hat, sollte vorgewarnt sein: Mit ihrem Existentialismus und ihren wunderschön geschriebenen Beziehungen gehen auch genauso viel Frustration, schlechte Kommunikation und viel unbequeme Ehrlichkeit über das Leben und das Erwachsenwerden einher. Aber irgendwie passt genau das in den oft grauen statt goldenen Herbst.
Schöne Welt, Wo Bist Du (2021) Ullstein
Yesteryear von Caro Claire Burke
Kaum ein Internetphänomen hat in den vergangenen Jahren wohl so viele Thinkpieces produziert wie das der Trad Wives: Influencerinnen, die auf Plattformen wie Instagram und TikTok in Kleid oder Schürze Sauerteig kneten und Molke durch das Käsetuch pressen, während im Hintergrund eine Vielzahl von Kindern durch die Küche tollt. Die Bilder, die hier entstehen, scheinen perfekt in ein patriarchales Weltbild zu passen; gleichzeitig verdienen die Creatorinnen mit Werbedeals Unsummen und werden so nicht selten zur Alleinverdienerin. Ganz vorne mit dabei: Hannah Neeleman, online auch bekannt als Ballerinafarm, die gemeinsam mit ihrem Mann eine Farm im ländlichen Utah betreibt und offensichtlich Vorbild für Caro Claire Burkes Protagonistin ist.
Yesteryear erzählt die Geschichte von Nathalie Heller Mills, einer jungen Frau, die ihr Theologiestudium an der Havarduniversität aufgibt, um den reichen Politikersohn Caleb Mills zu heiraten. Doch genau das entpuppt sich schon bald als Fehler, Caleb erscheint Natalie zunehmend als unambitionierter Tölpel. Der Ausweg aus der ehelichen Misere soll die gemeinsame Farm in Idaho sein, aber auch hier läuft es nicht ganz nach Plan. Die Kühe, die die Familie anschafft, versterben und der Anbau des Biogemüses will nur unter dem Einsatz giftiger Pestizide gelingen. Doch dann entdeckt Natalie Instagram für sich und wird nach einem viralen Video quasi über Nacht zum Star. Um das Bild der perfekten Familie aufrechtzuerhalten, engagiert Natalie schon bald eine eigene Social-Media Produzentin. Doch genau das setzt eine Abwärtsspirale in Gang, an deren Ende sich Natalie auf einmal in einer Form von Parallelwelt wiederfindet, in welcher sie nicht mehr nur Content produziert, welcher an das 19. Jahrhundert erinnert, sondern sich wirklich in diesem wiederfindet. Wie kann es sein, dass Natalie sich auf einmal in der Vergangenheit lebt? Und wie kommt sie hier wieder heraus? Beide Fragen lassen den Text zu einem Pageturner werden, der vielleicht nicht immer der durchdachteste ist, aber der am Ende des Tages, nicht zuletzt auch aufgrund der bissigen Stimme Natalies, einfach Spaß macht.
Yesteryear von Caro Claire Burke (2026) Harper Collins
The Coast Road von Alan Murrin
1994, kurz vor dem irischen Scheidungsreferendum, in einer Kleinstadt an der Westküste Irlands. Zwei Frauen, die – zumindest nach außen hin – unterschiedlicher nicht wirken könnten. Lizzy ist die Frau eines beliebten Lokalpolitikers und führt ein konservativ geprägtes Leben. In ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter fühlt sie sich gefangen und spielt mit dem Gedanken, sich von ihrem Mann zu trennen, nachdem dieser keinerlei Verständnis für ihre Lage zeigt. Auf der anderen Seite ist Colette, eine freigeistige Schriftstellerin. Eine Frau mit einem – vor allem für damalige Verhältnisse – unkonventionellen Leben, losgerissen von ihrer Ehe und ihren Kindern, zog sie für einen anderen Mann nach Dublin. Doch als diese Beziehung scheitert, kehrt sie zurück in die Kleinstadt und findet sich in einer von der dortigen Gesellschaft fast schon verstoßenen Position wieder. Ihr Noch-Ehemann verwehrt ihr den Kontakt zu ihren Kindern, ihre Sorgen versucht sie durch Alkohol zu lindern.
Die zwei Frauen schließen eine Freundschaft, zeigen, was zwei Frauen trotz ihrer Unterschiede miteinander verbinden kann. Und auch wie Empathie und Zusammenhalt zwischen Frauen bestehen können, auch wenn man(n) dies auf den ersten Bick nicht nachvollziehen kann.
