Wie kommt der Mensch damit zurecht, wenn die vermeintliche Sinnhaftigkeit seiner Existenz zusammenbricht? Anton Artibilov verbindet in seinem Buch „Angespannt Vapen“ Gegenwartsbeobachtungen mit philosophischen Gedanken und stellt die Lesenden damit hier und da vor die großen Fragen des Lebens. 

Das in Filmen, Serien und Büchern oft porträtierte Klischee-Leben von Studierenden sieht ungefähr so aus: In Cafés rumhängen, hier und da eine Vorlesung besuchen und abends kommt das Bier ins Spiel. Mit Freundinnen und Freunden auf Partys in Parks den ein oder anderen Joint rauchen, wobei mit wabernden Gedanken über das Leben, das System und die Welt philosophiert wird. Doch selbst der glücklichste Mensch wird von Zeit zu Zeit vor den großen Fragen stehen: Was mache ich eigentlich mit meinem Leben? Was ist der Sinn von alldem, worin könnte ich ihn finden und komme ich damit klar, wenn es keinen gäbe?

Der Protagonist in Anton Artibilovs Debütroman „Angespannt Vapen“ ist zwar kein Student mehr, sein Leben sieht aber trotzdem – abgesehen vom Besuch von Vorlesungen – so aus. Namenlos wandert er durch ein ebenso namenloses Städtchen, irgendwo in der Nähe von Oldenburg, und lebt so vor sich hin. Doch das ändert sich, als er einen Fahrradunfall hat. Diesen übersteht er zwar weitgehend unbeschadet, doch in seiner Ohnmacht sucht ihn eine Vision heim. In dieser sieht er eine Vape mit merkwürdigem Logo. Er weiß, wenn er an dieser zieht, „wird der unüberwindbare Abstand verschwinden. Der Abstand zwischen zwei Menschen, der Abstand zwischen Gedanke und Wort, der Abstand zwischen mir und der Welt.“ Oder kurz gesagt: All die nervigen Fragen hören auf und er kann in Ruhe sein Dasein fristen.

Ein buntes Durcheinander macht noch keinen Salat!

Die Themen, die den Protagonisten beschäftigen, sind teils so unterschiedlich, dass sich das Lesen des Buchs anfühlt wie der gehirnschmorende TikTok-Algorithmus eines Verschwörungstheoretikers. Wo eben noch die Sinnkrise des Protagonisten und damit die Frage nach dem Sinn des Lebens im Zentrum steht, schlägt der Roman nur einige Seiten weiter in eine oberflächliche Kritik unseres kapitalistischen Systems um. So arbeitet er zwar heraus, dass sich eine Scheinorganisation, die keinen Sinn erfüllt, gar nicht so sehr von einer „richtigen“ Organisation unterscheidet, geht dieser Beobachtung aber nicht tiefer im Sinne einer Kapitalismuskritik oder ähnlichem nach.

Nach ausgiebiger Recherche kann der Protagonist das Logo auf der mystischen Vape als „Yak-Kraut“ identifizieren. Er ist sich sicher, dass er eine Vape herstellen muss, mit der sich ein Yak-Kraut-Liquid dampfen lässt. Davon erhofft er sich einerseits Antworten auf die Fragen, die ihn quälen, und andererseits großen Reichtum. Tatsächlich findet er das Kraut und bestellt es bei AliExpress — und tatsächlich raucht er es auch. Dies führt jedoch nicht zur erhofften Erleuchtung, sondern lediglich zu einem intensiven Trip, der ihn quer durch die Gegend rennen lässt. 

„Gehirnschimmel-orientiert geschrieben“

Während das Buch zwischen Sinnsuche, Kapitalismuskritik, Internetkultur und absurden Alltagssituationen hin und her springt, stellt sich die Frage, was dieses Chaos eigentlich soll. Teils wirken die gedanklichen Verirrungen des Protagonisten anstrengend und oberflächlich. Sie überfluten die Lesenden, sodass schnell der Fokus verloren geht. All die Motive, die auf der Suche des Protagonisten aufgeworfen werden, tragen die Lesenden neugierig von Seite zu Seite und füttern die schon angeschimmelten Gehirne mit ausreichend Unterhaltung.

Vielleicht ist aber auch gerade diese Sprunghaftigkeit das, was den Roman so interessant macht. Die Gedankenwelt des Protagonisten ist genauso zerfasert wie die digitale Welt, in der sich sowohl er als auch wir bewegen. Das Chaos scheint Absicht zu sein und fängt damit vielleicht einen ganz besonderen popkulturellen Moment ein. Das Buch könnte einen der ersten und vielleicht auch letzten literarischen Berichte aus einem Kopf darstellen, in dem das endlose Scrollen das Gehirn immer weiter zu Brei kocht – bis selbst die Fähigkeit verloren geht, diesen Zustand noch zu reflektieren. So wird Brainrot literarisch erfahrbar.

Schriftsteller, Rapper und Gen Z-ler

Anton Artibilov, der Autor dieses Werks, ist nicht bloß Schriftsteller, sondern auch noch renommierter Battle-Rapper. Unter dem Pseudonym „Joseph Steinschleuder“ steht er immer wieder im Ring, um sich mit seinen Kontrahenten verbal zu prügeln. Doch die Qualität seines Romandebüts „Angespannt Vapen“ rührt nicht nur von seiner Sprachgewandtheit. In einer Instagram-Story bezeichnet er sein Buch mit „gehirnschimmelorientiert geschrieben“. Diese mysteriös angehauchte Chiffre fasst die 100 Kapitel erstaunlich gut zusammen. Nicht nur die Themen, auch die Länge der Kapitel erinnert an das Scrollen durch Social Media: Manche ziehen sich über mehrere Seiten, andere sind nach wenigen Sätzen schon wieder vorbei.

Das Buch strotzt nur so vor sprachlicher Authentizität und dem, was sich im Internetjargon „Elite-Ball-Knowledge“ nennt (eine Art popkulturelles Insiderwissen). Diese Form des Schreibens passt auch zu Artibilovs Umgang mit Generationensprache. Auf jeder Seite wird klar, dass er nicht nur über eine Generation, sondern aus dieser heraus schreibt. Seine Sprache wirkt deshalb nicht wie der Versuch, etwas zu imitieren, sondern wie eine Sprache, die aus dieser Lebenswelt selbstverständlich hervorgeht.

Das macht den Roman nicht nur für seine Generation besonders nahbar, sondern erspart ihm auch jene unangenehmen, unnatürlichen und floskelhaften Gespräche, die so nie stattfinden würden. Gerade diese unverblümte und authentische Sprache ist eine der zentralen Qualitäten dieses ungewöhnlichen, spannenden und teils verwirrenden Buchs. Wer sich auf dieses literarische Gedankenchaos einlässt, bekommt deshalb vielleicht keine Antwort auf die großen Fragen des Lebens – dafür aber einen ziemlich authentischen Einblick in einen Kopf, der versucht, mit ihnen klarzukommen.


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