Voller Gefühlstiefe und szenischen, schwermütigen Bildern lässt Alan Murrin den Wind und Regen an der irischen Küste geradezu spürbar werden. Zugleich erzählt er von den Schicksalen verschiedener Frauen in Irland kurz vor der Legalisierung der Scheidung im Jahr 1995. Dabei zeichnet er ihre Lebensrealitäten so realistisch und bewegend, dass man das Gefühl bekommt, die beschriebenen Frauen persönlich zu kennen und unmittelbar mit ihnen mitzufühlen. Eine so überzeugende und einfühlsame Erzählung, dass ich zunächst kaum glauben konnte, dass sie von einem Mann geschrieben wurde.
The Coast Road von Alan Murrin (2025) Bloomsbury Academic
Giovannis Room von James Baldwin
Kann unterdrückte Liebe einen zerstören? Giovannis Room bietet eine Antwort auf diese Frage und viele mehr.
Der zweite Roman des bekannten US-amerikanischen Schriftstellers James Baldwin handelt von einem jungen Amerikaner namens David, der von internalisierter Homophobie und Selbsthass geplagt ist. Im Paris der 50er Jahre spielend, folgt der Roman einer tragischen Liebesgeschichte zwischen David und dem jungen italienischen Barkeeper Giovanni. Trotz ausstehender Verlobung mit Frau Hella, begibt sich David in eine Beziehung voller schambesetzter Liebe und versteckter Zuneigung. Die Abgeschiedenheit der beiden bewährt sich jedoch nicht, wenn sowohl Druck von seinem Vater, die Rückkehr von Davids Verlobten Hella und seine eigene Verweigerung sein wahres Ich zu akzeptieren aufeinandertreffen.
Im Jahre 1956 erschien der Roman in einer Zeit, in der im Heimatland von James Baldwin, sowie auch in Deutschland männliche Homosexualität noch unter Strafe stand. Nach dementsprechend zuerst sehr gemischter Kritik wird der Roman heute jedoch als moderner Klassiker angesehen. Auch für James Baldwin selbst war es ein wichtiger Schritt in seiner Karriere, nachdem er mit seinem ersten Roman Go Tell It On The Mountain von vielen auf die Rolle des ausschließlich über afroamerikanische Themen schreibenden Autors reduziert worden war, gelang es ihm mit diesem Roman, sich von dem Stereotyp zu lösen und seine Bandbreite literarischer Thematik zu erweitern.
Brilliant macht diesen Roman wie echt, menschlich und zutiefst fehlerhaft die Charaktere und ihre Entscheidungen sind. Giovannis Room ist für jeden, der etwas lesen möchte, was zum Nachdenken anregt, Gefühle auslöst und einem noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleibt.
Giovannis Room von James Baldwin (1956) Penguin Verlag
Honey von Imani Thompson
Wenn einem die eigene Menschlichkeit abgesprochen wird, kann man nur dann wieder zum handelnden Subjekt werden, indem man selbst auf die Seite derer wechselt, die über Leben und Tod entscheiden?
Yrsa ist eine ehrgeizige schwarze Soziologiedoktorandin und widmet ihre Forschung der Frage, wie der Afropessimismus den Befreiungsdiskurs Schwarzer Frauen beeinflusst. Um die Thesen ihrer Dissertation in der Praxis zu erproben, bedient sie sich einer eher unkonventionellen Methode: Sie tötet Männer, die ihre Macht missbrauchen.
Gelangweilt vom Desinteresse ihrer Studierenden und ihren oberflächlichen Beziehungen zu Männern, erlebt Yrsa einen langersehnten Kick, als sie (teils aus Zufall, teils aus unterlassener Hilfeleistung) einen Professor tötet, indem sie eine Biene in sein Getränk schnippt. Das Vergnügen, das sie beim Beobachten ihres erstickenden ersten Opfers empfindet, mündet in einer Serie rachsüchtiger Morde und führt sie immer tiefer in die Abgründe der Female Rage.
Thompsons Debütroman ist eine unterhaltsame und manchmal absurde Mischung aus Serienkiller-Thriller, Campusroman und Gesellschaftskritik – ein Auf und Ab moralischer Gewissheiten. Immer wieder streut die Autorin intertextuelle Verweise und Yrsas philosophische Überlegungen zu Misogynie, Rassismus, Heterofatalismus oder transgenerationale Traumata ein, ohne dabei den Humor und die Thrillermomente des Romans zu überschatten. Obwohl es mir schwerfiel, Sympathie für die zynische Protagonistin zu empfinden, und mich die leicht abrupte Auflösung ihrer immer verzwickteren Situation nicht ganz überzeugte, hat mich Honey bis zum Ende gefesselt und mir eine erschreckende, wenn auch in ihren Ursprüngen nachvollziehbare Idee von der zerstörerischen Macht weiblichen Zorns vermittelt.
Honey von Imani Thompson (2026) Rowohlt
Anton und Alma von Dana Vowinckel
Anton und Alma erschien im September 2026 und verkaufte sich direkt so gut, dass es zwischenzeitlich in den Berliner Buchhandlungen vergriffen war. Zu Recht. Denn auch, wenn ich die beiden Protagonist*innen, Alma und Anton, je weiter der Roman voranschritt, immer nerviger fand und der Meinung bin, dass Dana Vowinckel es sich mit dem Ende etwas zu leicht gemacht hat, als dass es ein 5/5 Sterne read gewesen wäre, schafft es der Roman dennoch das Lebensgefühl als Student*in in Berlin auf eine Art einzufangen, wie ich es bisher selten gelesen habe.
Der Roman erzählt die Liebesgeschichte von Anton und Alma. Beide studieren an der HU, leben in Neukölln, gehen zu Azzam, in die Mensa Süd und ins Grimm-Zentrum. Vowinckel schafft es einen studentischen Berlinroman zu schreiben, der sich fernab von Berlinklischees wie Techno und Drogen bewegt und erzählt den Alltag, die Unsicherheiten, Glücksmomente und die Einsamkeit von Anton und Alma in einer Realitätsnähe, die unfassbar nachvollziehbar ist.
Gleichzeitig wagt sie es, den Roman zeitlich in der unmittelbaren Gegenwart zu verorten. Die beiden durchleben die Pandemie, den 07. Oktober 2023 und die darauffolgenden Polarisierungen. Für Anton, der aus einer jüdischen Familie stammt und Familie in Israel hat, ist dieser Tag umso einschneidender. Die Stärke des Romans liegt auch darin, dass er nicht vor diesem aktuellen und aufgeladenen Thema zurückschreckt und Antons Gedanken und Auseinandersetzungen rund um den 07. Oktober und Israels Genozid in Gaza, so nahbar und nachvollziehbar Raum gibt. Gleichzeitig geben die Darstellungen von Antons Familienleben und seinem Freundeskreis Einblicke in ein modernes jüdisches Leben, wie man sie als nicht jüdische Person selten bekommt.
Vor allem für Berliner (HU-)Studierende ist das Buch auf jeden Fall eine dicke Empfehlung, weil das Lesen umso mehr Spaß macht, wenn man sich, zumindest teilweise, mit der Lebensrealität von Alma und Anton identifizieren kann und die vorkommenden Orte kennt.
Anton und Alma von Dana Vowinckel (2026) Suhrkamp
Persepolis von Marjane Satrapi
Diese Graphic Novel-Reihe ist perfekt, um aus einer Leseflaute auszubrechen oder während eines anstrengenden Semesters, die Lust am Lesen zu behalten. Durch simple, aber eindrucksvolle Bilder und ein schnelles Erzähltempo werden die Leser*innen in den Bann gezogen.
In diesem autofiktionalen Werk erzählt die Autorin Marjane Satrapi vom Aufwachsen in Iran während der islamischen Revolution. Erstmals sind beide Bände bereits 2004 erschienen, erlangten jedoch erneut Aufmerksamkeit nach dem Tod der Autorin im Juni 2026.
Die Protagonistin wächst als Kind von bürgerlichen und politisch aktiven Eltern in Teheran auf und erlebt mit zehn Jahren die islamische Revolution. Im ersten Band wird Marji begleitet, wie sie das Erstarken des religiösen Fundamentalismus im Land durchlebt und als Heranwachsende mit dem Finden der eigenen Identität hadert. Im zweiten Band lebt Marji in Österreich und muss als Teenagerin in einem kulturell und sprachlich fremden Land mit ihren Gefühlen gegenüber ihrer weit entfernten Heimat umgehen lernen.
Persepolis von Marjane Satrapi (2004) Edition Moderne
Foto: Kat von Wood







